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Veröffentlicht am 27.05.2026 09:01

Vorbild sein? Eltern kämpfen mit eigener Bildschirmzeit

Bei 13- bis 17-Jährigen hat sich die Mediennutzung weitgehend verselbstständigt: Laut Aussage befragter Eltern nutzen 97 Prozent Smartphones täglich, sieben Prozent sogar fünf Stunden oder mehr. (Foto: Zacharie Scheurer/dpa-tmn)
Bei 13- bis 17-Jährigen hat sich die Mediennutzung weitgehend verselbstständigt: Laut Aussage befragter Eltern nutzen 97 Prozent Smartphones täglich, sieben Prozent sogar fünf Stunden oder mehr. (Foto: Zacharie Scheurer/dpa-tmn)
Bei 13- bis 17-Jährigen hat sich die Mediennutzung weitgehend verselbstständigt: Laut Aussage befragter Eltern nutzen 97 Prozent Smartphones täglich, sieben Prozent sogar fünf Stunden oder mehr. (Foto: Zacharie Scheurer/dpa-tmn)

Eltern sind in einer verdammten Zwickmühle: Wenn es um die Social-Media-Nutzung ihrer Kinder geht, finden viele ein Mindestalter gar nicht schlecht - dann scheint dieses leidige Thema im Familienalltag mit all seinen Diskussionen und Ermahnungen endlich vom Tisch. Gleichzeitig hadern Mütter und Väter aber damit, maßvolle Nutzung vorzuleben - weil sie es ja selbst kaum schaffen, nicht ausufernd auf Bildschirme zu starren. 

Studie bestätigt Paradox

Das Paradox ist nicht nur gefühlt da, sondern wird jetzt von einer Studie bestätigt: 

  • So wünschen sich 81 Prozent der Eltern sich eine staatliche Regulierung, 56 Prozent befürworten ein gesetzliches Mindestalter für Social Media.
  • Gleichzeitig sehen 49 Prozent die Hauptverantwortung bei sich selbst, die Nutzung zu begrenzen. 
  • 83 Prozent der Eltern sind sich bewusst, dass sie mit ihrem Medienverhalten eine Vorbildfunktion haben. 
  • Doch fast die Hälfte (48 Prozent) kämpft mit der eigenen Bildschirmzeit und verbringt mehr Zeit am Smartphone, als sie es sich wünschen. 

Die repräsentative Umfrage hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov vom 30. April bis 6. Mai 2026 im Auftrag des Gesundheitsbegleiters Doctolib unter 1.014 Eltern durchgeführt, die mindestens mit einem Kind unter 18 Jahren im Haushalt zusammenleben. Sie hat noch mehr ans Licht gebracht: 

  • Danach verbringen 43 Prozent der befragten Eltern täglich zwei Stunden oder mehr privat mit dem Smartphone. 
  • Fast ebenso viele (42 Prozent) tummeln sich eine Stunde oder länger am Tag auf Social Media. 
  • Das finden 43 Prozent von ihnen selbst zu viel. Sie sagen, sie würden ihren eigenen Konsum gerne einschränken, finden das aber schwierig. 

Im Alter ab 6 Jahren gehen die Konflikte los

Und wissen die Eltern überhaupt, wie oft die Kinder überhaupt Bildschirme nutzen? Auch das wurde innerhalb der Studie abgefragt. Die Eltern sollten dazu die Einschätzung über jedes einzelne der 1.663 Kinder abgeben. Ergebnis:

  • Mehr als die Hälfte der Kinder (51 Prozent) nutzen bis zum Alter von fünf Jahren gar keine Smartphones oder Tablets. 55 Prozent der Eltern mit Kindern in diesem Alter geben an, klare Medienregeln konsequent umzusetzen. 
  • Konflikte gibt es dennoch bei 21 Prozent der Befragten, sie berichten von häufigen Auseinandersetzungen. 
  • Spätestens mit dem Schuleintritt wird die Nutzung digitaler Medien Teil des Alltags. Insgesamt nutzen 80 Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen in ihrer Freizeit Smartphones oder Tablets. 
  • Die Konfliktrate erreicht in dieser Altersgruppe mit 24 Prozent ihren Höchststand. In der Folge beobachten 72 Prozent der Eltern mit Kindern in diesem Alter negative Auswirkungen – am häufigsten Stimmungsschwankungen, weniger gemeinsame Zeit und Gespräche sowie Konzentrationsprobleme.
  • Bei 13- bis 17-Jährigen hat sich die Mediennutzung weitgehend verselbstständigt: Laut Angaben der Eltern nutzen 97 Prozent Smartphones täglich, sieben Prozent sogar fünf Stunden oder mehr. 81 Prozent sind in den sozialen Medien aktiv. Gleichzeitig schwindet der elterliche Einfluss: Nur noch 35 Prozent setzen klare Medienregeln konsequent um. 

Ob Regeln gelten und durchgesetzt werden oder nicht - es zeigt sich ein weiteres Phänomen im Familienalltag: Der Griff zum Handy, Tablet und Co. scheint ansteckend zu sein: 37 Prozent der Eltern greifen häufig oder sehr häufig zum Smartphone, während das Kind oder die Kinder selbst Medien nutzen oder abends noch wach sind bzw. kurz vor dem Schlafengehen (28 Prozent).

Die verflixte Krux mit der Vorbildrolle

„Eltern unterschätzen oft, wie sehr ihr eigenes Medienverhalten das ihrer Kinder prägt“, erklärt Kinder- und Jugendärztin Laura Benyoub-Müller aus Ratingen. Dass Kinder nachahmen, was sie zu Hause sehen, gelte auch für den Umgang mit dem Smartphone. „Kein Verbot wirkt so nachhaltig wie ein bewusstes Vorbild“, sagt die Medizinerin.

Sie kann dabei verstehen, dass es Kinder unfair finden, wenn nur sie sich an Regeln zu Medienzeiten halten sollen, die Eltern aber nicht. „Warum können sie ellenlange Chats führen, ich aber nicht?“, sei eine häufige Frage, die Eltern in Erklärungsnot bringen. Sie erinnert dann an ihre eigene Kindheit, in der ihre Eltern 5 Briefe am Tag bekommen hatten - und sie keinen einzigen. „Ich wollte auch Post. Erst als mir meine Mutter erklärte, dass es sich dabei meist um lauter Rechnungen handelte und versicherte „solche Post willst du nicht”, war ich auch nicht mehr scharf darauf.“ 

Auf die heutige Zeit übertragen rät Dr. Benyoub-Müller den Eltern ihrer Patienten daher, den Kindern je nach Alter genau zu erklären, wenn es sich bei Mamas oder Papas Bildschirmzeit um notwendige Erledigungen des Alltags handelt. Wenn aber nicht, gelte ihr Motto: „Das Schöne an der Kindererziehung ist, sich selbst an die ganzen Regeln zu halten.“

Wie sich Eltern überlisten, selbst weniger am Handy zu hängen

Dabei hat die Kinderärztin auch Rezepte für Mütter und Väter auf Lager, wie sie ihre eigenen Konsum-Routinen überlisten können. Hier drei praxistaugliche Tipps:

  1. Tragen Sie eine klassische Armbanduhr! „Dann fällt schon mal ein Grund weg, nur wegen der Uhrzeit ständig aufs Smartphone zu schauen.“ Auch eine Smartwatch sei nicht ideal, weil da ständig neue Pop-ups aufblingen.
  2. Wuseliger Alltag? Dann strukturieren Sie den neu! Etwa so: Jetzt trinke ich Kaffee, danach spiele ich mit den Kindern, dann ist eine feste Zeit dran, wo Mails gecheckt, Verwaltungskram erledigt, recherchiert oder Online-Bestellungen aufgegeben werden. „Dann weiß das Kind, Mama arbeitet gerade Wichtiges ab und daddelt oder surft nicht nur so rum.“
  3. Behalten oder führen Sie wieder eine Festnetznummer ein! „Dann kann man mal das Handyklingeln oder das Bling-Geräuch für eine neue Message ruhig ignorieren. Wenn dann nämlich kurz darauf auch das Festnetz klingelt, weiß ich, dass es wirklich dringlich ist“, so Laura Benyoub-Müller. Dabei sei es hilfreich, wenn man für einzelne Personen, Schule oder Kindergarten einen jeweils besonderen Klingelton einstellt. „So wird man nicht mehr darauf wie ein Hündchen konditioniert, bei jedem Bling los zum Handy zu rennen.“

© dpa-infocom, dpa:260527-930-133847/1


Von dpa
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