Die ehemaligen Herren der Gleisanlagen rund um Uffenheim: Zeitzeugen berichten | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 22.06.2025 15:51

Die ehemaligen Herren der Gleisanlagen rund um Uffenheim: Zeitzeugen berichten

Viele solcher Bahnwärterhäuschen – hier die Hausnummer 52 östlich von Uffenheim – standen früher im Landkreiswesten. Hermann Bertlein aus Oberntief hat im Rahmen seiner Recherchen einige historische Fotos aufgetan und gesammelt. F.: Privatarchiv Hermann (Bertlein/Repro: Johannes Zimmermann)
Viele solcher Bahnwärterhäuschen – hier die Hausnummer 52 östlich von Uffenheim – standen früher im Landkreiswesten. Hermann Bertlein aus Oberntief hat im Rahmen seiner Recherchen einige historische Fotos aufgetan und gesammelt. F.: Privatarchiv Hermann (Bertlein/Repro: Johannes Zimmermann)
Viele solcher Bahnwärterhäuschen – hier die Hausnummer 52 östlich von Uffenheim – standen früher im Landkreiswesten. Hermann Bertlein aus Oberntief hat im Rahmen seiner Recherchen einige historische Fotos aufgetan und gesammelt. F.: Privatarchiv Hermann (Bertlein/Repro: Johannes Zimmermann)

Ein Leben ohne Computer und Smartphones können sich heutzutage wohl nur noch die wenigsten Menschen vorstellen. Doch in den 1950er Jahren war genau das Alltag. Die Dorfkinder Gollhofens sind dann gerne zum Bahnwärterhaus an der Geckenheimer Straße – Züge schauen. Doch wer waren diese Bahnwärter überhaupt? Eine Spurensuche.

Eines dieser Gollhöfer Kinder war Hermann Bertlein, Jahrgang 1947, der heute in Oberntief lebt. Der passionierte Heimatforscher erinnert sich gerne an diese Zeiten zurück. Dampflokomotiven: gigantische Gefährte. „Die vorbeidonnernden Ungetüme, oft mit zweifachem Vorspann, beeindruckten gewaltig.“ Für Bahnwärter Konrad Vogel haben die Buben kleine Hilfsdienste erledigt – und waren mächtig stolz.

Bahnwärter auf Strecke zwischen Ansbach und Würzburg

Einen gewissen Bekanntheitsgrad erhielt der Berufsstand durch Schriftsteller Gerhard Hauptmann. In seiner naturalistischen Erzählung „Bahnwärter Thiel“ von 1888 beschreibt er das Leben eines solchen Wärters. Für Hermann Bertlein hat das Buch eine besondere Bedeutung: „Die Lektüre der Novelle frischte die Erlebnisse aus der Kindheit später ab und zu wieder auf.“

Auch im Uffenheimer Raum gab es Bahnwärter an der Strecke zwischen Ansbach und Würzburg. Sie hießen Konrad Vogel, Ferdinand Stefke oder Friedrich „Fritz“ Krauß und wohnten häufig mitten in der Prärie, direkt an der Bahnstrecke. Die Häuschen sind rund um Uffenheim mittlerweile verschwunden. Wort- und klanglos ließ die Bahn die Gebäude abtragen – einige davon wurden auch an Privatpersonen verkauft. Meist nicht zum Wohnen, vielmehr waren die Bruchsteine und Eichenbalken hochwertiges Baumaterial.

Viele wohnten abseits mit nur wenig Kontakt

„Auch das Erinnerungsvermögen an diese Bahnposten hat stark nachgelassen“, sagt Bertlein. „Ein Grund liegt wohl darin, dass man zu den abseits gelegenen Bahnwärterhäuschen wenig Kontakt hatte.“ Für den Hobby-Historiker Grund genug, zu diesem Thema einmal näher nachzuforschen. Trotz zeitraubender Recherche konnte Bertlein aber nur wenige Bilddokumente und Informationen ausfindig machen. „Auch Angehörige konnten kaum weiterhelfen.“ Die Bahn sträubte sich und die Papiere wurden offenbar längst entsorgt.

Bei seinen Nachforschungen stieß Bertlein allerdings auf drei Personen, die ihre Kindheit und Jugendzeit an den Bahnschranken verbracht hatten. „Es war ein Glücksgriff.“ Er organisierte für unsere Redaktion ein Treffen mit den Zeitzeugen Herta Zankel aus Gollhofen (Jahrgang 1935), geborene Stefke, Helmut Krauß aus Uffenheim (Jahrgang 1944) und Waldemar Ruppert aus Uffenheim (Jahrgang 1943), der allerdings aus gesundheitlichen Gründen verhindert war. Bahnwärter Stefke war an einem Übergang zwischen Gollhofen und Herrnberchtheim eingesetzt, Krauß direkt am Herrnberchtheimer Bahnhof.

Nicht mehr Platz als die arbeitende Bevölkerung

Bei den Erzählungen wird schnell klar: Ein Leben in Saus und Braus haben die Bahnwärter mit Sicherheit nicht geführt. Die Quadratmeterzahl der Häuser durfte nicht zu hoch sein: „Hinsichtlich der Größe und Anzahl der Wohnräume gilt es, sich an den landesüblichen Anschauungen über den Wohnungsbedarf der arbeitenden Bevölkerung zu halten“, heißt es in der Enzyklopädie des Eisenbahnwesens aus dem Jahr 1912.

Und den Bahnwärtern eilte offenbar auch ein gewisser Ruf voraus. In besagtem Schriftstück steht geschrieben: „Der meist bedeutende Kindersegen der Wärterfamilien ergibt die Notwendigkeit, die Wohn- und Schlafräume so auszuführen, dass eine Trennung der Schlafräume von heranwachsenden Kindern nach dem Geschlechte und von den Schlafräumen der Eltern möglich ist und eine Überfüllung der Schlafräume nicht stattfindet.“

Von Froststernen an den Wänden

Gewaschen wurde im Kessel über dem Feuer – und vor allem die Winter waren knallhart. Daran erinnern sich Herta Zankel und Helmut Krauß sehr gut: „Damals waren die Winter noch kälter. Nach Frostnächten waren häufig glitzernde Sternle an den Wänden.“ Eiskristalle. Einen Ofen gab es nur in der Küche, Doppelfenster waren eingebaut, als Schutz vor eisigem Zugwind im Haus.

Bahnwärter betrieben gerne eine nebenberufliche Landwirtschaft. Sie hielten Kühe, Schweine, Gänse. „Mein Vater war ein leibhaftiger Bauer – mit Leib und Seele“, sagt Herta Zankel. Denn Läden zum Einkaufen waren häufig weit entfernt – und manche Domizile der Bahnbediensteten waren so weit außerhalb, dass sie nur über schlechte Feldwege erschlossen waren. Ein Auto kam dort schlichtweg nicht hin. Fußmärsche waren angesagt. Trotzdem: Ganz autark konnten die Bahnwärter nicht leben, in Gollhofen fanden sich etwa zwei Kolonialwarenläden. Wäre da nur nicht der weite Fußweg...

Den hatten die Kinder auch in die Schule, Herta Zankel ist auf ihre Arbeit bei einer Textilfirma in Uffenheim ebenfalls mit dem Rad gefahren. Jeden Werktag. Bei Regen. Bei Schnee. Bei eisiger Kälte.

Der Vater von Helmut Krauß hatte als Bahnbediensteter eine kleine Sonderrolle. Da er direkt im Bahnhof eingeteilt war, fiel vor allem der damals noch sehr weit verbreitete Warentransport in seinen Aufgabenbereich. Kunstdünger kam mit dem Zug, erinnert sich Bertlein. Kohle. Heu. Sogar immer mal wieder eine Kiste Mineralwasser. Die Landwirte stauten sich mit ihren Pferdefuhrwerken zeitweise regelrecht vor dem Warenumschlagplatz in Herrnberchtheim.

Die Nachbefüller des Wasserkessels

Das besondere an Krauß’ Dienst: Im Wasserhaus, in dem die Familie von 1946 bis 1958 wohnte, gab es einen tiefen Brunnen samt Pumpe. Über Kessel floss das Nass in die Dampflokomotiventanks – es verdampfte und musste regelmäßig nachgefüllt werden. In Herrnbercht-heim war das möglich. Während des Krieges wurden die Kessel jedoch abmontiert – hatte man das Metall doch für Rüstungszwecke benötigt.

Aber auch das Schrankenschließen, Weichenstellen und die Laternen für Beleuchtungszwecke und Signale fielen in den Aufgabenbereich eines Bahn- oder Streckenwärters. Allein auf Gollhöfer Gemarkung gab es laut Bertleins Recherchen drei Bahnwärterhäuschen und sieben unbeschrankte Bahnübergänge. Aufgrund dieser vielfältigen Tätigkeiten hatte jedes Bahnwärterhäuschen auch einen Schuppen dabeistehen – die „Lichterbude“; darin wurden Lampen und Petroleum für den Nachschub aufbewahrt. Ergänzt wurde das Ensemble durch einen Stall – für die Tierhaltung und als Lager für die Futtervorräte.

Mit der Elektrifizierung endete Bahnwärter-Ära

Mit der Elektrifizierung der Bahnen in den 1950er und 1960er Jahren endete die Bahnwärter-Ära. Die Häuser wurden abgerissen. Die Geschichten gerieten in Vergessenheit. Bertlein ist es wichtig, diese Infos für die Nachwelt zu erhalten – damit die Bahnwärter nicht komplett in Vergessenheit geraten. Und als schöne Kindheitserinnerung.

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