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Veröffentlicht am 01.01.2025 13:16

Wer einen Hausarzt sucht, braucht Geduld und Glück

Nicht wenige sind über 60, einzelne sogar über 70 Jahre alt. Wer aufhört, findet häufig keinen Nachfolger. Schon seit längerem sinkt die Zahl der Hausärztinnen und Hausärzte in der Region. Wer noch praktiziert, hat oft eine Aufnahmesperre für neue gesetzlich versicherte Patienten.

„Wie sollen sich Patienten verhalten, die in zumutbarer Entfernung keine Hausarztpraxis finden, die sie aufnimmt?“ Dies ist die Gretchenfrage, die sich für Bürgerinnen und Bürger ohne Hausarzt stellt, etwa für neu Zugezogene.

Die Terminservicestelle ist zum Helfen da

„Patienten, die Probleme haben, einen Termin zu erhalten, können sich an die Terminservicestelle unter der Rufnummer 116117 wenden.“ Dies rät die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) Bürgern in Hausarztnöten, so die Antwort von Dr. Axel Heise, stellvertretender Pressesprecher der KVB.

Ein stichprobenartiger Testanruf bei der Servicestelle ergab einen Treffer, allerdings nicht in Westmittelfranken. Beim ersten Anrufversuch hatte die automatische Ansage geraten, es wegen Überlastung zu einem anderen Zeitpunkt zu versuchen. An einem anderen Tag klappte es – nach etwa zehn Minuten in der Warteschleife. Die Frage an den Servicemitarbeiter lautete: „Ohne akute Beschwerden, bei wem bekomme ich als Bewohner eines Dorfes im Kreis Ansbach frühestmöglich einen Hausarzttermin?“

Wer kein Auto hat, benötigt viel Zeit

Eine Ärztin in Fürth, etwa 45 Autominuten entfernt, habe am übernächsten Werktag vormittags einen Termin frei, war die Antwort. Wer kein Auto hat, braucht jedoch mit öffentlichen Verkehrsmitteln von dem Dorf des Anrufers aus rund eine Stunde und 50 Minuten bis zu der Praxis am Fürther Stadtrand, und das nur für die einfache Strecke.

Was ist zu tun, wenn jemand ohne Hausarzt akute Beschwerden hat? Für diesen Fall verwies der Servicemitarbeiter auf den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Dies tat ein anderer Servicemitarbeiter auch im Hinblick auf eine noch am gleichen Tag benötigte Krankschreibung.

„Die örtliche Politik hat es in der Hand”

Der mittelfränkische Bezirksvorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes, Dr. Marc Metzmacher aus Gunzenhausen, gibt ebenfalls Tipps für die Hausarztsuche, allerdings eher mit einer langfristigen Perspektive: „Ich kann nur empfehlen, mit Geduld immer wieder bei allen Hausarztpraxen vor Ort anzufragen und auch Lokalpolitiker mit dem Anliegen zu konfrontieren und um Unterstützung zu bitten. Denn die örtliche Politik hat es mit weichen Kriterien in der Hand, Hausärzte an den Ort zu bekommen“, teilte er mit.

In der Einschätzung der Versorgungslage stimmte Metzmacher im Wesentlichen mit seinem Kollegen von der KVB überein. Metzmacher: „Dass es vielerorts nicht genügend Hausärzte gibt, hat diverse Gründe – die teilweise unzulängliche Vergütung hausärztlicher Leistungen spielt dabei sicher auch eine Rolle.“

Die Krankenkassen, so Metzmacher, hätten es „in der Hand, die hausärztliche Tätigkeit attraktiver zu machen, indem sie beispielsweise endlich die Obergrenzen in Verträgen zur Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) aufgeben und die HZV generell stärken, indem sie HZV-Versicherten einen Bonus gewähren“.

Einige Bereiche sind offiziell unterversorgt

Das Fazit von Metzmachers Kollegen Heise anhand des Beispiels der Planungsbereiche Ansbach Nord (hausärztlich „als unterversorgt eingestuft“) und Ansbach Süd („regelversorgt“) lautete: „Beide Planungsbereiche liegen aktuell deutlich unter dem bundesweit definierten Ziel für die ambulante hausärztliche Versorgung.“ Nach der KVB-Statistik gelten die Räume Feuchtwangen und Wassertrüdingen ebenfalls als hausärztlich unterversorgt, und im Bereich Uffenheim gibt es eine drohende Unterversorgung.

Der KVB-Vertreter führte mehrere Gründe für den Hausarztmangel in zahlreichen ländlichen Regionen an: Ärzte, die in den Ruhestand gehen und auch die KVB hätten vielfach Probleme, Nachwuchsmediziner zu finden. Heise: „Bereits jetzt haben wir immer mehr Planungsbereiche mit Unterversorgung und drohender Unterversorgung – insbesondere im hausärztlichen, aber auch im fachärztlichen Bereich.“

Positiver Effekt durch MVZ in Neuendettelsau

Zudem seien „die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eine ausgeglichene Work-Life-Balance“ Nachwuchsmedizinern „wichtiger als je zuvor“. Und weiter: „Erschwerend hinzu kommt der Fachkräftemangel bei Praxismitarbeitern.“Auch steige die „Zahl der Ärzte, die in Teilzeit und/oder in Anstellung arbeiten“ oder gemeinsam mit Medizinern anderer Fachrichtungen tätig sein wollten.

Dr. Axel Heise zählt jedoch auch einige Verbesserungen auf, etwa das von der Gemeinde Neuendettelsau geplante Medizinische Versorgungszentrum (MVZ). Zudem sei für Ansbach Nord von der KVB und vom unabhängigen Landesauschuss der Ärzte und Krankenkassen ein Hausarzt-Förderprogramm aufgelegt worden, etwa mit einem Zuschuss zu Investitionskosten.

Medizinische Fachangestellte beziehungsweise Arzthelferinnen sind für die hausärztliche Versorgung unverzichtbar. So zählen Impfungen zu den Aufgaben von Michelle Krause (rechts). (Foto: Kurt Güner)
Medizinische Fachangestellte beziehungsweise Arzthelferinnen sind für die hausärztliche Versorgung unverzichtbar. So zählen Impfungen zu den Aufgaben von Michelle Krause (rechts). (Foto: Kurt Güner)
Medizinische Fachangestellte beziehungsweise Arzthelferinnen sind für die hausärztliche Versorgung unverzichtbar. So zählen Impfungen zu den Aufgaben von Michelle Krause (rechts). (Foto: Kurt Güner)

Perspektive Patientin, Perspektive Hausärztin: Die Situation ist schwierig

Es gibt regional oft nicht genug Hausärzte. Welche Erfahrungen machen Kranke und Mediziner mit dieser Situation? Das wird schlaglichtartig anhand zweier zufällig ausgewählter Beispiele deutlich.

„Als mein Hausarzt, bei dem ich 20 Jahre lang Patientin gewesen war, seine Praxis ohne Nachfolger geschlossen hat, habe ich sämtliche Ansbacher Arztpraxen angerufen“, berichtete eine 48-Jährige. Nur die letzte Praxis, die auf ihrer Liste gewesen sei, habe noch Patienten aufgenommen.

Die Frau ergänzt: „Ich bekam ein Vorstellungsgespräch als mögliche Patientin. Auf dieses musste ich in der Coronazeit aber über zwei Monate warten.“Bei dem Vorstellungstermin sei ihr in der Praxis zunächst gesagt worden, es würden doch keine neuen Patienten mehr aufgenommen. Und sie sei sogar energisch gebeten worden, die Praxis zu verlassen. Erst als sie erwähnt habe, dass sie vor über zwei Monaten angerufen hatte, fand sich bei einer erneuten Suche im Computer der Termin für eine Bewerbung als Patientin.

Die 48-Jährige fährt fort: „Danach akzeptierten sie meine Versichertenkarte, womit ich glücklicherweise in ihrer Kartei landete.“ Ein Gespräch habe es trotzdem nicht gleich gegeben, „denn die Praxis war so voll, dass ich erst weit nach Feierabend bei der Ärztin landete. Die wollten alle nach Hause, das war offensichtlich.“

Das Kennenlern-Gespräch fand erst einige Monate später statt, als sie ihren ersten Termin als Patientin in der Praxis hatte. „Aber immerhin: Ich habe eine Hausärztin vor Ort“, zeigte sich die 48-Jährige sehr erfreut.

Nur wenn einer weggeht, hat ein neuer Patient Platz

Doch wie ist die Sicht der Hausärzte? Dazu gibt beispielhaft eine Praxisinhaberin in einer Gemeinde in der Umgebung von Ansbach Auskunft. Bei ihr können sich Bewerber für eine hausärztliche Versorgung auf eine Warteliste setzen lassen: „Ich nehme Patienten ohne Hausarzt in meine Warteliste auf, die in der Gemeinde oder in Dörfern in der Umgebung ohne Arzt wohnen“, sagt die Ärztin. Denn die Zahl ihrer Patienten habe sich in etwa verdoppelt, „insbesondere nachdem in einem Nachbarort eine Praxis geschlossen“ worden sei.

Einen Neuzugang kann sie nur dann bei sich aufnehmen, „wenn ein bisheriger Patient von meiner Praxis weggeht. Denn bei zu vielen Patienten kann ich nicht mehr jeden einzelnen im Blick haben und optimal versorgen“.Ihre Mutter habe in der Praxis „mit etwa der Hälfte der gesetzlich versicherten Patienten früher in etwa das Gleiche verdient“ wie sie heute. Aktuell verdiene „ein Hausarzt mit mehr gesetzlich versicherten Patienten teilweise nicht wesentlich mehr“.

Auf die Frage, was gesetzlich versicherte Patienten machen sollten, wenn sie in keiner Hausarztpraxis neu aufgenommen werden, antwortete sie: „Möglichst ihre gesetzlichen Krankenkassen verklagen. Denn die Patienten bezahlen dafür, dass sie eine medizinische Versorgung bekommen. Dass das immer auf dem Rücken des armen Hausarztes ausgetragen wird, der ohnehin schon an seiner letzten Kraftreserve ist, ist natürlich Unsinn.“

Woran liegt es, dass im Raum Ansbach viele Hausärzte, die in den Ruhestand gehen, keine Nachfolger für ihre Praxen finden? Die Antwort der Ärztin lautet: „Es gibt attraktivere Gegenden mit höherer Lebensqualität als den Raum Ansbach. In München fänden sich sicherlich noch Nachfolger, oder auch eventuell im Raum Nürnberg.“


Von Kurt Güner
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