Der erste Samstag im Juni ist Tag der Organspende. Doch eine Transplantation ist längst nicht der einzige Ausweg, wenn die Nieren versagen. „Die Dialyse verlängert das Leben”, sagt der Internist, Nephrologe und Diabetologe Stefan Wöhl vom Nieren- und Diabeteszentrum in der Ansbacher Schöneckerstraße.
„Die Niere ist ein Organ, das man relativ entspannt ohne Organspende ersetzen kann”, betont der 50-jährige Mediziner. Keineswegs sei das Blutreinigungsverfahren nur zweite Wahl oder eine Zwischenlösung für Menschen, die auf eine geeignete Spenderniere warten. Im Gegenteil: Es könne eine wirksame und dauerhafte Alternative darstellen.
Wöhl weist darauf hin, dass die Wartezeit auf eine Spenderniere bis zu zehn Jahre betragen kann und auch nicht jeder für ein Spenderorgan infrage kommt. Wenn das Nierenversagen beispielsweise auf eine Grunderkrankung zurückzuführen sei, könne diese auch eine transplantierte Niere angreifen. Auch bei Hochbetagten wird eher zur Dialyse geraten.
Im Prinzip sind die Nieren die Kläranlage des Körpers. Bei gesunden Menschen reinigen sie das Blut, die Giftstoffe werden über den Urin ausgeschieden. Diabetes oder Bluthochdruck sind Erkrankungen, die häufig zu einer eingeschränkten Funktion der Organe führen können, seltener auch Autoimmunerkrankungen. Wenn die Nieren nicht mehr richtig arbeiten, macht sich das über verschiedene Symptome bemerkbar, darunter ausgeprägte Müdigkeit, juckende Haut oder Appetitlosigkeit.
Dass die maschinelle Blutreinigung mit einer Einschränkung der Lebensqualität einhergeht, will Stefan Wöhl nicht verhehlen. Dreimal pro Woche – alle zwei Tage – wird sie durchgeführt, die Dauer liegt bei jeweils rund vier Stunden. Zwar ist die Behandlung selbst nicht schmerzhaft, aber viele Patienten sind danach erschöpft. „Man kann so eine Dialyse mit einem Dauerlauf vergleichen.”
Trotzdem möchte der Arzt Betroffenen Mut machen, sich dafür zu entscheiden: „Man kann mit der Dialyse eine normale Lebenserwartung erreichen.” Außerdem sei das Risiko, an einem Karzinom (Krebs) zu erkranken, etwas verringert, weil das Immunsystem nicht unterdrückt werden muss. Bei einer Transplantation ist das nötig, um zu verhindern, dass das Organ abgestoßen wird. Dafür verkalken die Gefäße bei der Dialyse etwas schneller. „Mir ist wichtig, dass man beide Verfahren als einigermaßen gleichwertig hinstellt.”
Das Nieren- und Diabeteszentrum gibt es in Ansbach seit 49 Jahren. Es geht auf die Dialyse-Praxis zurück, die Dr. Manfred Freiherr von Crailsheim 1977 in der Nürnberger Straße eröffnet hat. Ende der 1990-er Jahre zog die Praxis in die Endresstraße um. Am jetzigen Standort in der Schöneckerstraße 4 – der Eingang befindet sich neben der Bergwelt Valtin – ist sie seit 2013 untergebracht. Neben dem Hauptsitz in Ansbach werden Zweigstellen in Neuendettelsau und Gunzenhausen betrieben.
Das Zentrum wird gleichberechtigt von Prof. Dr. Marcus Baumann, Dr. Ingrun Friedrichs und Stefan Wöhl geleitet. Versorgt werden an allen drei Standorten insgesamt etwa 220 Dialyse-Patientinnen und -Patienten. Der derzeit Jüngste ist Anfang 20, die Älteste 99 Jahre alt. Zu den Personen, die von einer reinen Nierenschädigung betroffen sind, kamen laut Wöhl in den vergangenen Jahren vermehrt Menschen mit einer Kombination aus Herz- und Niereninsuffizienz dazu. Grund dafür sei die gestiegene Lebenserwartung, denn meist handelt es sich um ältere Personen über 80 Jahre.
Der Großteil der Patientinnen und Patienten ist bereits im Rentenalter. Es sind aber auch noch einige Berufstätige darunter. Um unterschiedliche Bedarfe abdecken zu können, werden neben den täglichen Frühschichten an einigen Tagen auch Nachmittags- und Abendschichten angeboten, nur sonntags findet keine Dialyse statt. „Früher hatten wir noch eine Nacht-Dialyse, die Menschen haben dann hier geschlafen”, erzählt der Arzt. Das sei aber mangels größerer Nachfrage abgeschafft worden. „Wir haben auch Patienten, die die Dialyse zu Hause machen.” Sie bekommen ein Dialyse- sowie ein Wasseraufbereitungsgerät für daheim und werden entsprechend geschult.
Auch Feriendialyse ist an allen drei Standorten möglich, wie Wöhl erklärt. Besonders in Gunzenhausen wird diese Möglichkeit wegen der Nähe zum Seenland von Urlaubenden genutzt. Wenn die eigenen Patientinnen und Patienten verreisen, organisiert das Zentrum ebenfalls eine Dialyse in der Nähe des Urlaubsortes. „So kann man eigentlich weltweit Urlaub machen”, sagt er. „Mitten in der Sahara ist es vielleicht ein bisschen schwierig – aber selbst Afrika geht.”
Die Dialyse wird kurzfristig über einen Venenkatheter durchgeführt. Dieser ermöglicht einen direkten Zugang zum Blutkreislauf. Der Nachteil ist: Er darf keinesfalls nass werden, sonst besteht Infektionsgefahr.
Weil das Einschränkungen bedeutet – kein Baden; Duschen nur mit speziellem Verband – legt man Dialyse-Patientinnen und -Patienten langfristig einen Shunt unter die Haut, mit dem ein fast normaler Alltag möglich ist. Darunter versteht man eine Verbindung zwischen einer Schlagader und einer Vene im Unterarm oder in der Ellenbeuge. Zur Dialyse wird mit zwei Nadeln hineingestochen. Ein Shunt kann auch repariert werden und hält, abhängig vom Zustand der Gefäße, mehrere Jahre.
Von den rund fünf Litern Blut im Körper werden pro Minute 300 Milliliter herausgeholt und nach der Reinigung im Dialysegerät wieder zurückgegeben. Das Blut passiert die Maschine etwa zehn bis zwölf Mal.