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Veröffentlicht am 11.06.2026 00:08

„Solarpunk“: Cozy Crafting statt Spektakel

Manchmal langsamer als gewollt: Wer in „Solarpunk“ vorankommen will, muss beim Anbau von Pflanzen geduldig sein. (Foto: Cyberwave/dpa-tmn)
Manchmal langsamer als gewollt: Wer in „Solarpunk“ vorankommen will, muss beim Anbau von Pflanzen geduldig sein. (Foto: Cyberwave/dpa-tmn)
Manchmal langsamer als gewollt: Wer in „Solarpunk“ vorankommen will, muss beim Anbau von Pflanzen geduldig sein. (Foto: Cyberwave/dpa-tmn)

Drei Tage vor dem Launch schrieben die Entwickler des Überlebensspiels „Solarpunk“ etwas, das man in der Spielebranche selten liest: eine Warnung. „Wir wissen, dass manche Spieler auf die Wishlist-Zahl schauen und ein riesiges Survival-Spiel erwarten könnten, das von Dutzenden oder Hunderten Entwicklern gemacht wurde“, schrieb das deutsche Zwei-Personen-Studio Cyberwave auf Steam. „Aber das ist Solarpunk nicht.“

Über 1,2 Millionen Gamer hatten das Spiel auf ihre Steam-Wunschliste gesetzt, die Demo wurde mehr als eine halbe Million Mal gespielt - und Cyberwave wollte sichergehen, dass niemand „Solarpunk“ mit falschen Erwartungen kauft.

Es handele sich weder um ein Player-versus-Player-Spiel, noch um eine große Story-Kampagne oder gar ein Game mit Hunderten Stunden Spielzeit, sondern um „eine ruhige, cozy und fokussierte Survival Craft Sandbox, gemacht von einem winzigen Team mit viel Liebe.“ Diese Offenheit ist ungewöhnlich - und sie ist symptomatisch für ein Spiel, das konsequent seinen eigenen Weg geht.

Gestrandet auf schwebender Insel - Geduld ist gefragt

„Solarpunk“ beginnt damit, dass man allein auf einer kleinen Himmelsinsel erwacht: kein Begleiter, keine Sprachausgabe, keine Geschichte. Ein Survival-Leitfaden und eine Handvoll einfacher Aufgaben markieren den Start: Äste aufsammeln, Steine zertrümmern, eine Werkbank bauen. Dann ist man auf sich gestellt.

Die Startinsel ist klein und in zehn Minuten vollständig erkundet. Versteckte Höhlen oder Geheimnisse sucht man vergeblich. Es gibt Holz, Stein, etwas Lehm und Eisenerz - mehr nicht. Das Spiel spart seine Überraschungen für später auf.

Wer hier sofort nach Tiefe oder Abwechslung sucht, wird tatsächlich enttäuscht. Der Einstieg verlangt Geduld. Das Tutorial hilft, wirkt aber stellenweise etwas knapp bemessen. Ein freundlicher Nicht-Spieler-Charakter, der einem gelegentlich zur Seite steht, hätte dieser gesichtslosen Anfangsphase gutgetan.

Ökologischer Ansatz: Mit der Natur, nicht gegen sie

Das zentrale Designprinzip von „Solarpunk“ ist sein ökologischer Ansatz. Wer Bäume fällt, pflanzt Setzlinge nach. Energie kommt zunächst aus Holz, später aus Solaranlagen und Windturbinen.

Das Wetter beeinflusst dabei direkt die Energieproduktion: An bewölkten Tagen liefern Solaranlagen weniger Strom, Stürme können Windturbinen begünstigen oder Felder beschädigen. Wer seine wachsende Siedlung effizient betreiben will, muss also auch den Himmel im Blick behalten.

Ein solarbetriebener Bohrer ersetzt mit der Zeit die Spitzhacke, arbeitet aber nur tagsüber und verlangt regelmäßige Luftschiff-Ausflüge zur Ernte.

Mehr Tiefe als zunächst gedacht - teils erzwungener Stillstand

Transportdrohnen und drahtlose Stromnetze ergänzen das Automatisierungssystem und sorgen dafür, dass unter der gemütlichen Oberfläche mehr Tiefe steckt, als der erste Eindruck vermuten lässt. Wer Produktionsketten optimieren will, findet hier Stoff zum Tüfteln.

Wer hingegen rasch vorankommen will, stößt auf ein konkretes Problem: Für den Bau des Luftschiffs braucht man Materialien wie Baumwolle. Doch die kommt auf der Startinsel kaum vor. Hat man die wenigen natürlich gewachsenen Exemplare bereits geerntet, wartet man geduldig, bis ein Samen zu zweien wird, dann zu dreien. Das fühlt sich weniger nach Entschleunigung an als nach erzwungenem Stillstand - und das ist der deutlichste Kritikpunkt an „Solarpunk“.

Geniale Luftschiff-Idee und der Wille zum Entdecken

Ein Luftschiff ist das Herzstück des Spiels - und eine seiner besten Ideen. Die Steuerung ist anfangs komplex, aber durch Bildschirmhinweise gut erlernbar. Sie findet schnell einen angenehmen Mittelweg: Man fühlt sich nie als Meister der Lüfte, aber auch nie völlig hilflos. Der Flug zwischen den Inseln dauert einige Minuten, das Andocken an Luftschiffstationen erfordert Sorgfalt.

Die Inseln selbst überraschen mit Abwechslung. Manche fungieren als Handelsposten, wo ein Roboter-Händler Aufgaben vergibt und neue Baupläne belohnt. Andere sind reine Rohstoffvorkommen, die man regelmäßig anfliegt. Wieder andere haben einen ganz eigenen Charakter. „Solarpunk“ macht dabei eines klar: Wer weiterkommen will, muss aufbrechen. Exploration ist keine Option, sondern Notwendigkeit.

Holzunterschlupf wird Anwesen, doch der Charakter stagniert

Mit der Zeit entwickelt sich die eigene Basis von einem schlichten Holzunterschlupf zu einem durchdachten Anwesen. Neue Baumaterialien, Fenster, Dekorationen, Möbel und zusätzliche Stockwerke erweitern die Gestaltungsmöglichkeiten. Die Auswahl an Einrichtungsgegenständen ist beachtlich. Wer Freude am Einrichten hat, findet hier einen echten Spielplatz.

Die Landwirtschaft folgt ähnlichen Prinzipien: Verschiedene Pflanzen haben unterschiedliche Ansprüche, Himbeersträucher etwa sind besonders empfehlenswert, da ihre Früchte sowohl Hunger als auch Durst lindern. Im Co-op mit bis zu vier Spielenden findet „Solarpunk“ zu seiner eigentlichen Stärke: Aufgaben werden verteilt, die Farm wächst schneller, und das Aufbauen bekommt einen sozialen Rhythmus, der dem Spiel gut steht.

Was dem Zusammenspiel aber noch fehlt, sind Dinge wie beispielsweise Gestik oder wechselbare Kleidung. Allgemein scheint die Personalisierbarkeit des eigenen Charakters noch ausbaufähig.

Atmosphäre als größte Stärke: eine stimmige Spielwelt

Was „Solarpunk“ von ähnlichen Titeln abhebt, ist die Atmosphäre. Das Grün der Wiesen, das Blau des Himmels, das Summen der Solaranlage und das Rauschen des Winds schaffen eine Welt, die zum Verweilen einlädt. Die Optik hält, was die Ankündigungsbilder versprechen: keine Hochglanzillusion, sondern eine stimmige, handgefertigte Spielwelt.

Umso mehr fällt auf, was noch fehlt. Das Spielgefühl bei grundlegenden Aktionen ist wenig befriedigend: Wer einen Busch mit der Axt bearbeitet, bekommt kaum visuelles Feedback – keine Partikeleffekte, keine sichtbaren Schäden am Objekt.

Kaum Tooltips, kein gezieltes Grafik-Tuning - aber das ist lösbar

Tooltips fehlen oft, sodass man sich manchmal unsicher ist, welches Item man jetzt vor sich hat. Auf dem PC fehlen zudem detaillierte Grafikoptionen. Statt individueller Einstellungen gibt es nur eine allgemeine Qualitätsstufe. Wer gezielt einzelne Grafikaspekte anpassen möchte, schaut in die Röhre.

Diese Schwächen sind real, aber keine unlösbaren Probleme. Cyberwave hat mit seinem Vorgängertitel „A Game About Digging A Hole“ bereits gezeigt, dass das Studio auf Spielerfeedback reagiert. Und die Offenheit, mit der die Entwickler vor dem Launch über die Grenzen ihres Spiels gesprochen haben, lässt hoffen, dass sie auch danach zuhören.

Fazit: Für alle, die sich in den Wolken treiben lassen wollen

„Solarpunk“ ist kein Spiel, das um jeden Preis gefallen will. Es ist ein ruhiges, atmosphärisches Survival-Erlebnis für alle, die Entschleunigung als Tugend verstehen - allein oder mit Freunden. Man bekommt mit „Solarpunk“ rund 20 Stunden Hauptinhalt, eine stimmige Welt und ein Fundament, das noch Luft nach oben hat.

Wer ein riesiges Survival-Spektakel erwartet, sollte besser woanders schauen. Wer bereit ist, sich hoch oben in den Wolken einfach treiben zu lassen, könnte etwas finden, das länger hängen bleibt als erwartet.

„Solarpunk“ ist für PC, Xbox Series X/S und Nintendo Switch 2 (jeweils rund 23 Euro) sowie für die Playstation 5 (rund 25 Euro) erhältlich. Für das Spiel gilt keine Altersbeschränkung (USK 0).

© dpa-infocom, dpa:260610-930-204620/1


Von dpa
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