2013 hatte Bodo Schwager, Rennsport-Fachwart bei der RSG Ansbach, Ricarda Bauernfeind erstmals bei einem Rennen gesehen – und sofort ihr Potenzial erkannt. Ein Jahr später nahm er sie bei der RSG unter seine Fittiche, stimmte Trainingspläne mit ihr ab und betreute sie bei unzähligen Rennen.
Jetzt, bei Bauernfeinds größtem sportlichen Erfolg, dem Etappensieg am Donnerstag bei der Tour de France der Frauen, saß Schwager ganz entspannt daheim vor dem TV-Gerät und freute sich diebisch über diesen unglaublichen Coup dieser 23-jährigen Rad-Amazone, die in Eichstätt wohnt, beim Profiteam Canyon Sram Racing (CSR) unter Vertrag steht, nach wie vor aber Mitglied der RSG Ansbach ist.
„Das war wirklich großartig, wie Ricarda diesen Etappensieg herausgefahren ist“, erzählt also Bodo Schwager und weist auf ihre besonderen Stärken hin: „Sie kann sehr lange ein hohes Tempo mitgehen, ist zäh und vor allem stark bei langen Bergpassagen.“ Sogar das ZDF hat in seiner „heute-Sendung“ auf den großen Erfolg der Oberbayerin hingewiesen. Mit ihren 23 Jahren ist sie aktuell die jüngste Etappensiegerin in der Geschichte der Tour de France Femmes. Am Freitag während der 6. Etappe durfte sie mit der besonderen Startnummer der kämpferischsten Fahrerin starten.
Bauernfeind selbst war außer sich vor Glück: „Unterwegs habe ich mir diesen Etappensieg gar nicht mehr zugetraut, weil ich doch schon ziemlich am Limit war, habe es dann aber durchgezogen.“
Nicht zuletzt wegen der besonderen Kletterfähigkeiten von Bauernfeind am Berg traute Schwager ihr auch am Samstag bei der vorletzten Etappe eine Spitzenplatzierung zu. Es ging am Schluss 17 Kilometer rauf auf den Tourmalet. „Wenn sie gesund bleibt, ist ein Rang unter den Top Ten drin.“
Diese Erwartungen hat die doppelte U23-Bronzemedaillen-Gewinnerin der UCI-Weltmeisterschaft von 2022 auf der Königsetappe der diesjährigen Tour erfüllt. Im dichten Nebel des Tourmalet – die Fahrerinnen waren auf dem Pyrenäengipfel fast nicht mehr zu erkennen – kämpfte sich Bauernfeind in der Verfolgergruppe tapfer durch und belegte am Ende den 10. Platz mit 6:57 Minuten Rückstand auf Etappensiegerin Demi Vollering, die auch das Gelbe Trikot übernahm.
Bauernfeind hatte auf dieser 7. und vorletzten Tour-Etappe auch Schützenhilfe für ihre Kapitänin des Teams Canyon Sram Racing (CSR), die Polin Katarzyna Niemiadowa geleistet, die nach zeitweiliger Alleinfahrt am Ende den 2. Platz belegte.
Auch am späten Sonntagnachmittag zeigte Bauernfeind beim 22 Kilometer Zeitfahren in Pau mit Rang 27 eine gute Leistung. Mit ihren 31:39 min blieb sie nur 2:24 min hinter Siegerin Marlen Reusser.
In der Gesamtwertung behielt sie damit am Ende ihren 9. Platz (9:56 min hinter Gesamtsiegerin Demi Vollering) und hatte noch eine Trumpfkarte zu bieten: In der Punktewertung belegte sie den 4. Platz.
Ihr Lehramtsstudium (Hauswirtschaft/Sport) hat Bauernfeind inzwischen erfolgreich abgeschlossen und seit sie sich auf ihren Radsport konzentrieren kann, machte sie nochmals einen Sprung nach vorne, ist auch drahtiger geworden. „Das macht das viele Training als Profi“, erklärt Schwager, der nach wie vor Kontakt zum Aushängeschild der RSG Ansbach hält. „Wir sehen uns immer wieder, telefonieren und fachsimpeln viel.“ Weil die Teammitglieder weiter weg wohnen und Bauernfeind deswegen viele Trainingskilometer alleine absolvieren muss, weiß sie die mentale und technisch-taktische Unterstützung von Bodo Schwager zu schätzen.
Zu Ansbach hat die mehrfache Bayerische und Deutsche Meisterin im Bahnradfahren eine besondere Beziehung: Mehrfach wurde sie als Juniorin zur „Sportlerin des Jahres“ der Stadt Ansbach gewählt.
„Allez, allez, allez“ prangt in großen Lettern auf der Rückseite ihres Teamtrikots. „Mach weiter, mach weiter, mach weiter.“ Genau das tut Ricarda Bauernfeind.