Abschied von der Tafel Ansbach: Edeltraut Merker beendet ihr Ehrenamt | FLZ.de | Stage

arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 25.12.2024 18:40

Abschied von der Tafel Ansbach: Edeltraut Merker beendet ihr Ehrenamt

„Es geht alles.“ Diesen Spruch scheint Edeltraut Merker häufiger zu sagen. Zumindest strahlt sie genau das aus. Die 84-Jährige ist Mitbegründerin der Ansbacher Tafel, die unter der Trägerschaft von Caritas und Diakonie läuft. Doch nach 25 Jahren will sie das Ehrenamt nun zum Jahresende abgeben.

Edeltraut Merker ist beliebt bei den Bedürftigen in der Tafel. So beliebt, dass einige von ihnen sie nicht gehen lassen wollen und für sie Geld sammeln. „Ich habe ihnen erklärt, dass ich das hier ehrenamtlich mache und wie alt ich bin“, erzählt sie mit einem Lachen. Die Überraschung über ihr Alter war groß. „Das ist das schönste Kompliment, das die Bedürftigen mir machen konnten.“

Von Sachsen-Anhalt nach Bayern

Und ja, es stimmt. Das Alter sieht man Edeltraut Merker nicht an. Sie ist fit. Vielleicht ist es auch die Arbeit in der Tafel, die sie munter hält. So anstrengend das körperlich sein mag: Ihr ist es wichtig, sich zu engagieren. „Ich komme aus dem Osten, da war nichts selbstverständlich. Da musste man stundenlang im Geschäft stehen und warten, bis es etwas gab.“

Anfang der 1990er Jahre ist sie aus Sachsen-Anhalt nach Neuendettelsau gezogen. Hier habe sie dann gemerkt, dass auch im Westen nicht alles Gold ist, was glänzt. Das brachte Merker zu der Erkenntnis: „Du musst dich auf die Seite der Armen schlagen.“

Bedürftigen sollen das Einkaufen nicht verlernen

Dabei sind die Menschen, denen sie jeden Samstag bei der Ausgabe in der Tafel Essen gibt, gar nicht einfach „nur arm“. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen und Altersstufen. Und für alle von ihnen hat Edeltraut Merker ein Herz.

Ihr ist es wichtig, dass die Tafel wie ein Tante-Emma-Laden aufgebaut ist. „Die Bedürftigen sollen wie Kunden behandelt werden, damit sie das Einkaufen nicht verlernen. Sie spüren, dass man sie schätzt. Darauf lege ich großen Wert.“

Anfangs Ausgabe in einer kleinen Wohnung

Für den engen Kontakt mit Menschen ist Merker ihr Beruf zugutegekommen. Sie arbeitete vorher als Jugenderzieherin, leitete Heime. In ihrer Altersteilzeit ging es dann mit dem Ehrenamt bei der Tafel los. Doch die war damals noch gar nicht existent.

Zwei Jahre Vorarbeit von Edeltraut Merker und ihrer Bekannten waren nötig, bis Bedürftige sich dort ihr Essen abholen konnten. Die Anfänge waren in einer kleinen Wohnung. Dort war es so eng, dass die Lieferungen durchs Fenster hineingereicht wurden. Später folgte dann der Umzug an den heutigen Standort in der Karolinenstraße 29.

In den 25 Jahren hat Merker einiges erlebt. Zum Beispiel gab es da mal einen jungen Studenten, dem sie in seiner misslichen Lage geholfen hat. Seit ein paar Jahren spendet er nun jährlich 1000 Euro an die Tafel und sagt zu der 84-Jährigen: „Ich vergesse das nie, wie Sie mir damals geholfen haben.“

Aufklärung für Schulklassen und Gruppen

Neben der eigentlichen Essensausgabe sind Edeltraut Merker auch die Menschen dahinter wichtig. „Die brauchen mehr Selbstwertgefühl, die müssen an sich glauben.“ Merker findet, man solle den Bedürftigen das Gefühl geben: „Es ist schön, dass es auch dich gibt und nicht nur die von Erfolg Gekrönten.“

Außerdem war es ihr immer ein Anliegen, über die Tafel aufzuklären. Oft waren Schulklassen, Konfirmanden- oder Ministrantengruppen zu Besuch. Eine Lehrerin meinte beispielsweise mal, sie könne im Sozialkunde-Unterricht nicht richtig erklären, was Armut ist. „Da habe ich gesagt, kommen Sie mal hier vorbei“, erzählt Merker.

Sie brachte den Kindern bei, dass man Lebensmittel nicht gleich wegwerfen muss, nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Und der Besuch scheint auch sonst Wirkung gezeigt zu haben. Danach seien bei den Schülerinnen und Schülern die Noten besser gewesen, erzählt sie mit einem Schmunzeln.

Was fehlt, wird sich erst zeigen

Der Abschied von der Tafel fällt Edeltraut Merker vor lauter Stress aktuell noch nicht auf, sagt sie, aber „im Januar habe ich bestimmt Nachwehen“. Sie und Heinrich Krill wurden bei der Weihnachtsfeier offiziell verabschiedet. Krill war bei der Ansbacher Tafel viele Jahre lang vor allem für die Logistik und die Fahrer zuständig. Bei ihnen beiden liefen die Fäden zusammen. Heinrich Krill will seinen Abschied von der Tafel ganz im Stillen, ohne öffentliches Aufsehen begehen.

„Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Tafel war quasi mein Baby, aber man will ja nicht erst irgendwann durch eine schlimme Krankheit gehen müssen“, so Merker. Für die Ansbacher Tafel waren sie und Heinrich Krill über viele Jahre eine wichtige Stütze. Aber: „Man kann nicht alles retten“, sagt Edeltraut Merker. Auch wenn sie das sicher gern täte.

Edeltraut Merker ist bei der Ansbacher Tafel in ihrem Element. Nun hört die 84-Jährige auf. (Foto: Anna Beigel)
Edeltraut Merker ist bei der Ansbacher Tafel in ihrem Element. Nun hört die 84-Jährige auf. (Foto: Anna Beigel)
Edeltraut Merker ist bei der Ansbacher Tafel in ihrem Element. Nun hört die 84-Jährige auf. (Foto: Anna Beigel)

Anna Beigel
Anna Beigel
Redakteurin für Westmittelfranken und Landkreis Ansbach
north