Wo ist die Angst geblieben, die vor der Atombombe? Vor dem Overkill. Vor der Weltvernichtungskatastrophe? In den 1980er-Jahren hatte sie die Öffentlichkeit im Griff. Danach schien sie Geschichte, vergessen, verdrängt. Susi Claus vom Theater MindTheGap holt sie wieder hervor: „3 Minuten – Fallout mit Katze und Gesang“ heißt ihr Stück, das sie im Theater Ansbach zeigten.
Drei goldgelbe Wände mit Aufklapp-Fenstern. Abendsonnenstimmung auf dem Land. Die Vögel zwitschern. Am Horizont holpert ein Bus zum Häuschen der alten Eheleute, das hastenichtgesehen aus einer Luke klappt. Trickreich, wie Puppenspielerinnen so sind, und voller Atmosphären ist schon der Anfang.
Noch eine Klappe geht auf. Zwei Hände schälen einen Apfel, so wie sie es schon hundertmal getan haben müssen, früher für den Sohn, jetzt für den Ehemann – ein Alltagsmoment aus Routine und Fürsorge, fast ein Idyll. Aber nicht lange.
Nachrichtensprecher aus aller Herren Länder lugen vielsprachig aus dem Fenster. Ein Konflikt eskaliere. Der präventive Atomschlag stehe bevor. Es sind keine Fake News. Die Bombe wird gezündet. Mit höllischem Dröhnen und gleißendem Feuer kommt sie über das Land.
Die Frau und der Mann überstehen das Inferno. Der selbstgebaute Schutzraum, in dem sie hocken, tut das, was er soll. Und in dicken Flocken fällt der radioaktive Niederschlag herab. Er leuchtet in der Finsternis bläulichweiß. Wüsste man es nicht besser, die Szene könnte ein schönes Bild der Hoffnung sein.
Totenstille macht sich breit. Die Vögel sind verstummt. Das Paar ist am Leben, und ihre Katze auch, aber die ersten Symptome der Strahlenkrankheit machen sich bemerkbar.
Susi Claus und Rike Schuberty spielen, inszeniert von Tilla Kratochwil, in „3 Minuten – Fallout mit Katze und Gesang“ eine Geschichte, die sich an Jimmy T. Murakamis Zeichentrickfilm „Wenn der Wind weht“ von 1986 anlehnt. Sie erzählen sie unaufgeregt, klug, klar und ruhig, aber nicht geradlinig von Anfang bis zum Ende. Sie brechen sie auf, um Reflexionsebenen einzuziehen.
Die graue Katze mit dem struppigen Fell meldet sie als vierbeinige Verwandte des Kaspers, zur Stelle und kommentiert die Lage. Rike Schuberty hingegen moniert, dass sie zu diesem Thema lieber einen Liederabend gemacht hätte, und greift zur Stromgitarre. Ein bitter-satirischer Song wie Peter Scott Peters „Fallout Shelter“ von 1961 treibt mit Entsetzen anfangs noch Scherz.”
Der Kalte Krieg hat viele Lieder hervorgebracht, vor allem in den 80er-Jahren. Sie tun, was dieses eindrucksvolle Stück Figurentheater auch tut. Sie geben der Angst eine Fassung. Sie ermutigen zum Widerstand. Sie beschwören mit heiligem Ernst den Frieden, so wie etwa der Kanon „Nach dieser Erde wäre da keine“. Die Katze und ihre Spielerinnen singen ihn mit dem Publikum.
Am Ende fehlt das Trinkwasser. Die Alten verdursten. Und Rike Schuberty singt innig das japanische Lied „Genbaku o yurusumaji“: Die dritte Bombe möge nie fallen, heißt es darin. Eine stille Traurigkeit liegt über der Szene. Aber die Vögel zwitschern wieder.