Social-Media-Verbote für Kinder? Fachleute dämpfen Erwartung | FLZ.de | Stage

arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 20.04.2026 08:16

Social-Media-Verbote für Kinder? Fachleute dämpfen Erwartung

Wie oft, wie viel, wie lang? Die Nutzung digitaler Medien ist zwischen Eltern und ihren Kindern oft ein wunder Punkt. (Archivbild) (Foto: Marcus Brandt/dpa)
Wie oft, wie viel, wie lang? Die Nutzung digitaler Medien ist zwischen Eltern und ihren Kindern oft ein wunder Punkt. (Archivbild) (Foto: Marcus Brandt/dpa)
Wie oft, wie viel, wie lang? Die Nutzung digitaler Medien ist zwischen Eltern und ihren Kindern oft ein wunder Punkt. (Archivbild) (Foto: Marcus Brandt/dpa)

Stundenlanges Chatten, Zocken und Scrollen: Vielen Eltern macht die Internetnutzung ihrer Kinder Sorge. Damit liegen sie nicht falsch, wie die Expertenkommission beim Bundesfamilienministerium jetzt in ersten Zwischenergebnissen bestätigt. Doch machen die Fachleute wenig Hoffnung auf einfache Lösungen, etwa in Form von Social-Media-Verboten für Kinder und Teenager. „Es ist zu kurz gesprungen, nur über Altersbeschränkungen nachzudenken“, sagt der Kommissionsvorsitzende Olaf Köller. 

Familienministerin Karin Prien (CDU) hatte die Kommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ im September eingesetzt. Sie soll eine wissenschaftliche Grundlage liefern für mögliche neue gesetzliche Regeln. Die Debatte gewann Fahrt, als Australien Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren erließ. Auch Prien hat nach eigenen Worten eine „gewisse Präferenz für eine Altersregulierung“, ebenso wie der Koalitionspartner SPD. Empfehlungen gibt die Kommission erst Ende Juni ab. Aber sie lieferte jetzt im ersten Schritt eine „Bestandsaufnahme“. Fünf Erkenntnisse aus den Zwischenergebnissen:

1. Das Problem ist real

Der Erziehungswissenschaftler Köller erinnerte daran, dass etwa eine Million Jugendliche digitale Medien auf problematische Weise nutzten, 300.000 zeigten Suchtverhalten. Hinzu kämen Risiken wie Cybermobbing, Hassrede, Pornografie und vieles mehr. Die Folgen können Verstörung, Angst, Schlafstörungen und andere psychische Belastungen sein, wie es im Zwischenbericht heißt.

Wie gefährdet einzelne Kinder und Jugendliche sind, hängt demnach auch von ihrer eigenen Lage ab - ihrer „Vulnerabilität“. „Frühe Kindheit, psychische Störungen, Traumaerfahrungen und soziodemografische Faktoren beeinflussen, wie digitale Medien wirken“, heißt es in dem Papier. Die unterschiedliche Empfänglichkeit für Risiken gehöre zu den Dingen, die sie am meisten überrascht hätten, sagt die Co-Vorsitzende der Kommission, Nadine Schön.

2. Auch Erwachsene sind das Problem

Die zweite wichtige Erkenntnis aus Schöns Sicht: das Verhalten der Erwachsenen. Risiken begännen eben nicht bei Jugendlichen, sondern schon viel früher. Dabei geht es zum einen darum, ob Kleinkindern selbst schon - womöglich unbeaufsichtigt - vor Bildschirmen sitzen. „Passive Bildschirmzeit kann deren Sprachentwicklung beeinträchtigen“, heißt es in der Bestandsaufnahme. Reizintensive Inhalte könnten Ablenkbarkeit begünstigen. Zum anderen geht es um die Ablenkung der Eltern durchs eigene Handy. Fachleute benutzen den Begriff „Technoference“ - die Technik kommt in die Quere, wenn eigentlich volle Aufmerksamkeit dem Kind gehören sollte.

3. Es ist nicht alles nur Problem

„Das Smartphone fungiert als zentraler Zugang zu Kommunikation, Unterhaltung, Information, sozialer Einbindung und zunehmend auch zu produktiven KI-basierten Anwendungen“, schreiben die Expertinnen und Experten. Es gebe eben auch große Chancen, sagte Köller. Social Media seien wichtige digitale Räume, zum Beispiel für queere Jugendliche. Die digitalen Medien könnten zu einer positiven Entwicklung der Identität beitragen.

Kinder und Jugendliche haben aus Sicht des Erziehungswissenschaftlers selbst einen hohen „Reflexionsgrad“, sie wissen um Chancen und Risiken. Und sie möchten sich das Medium nicht einfach entziehen lassen. Köller betonte, dass „Schutz und Teilhabe keine Gegensätze sind, sondern dass es um geschützte Teilhabe geht im Netz“.

4. Es gibt schon viele Vorschriften

„Ein wirkliches Regulierungsdefizit per se sieht man nicht“, sagt Schön. Vorschriften, die auch Kinder und Jugendliche schützen könnten, gibt es bereits. Auf EU-Ebene sind das zum Beispiel der Digital Services Act (DSA) und Leitlinien zum Schutz Minderjähriger. In Deutschland wirken das Jugendschutzgesetz und der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. Allerdings seien die Regelungen komplex und passten nicht immer zusammen. „Vor allem sehen wir auch Defizite im wirksamen Vollzug“, sagt die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete.

Das betrifft auch mögliche Altersbeschränkungen für Social Media: Wie setzt man die eigentlich durch? In Australien etwa zeigt die Erfahrung, dass Jugendliche Umwege finden. Eine auf EU-Ebene entwickelte technische Lösung solle ab Anfang 2027 zur Verfügung stehen, sagt Prien.

5. Ein Verbot allein wird nichts nützen

Man solle nicht glauben, mit einer Altersbeschränkung sei das Problem gelöst, sagt Köller. Es gebe eben nicht „eine einfache politische Lösung“. Man müsse „das Problem in seiner ganzen Breite anpacken“. Soll heißen: Alle Beteiligten müssen zusammenwirken. Eltern, wenn nötig mit Unterstützung von Fachleuten, die Schulen, die Kinder- und Jugendärzte.

Es gebe Medienbildung und Prävention in Deutschland, aber eben nicht flächendeckend, schreiben die Fachleute. „Familie, Kita, Schule, Jugendhilfe, außerschulische Kinder- und Jugendarbeit sowie Elternbildung spielen eine wichtige Rolle für die Medienbildung und bauen aufeinander auf.“

Prien sagt, sie fühle sich durch die Kommission bestätigt, dass es einen „breiten strategischen Ansatz“ auf allen gesellschaftlichen und staatlichen Ebenen brauche, um dem Problem angemessen zu begegnen.

© dpa-infocom, dpa:260420-930-967616/1


Von dpa
north