Was könnten Weltverbesserer an einem grauen Novembertag tun? Richtig: Bäume pflanzen. Am Donnerstag besuchten 72 Kinder aus den dritten Klassen der Grundschule Uffenheim Martin Rückert in Custenlohr. Der hatte gemeinsam mit dem Landschaftspflegeverband im Landkreis vier Stationen aufgebaut, die Naturwissen praktisch vermittelten.
Donnerstag, 8.30 Uhr, am Ortsrand von Custenlohr: Das Thermometer zeigt 0 Grad an, leichter Nebel hängt in der Prärie. Zwei Busse spucken 72 Kinder samt Betreuerinnen und Betreuern aus. An diesem Vormittag steht ein besonderer Termin auf dem Lehrplan, ein Teil des Streuobst-Navis – wobei „Navi” nichts mit den kleinen Helferchen im Auto zu tun hat, sondern für „Naturverbindungsinitiative” steht, wie Streuobstberater Florian Kleinschroth erklärt.
In Zweier-Reihen aufgestellt, strömen die Kinder auf die Wiese des Geschehens. In der Luft liegt der süßlich-verbrannte Geruch einer Imker-Rauchmaschine. Martin Rückert aus Custenlohr hatte die Idee zu dieser Aktion. In erster Linie geht es ihm ums Bäumepflanzen, elf kleine Setzlinge liegen auf einem Anhänger bereit und sollen am Feldrand gepflanzt werden. Beim Wetter der vergangenen Tage eine etwas matschige Angelegenheit. Alle Beteiligten werden am Ende ob der Schlammklumpen an den Schuhsohlen sicherlich einige Zentimeter gewachsen sein.
Doch worum geht es eigentlich? „Es geht um euch”, sagt Kleinschroth. Der Wald steht auf dem Lehrplan der dritten Klassen. Und in Uffenheim, erklärt Schulleiterin Claudia Dachlauer, werden solche Inhalte gerne mit praktischen Lehrbeispielen verbunden. Besuche im Wasserwerk, auf der Kläranlage oder eben für Naturkunde in Custenlohr bringen die zuvor gelernte Theorie in die Praxis-Welt.
Das ist auch gut so, findet Uffenheims Vize-Bürgermeister Hermann Schuch, der spontan für Wolfgang Lampe eingesprungen ist. Eine halbe Stunde nach dem Anruf steht er in Gummistiefeln im Schlamm, Spaten in der Hand, Expertise im Kopf. Der lehmige Gauboden ist schwer. Das betont auch der Streuobstberater leicht angestrengt. Die Kinder jammern aber nicht. Sie graben.
Im Watschel-Marsch geht es zum Anhänger. „Zieht”, tönt es. Ein paar Jungs haben sich den Setzling gesichert. Andere bringen den Holzpflocken mit, die Gießkannen oder das Holz-Gehäcksel. Alles, was man eben so braucht, um ein neues Baumleben zu erschaffen. Doch vor den Erfolg hat der liebe Gott die Arbeit gesetzt.
Das Fleckchen Erde gehört Martin Rückert. „Ich habe einen eigenen Blick auf die Landschaft.” Dabei fällt ihm eines auf: Die Fluren sind zu aufgeräumt. Das will er ändern, neue Bäume und Heckenstrukturen schaffen. „Jeder, der Land hat, hat auch Verantwortung”, betont der Custenlohrer. „Zurück zur Natur”, beschreibt er sein Motto.
Rückert will für mehr Schatten sorgen, für besseres Mikroklima. Denn: Um das Klima zu retten, „müssen wir Bäume pflanzen. Pflanzen, pflanzen, pflanzen – nicht in homöopathischen Dosen”. Im Landschaftspflegeverband ist er Mitglied – und bei der Vorsitzenden Helga Kerwagen hatte er gleich eine begeisterte Frau an seiner Seite. Das Umweltministerium und der Landschaftspflegeverband finanzierten das Projekt über den Streuobstpakt.
Am Räuchertisch des Imkers Hermann Redinger steht eine Schüler-Traube. Gebannt beobachten die Kinder die Bienen hinter der Scheibe. Wie viele in so einem Volk wohl leben? Sofort schnellen Finger in die Luft. „Eine Million”, schlägt einer vor. „100.000.” In Redingers Fall sind es ziemlich genau 4000. Eine Honigkostprobe folgt – und eine Lerneinheit, wie wichtig die Tierchen sind: ohne Bienen keine Bestäubung, ohne Bienen kein Honig.
Gegenüber wird Apfelsaft gepresst. Die Helfer um Michael Winterstein sind vom strömenden Ergebnis überrascht. Besonders saftig sind sie, diese alten Sorten. Hinter dem Holzstapel werden derweil Naturmaterialien gesammelt. Die Schülerinnen und Schüler sollen Bäume zum Leben erwecken. Nach den zwei Stunden werden alle in die Welt grinsen, die Kinder haben ihnen Gesichter geschenkt. Und Bäume scheinen ziemlich gute Laune zu haben. Ein Baum müsste man sein.
Landratsstellvertreter Reinhard Streng hat in seinem Leben nach eigenem Bekunden schon hunderte Bäume gepflanzt. Am Elternhaus in Altheim, auf Streuobstwiesen. Aber das Wissen über die Natur schrumpft, sagt die Politikprominenz. „Die Kinder lernen immer weniger im Elternhaus.” Ein Junge beweist aber: Das muss nicht so sein. Alle Fragen über Bäume kann er beantworten. „Hast du schon ein Seminar gemacht?”, fragt Streng. Jein, der Opa ist Förster.
Streng erinnert sich gerne an seine Kindheit. Da hatte jeder Bub noch einen Lieblingslandwirt, erzählt er, der einen auf dem Traktor mitgenommen hat. Da wusste jeder, wie der kleinbäuerliche Betrieb funktioniert. Der Kreislauf einer Kartoffel. Die Abläufe im Kuhstall. Grundschulexkursionen zum Baumpflanzen waren nicht nötig. Streng: „Aber die Zeiten ändern sich. Heute ist es wichtig, solche Themen einzubinden, sonst lernen sie es nicht mehr.”
Bei Florian Kleinschroth als studiertem Experten kann sogar ein Hermann Schuch noch etwas lernen, obwohl er ein alter Hase ist. Über das richtige Knoten an den Pflock. Über besondere Zaubermittelchen. Und für die Kinder, weiß Dachlauer, ist so eine Aktion das Größte. Sie gehen in die Natur und schreien es hinaus: „Den Baum hab ich gepflanzt.” Nach Custenlohr können sie zurückkehren, sich die Entwicklung ihres Setzlings anschauen. Streng betont: „Wichtig sind die Emotionen, eine Beziehung zu etwas aufzubauen.”
Schuch hat seinen spontanen Bürgermeister-Einsatz nicht bereut. „Das ist eine tolle Aktion.” Natur erleben. Zuschauen, wie etwas wächst und gedeiht. Nach diesem Vormittag sehen die Kindergesichter aus wie die lebendig gewordenen Bäume: Freude überall. Ganz nebenbei ist Custenlohr um elf Bäume reicher.