Ein Mann aus Herrnberchtheim und seine besondere US-Mission | FLZ.de | Stage

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 10.06.2025 14:00

Ein Mann aus Herrnberchtheim und seine besondere US-Mission

Auch durch amerikanisches Ödland streift der Wahl-Herrnberchtheimer Jean-Robert Fontaine für einen hübschen Oldtimer, wenn es denn sein muss. (Foto: Christian Weirauch)
Auch durch amerikanisches Ödland streift der Wahl-Herrnberchtheimer Jean-Robert Fontaine für einen hübschen Oldtimer, wenn es denn sein muss. (Foto: Christian Weirauch)
Auch durch amerikanisches Ödland streift der Wahl-Herrnberchtheimer Jean-Robert Fontaine für einen hübschen Oldtimer, wenn es denn sein muss. (Foto: Christian Weirauch)

„Ich mag einfach alte Sachen“, sagt Jean-Robert Fontaine aus Herrnberchtheim. Besonders Autos – mit markantem Design, Ecken und Kanten und ausladendem Kühlergrill. Um solche Schätzchen zu finden, reist der 43-Jährige mindestens einmal im Jahr in die USA – dort hat er schon einiges erlebt und könnte ein ganzes Buch füllen.

Manchmal, da wird ein Notfall zum großen Glück. Ein lebendes Beispiel dafür ist Fontaine. Als junger Mann fuhr er einen Audi A6 Biturbo, eines der großen Flaggschiffe des Ingolstädter Autogiganten. Als der Zahnriemen seinen Geist aufgab, musste er in die Werkstatt. Die rief für den Wechsel allerdings einen stolzen Preis von 1600 Euro auf. Für Fontaine war klar: viel zu teuer.

Im Audi-Club lernte er das Schrauben

Der Wahl-Herrnberchtheimer ist ein Pragmatiker. Er hat im Internet mal nach Ersatzteilen geschaut. 320 Euro, das klang schon fairer. Aber mit der Schrauberei hatte er bis dahin noch gar nichts am Hut. „Das muss ich anders machen“, dachte er sich. Da hat er diesen Audi-Club gesehen – und die Chefs haben ihn gerne aufgenommen. „Dort habe ich das Schrauben gelernt.“ Heute ist das Leidenschaft und Beruf in einem. „Eigentlich ist es ja nur wie Lego, das Schrauben.“ Man sollte sich genau merken, was man wo ausbaut.

Was als reiner Spaß begonnen hat, war später der Weg hinaus aus dem Alltagshamsterrad. Denn bis dahin hatte Fontaine als Chemikant in Würzburg gearbeitet. „Bis ich gemerkt habe, dass sich mit meinem Hobby Geld verdienen lässt.“ Nicht mit dem Schrauben, schließlich ist er kein gelernter Automechaniker. Aber mit den Fahrzeugen selbst, vor allem mit Oldtimern.

Wenn das Hobby auch Geld liefert

Ein Ford Mustang V8 oder noch lieber eine Corvette C3. Alles mit Charakter und vor allem einem gewissen Alter hat Fontaine durchaus gefallen. Im Internet hat er schnell Schmuckstückchen gefunden. Aber die waren nicht in bestem Zustand. „Ich kaufe alte Fahrzeuge, die länger rumstanden und nicht mehr benutzt werden – die bringe ich wieder auf die Straße.“ Vor allem Fahrzeugtypen aus den USA haben es ihm angetan. Denn für die werden bis heute noch Ersatzteile produziert. Ford Mustangs aus den 1970er Jahren – „die sind wie eine Herkules in groß“, simpel aufgebaut, gut herzurichten. „Damit habe ich angefangen.“

Um ein bisschen mehr Platz zu haben, ist Fontaine, der in Frankreich aufgewachsen ist, in den Ippesheimer Ortsteil Herrnberchtheim gezogen. Natürlich in ein altes Bauernhaus, Baujahr 1741. 2016 war das – das Jahr, in dem sich Fontaine als Oldtimer-Händler und dem Namen „JR ClassicCars“ selbstständig gemacht hat. Der riesige Hof kommt da gelegen. Ganz viel Platz.

„Ich kaufe alles, was schön ist.“ Startschuss war gewissermaßen ein Ford Galaxy 500 Tripower. Eine auf 50 Stück limitierte Sonderedition. „Da wusste ich nicht, was ich da habe.“ Passabler Zustand. Für 7000 Euro eingekauft. Für 14.000 Euro hat er ihn dann im Internet angeboten. Als Interessent schaute ein Gutachter vorbei, der großes Interesse zeigte. Warum, das wurde erst neulich im Internet wieder klar: Da wurde ein solches Modell angeboten. Miserabler Zustand. 60.000 Dollar. Ja, zu Beginn zahlt eben ein jeder Lehrgeld.

Auf Mission in „trockenen Gebieten“

Mittlerweile reist Jean-Robert Fontaine regelmäßig durch die USA. Durch Kalifornien. Durch Texas. Durch Florida. „Trockene Gebiete“ sind sein Favorit, auch wenn es in Florida eher „meerestrocken“ ist, das Salz setzt den Boliden zu. Und Rost ist der Feind des Autofreundes. Er ist immer auf der Suche nach Schätzchen. Doch was der Herrnberchtheimer da macht, wird nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen: Er tingelt durch die Gegend und klingelt an wildfremden Haustüren. Allerdings, so betont er, nie allein. Meistens hat er Freunde im Schlepptau – aus Uffenheim, Gülchsheim oder vom Schwarzwald. Er weiß, warum.

Denn mancherorts in den Vereinigten Staaten „ist ein Menschenleben weniger wert als eine Kakerlake“. Camden, Bakersfield: „Ich bin auch in Gegenden unterwegs, da sollte man als Weißer nach einer gewissen Uhrzeit nicht mehr unbedingt reinfahren.“ Aber Fontaine weiß: „Die Gangster fahren halt auch die besten Autos, das ist brutal.“ Einmal haben sie gerade ein paar Pick-ups besichtigt, da fuhr ein laut röhrender Cadillac Escalade vor. Fünf starke Jungs mit Maschinengewehren stiegen aus. Aber die haben die Angst beim „white bread“ (Weißbrot), wie dort weiße Menschen scherzhaft bezeichnet werden, gleich gesehen und Fontaine und seine Crew als harmlos abgestempelt. Glück gehabt.

Oft hilft schon der Blick aufs Satellitenbild

Bevor er irgendwo klingelt, schaut Fontaine auf Google Maps die Satellitenbilder der Höfe an. Da ergeben sich oft schon Anhaltspunkte, wo mit außergewöhnlichen Schätzchen zu rechnen ist. Dann zieht er los. „Das ist nicht ganz ohne.“ Einmal hat er geklingelt und ein Mann in Boxershorts hat geöffnet. Voll tätowiert und mit Pistole in den Shorts. Fontaine beruhigt: „Die werden dich eher nicht erschießen, aber manche Amis wollen uns Deutsche nicht.“ Dann sollte man tun, was sie fordern: abhauen. „Wenn du es übertreibst, bist du ganz schnell weg.“ Die größte Todsünde: Einfach auf Privatgrund marschieren. „In den USA ist es erlaubt, dich dann zu erschießen.“

Solche Autokäufe sind eben auch großes Abenteuer. Und wer nichts wagt, wird am Ende auch nicht gewinnen. Fontaine freut sich dann, wenn er nach getaner Arbeit wieder auf der Route 66 unterwegs ist, beim nächsten Diner hält und Pancakes isst. „Das ist für mich Freiheit.“

Traumerfüller und Glücksritter

Die Oldtimer richtet er aber nicht alle selbst her, „das würde ich zeitlich gar nicht schaffen, ich habe auch nicht mehr als zwei Hände“. Dafür hat er Experten an der Hand, Werkstätten in der Uffenheimer Region, deren Schrauber er blind vertraut. Für den Transport und Papierkram hat er zwei Speditionen: eine für die USA, eine für Deutschland. „Ich bin eher der Koordinator.“ Kauf und Verkauf bleiben aber Chefsache. Klar, die ein oder andere böse Überraschung ist immer dabei, „aber ich bin noch nie auf die Nase gefallen“. Gute Menschenkenntnis und Fachwissen sind dafür elementar.

Ohne seine Freundin im Hintergrund, sagt der 43-Jährige, hätte all das niemals funktioniert. Sie hatte zu den Anfangszeiten seiner Selbstständigkeit ein gutes Einkommen, „deshalb musste ich nicht gleich unter vollem Druck viel Geld verdienen, sondern konnte ein bisschen was ausprobieren“. Das Finanzielle ist klar nötig, aber für Fontaine ist etwas anderes viel entscheidender: Er sieht sich als Traumerfüller.

Viele Kunden sparen lang, um sich ihren Oldtimer-Traum leisten zu können. „Ich überführe die Autos selbst und schicke den Familien meinen Live-Standort.“ Wenn er ankommt, stehen sie alle bereit, mit Fotokamera und Tränen in den Augen. „Für mich gibt es nichts Schöneres, als Menschen glücklich zu machen.“ Das war auch beim Uffenheimer Bahnhofsprojekt sein Antrieb. Dort hat er Automaten, einen Kicker, ein Lese-Regal und eine Telefonzelle, die Witze erzählt, aufgestellt. Vieles Vintage. Denn ja, er mag eben alte Sachen.

north