„Europäisch unterwegs!” war die Erzgebirgische Philharmonie Aue heuer bei ihrem Neujahrskonzert im Landkreis Ansbach. Wie üblich standen zwei Stationen auf dem Tourplan: Heilsbronn und Herrieden. In ihrem Gepäck hatte die Philharmonie ein Programm, das deutlich größere Entfernungen zurücklegte.
Das Zentrum für ein klassisches Neujahrskonzert ist natürlich die österreichische Hauptstadt, weil die Wiener Neujahrskonzerte ein eigenes Konzertformat geprägt haben. Die Erzgebirgische Philharmonie Aue bediente auch dieses Jahr dieses Frohsinns-Genre mit Schwung und Schmiss. Dieter Klug dirigierte freilich ein Programm, das verglichen mit den Wiener Programmen, ausgesprochen abwechslungsreich war, weil es nicht auf die Strauss-Dynastie fixiert war. Die kam zwar mit Johann Strauss und seinen Söhnen Johann und Josef zu ihrem Recht, dominierte aber nicht.
Der Erste Kapellmeister und stellvertretende Generalmusikdirektor rückte mit dem Hausorchester des Eduard-von-Winterstein-Theaters erst einmal Komponisten ins Licht, die eher in der zweiten Reihe stehen oder sogar nahezu vergessen sind, obwohl sie im 19. Jahrhundert mit ihren Beiträgen zur Unterhaltungs- und Tanzmusik große Erfolge gefeiert haben, etwa Hans Christian Lumbye in Kopenhagen oder die Fahrbachs aus Wien.
Lumbye war mit seinem Galopp „Glædeligt Nytår!” (Frohes neues Jahr!) vertreten, Philipp Fahrbach der Jüngere mit seiner Schnellpolka „Fluide”. Sein Vater Philipp Fahrbach der Ältere lieferte sogar eine „blitzschnelle Polka”. „Rastlos” heißt das aufgekratzte Stück, das die erste von zwei Zugaben war.
„Europäisch unterwegs!”, das Motto des Abends, bemühte einmal mehr die eigentlich abgenutzte Idee einer musikalischen Reise. Chefdramaturg Lür Jaenike, der kompetent durchs Programm führte, gab den Reiseführer nach Tschechien, Italien, Dänemark, Frankreich und Österreich. Die Pointe des Programms ließ er sich entgehen: Denn man hörte tatsächlich Musik europäischen Zuschnitts. Walzer wurden ohnehin überall getanzt. Die Stücke hatten mehr Gemeinsamkeiten, als dass sie nationale Unterschiede herausstellten: Die Komponisten waren europäisch unterwegs.
Wer mochte, konnte zum Beispiel in der Marinarella-Ouvertüre von Julius Fučík neben malerischen Naturstimmungen ein paar Italien-Reminiszenzen entdecken und im „Tanz der Stunden” des italienischen Komponisten Amilcare Ponchielli einen Gruß nach Wien. Das Finale ist ein Galopp, der jedem aus der Strauss-Dynastie zur Ehre gereichen würde.
Dieter Klug gelangen mit der Erzgebirgischen Philharmonie Aue, einem gut aufgestellten mittleren Orchester, klar konturierte Interpretationen. Sie waren dynamisch gut durchgearbeitet, hatten Zug und Kraft, ohne zu grob zu werden, und sie besaßen genug Farben für Atmosphärisches.
Émile Waldteufels „Schlittschuhläufer” glitten elegant auf der gefrorenen Seine dahin, Franz von Suppès Fatinitza-Marsch funkelte vor ansteckendem Optimismus. In Fučíks Marsch „Die lustigen Dorfschmiede” ging es mit Amboss-Klängen und guter Laune an die Arbeit. Carl Michael Ziehrers Landstreicher-Ouvertüre und Carl Millöckers Ida-Polka rundeten das Bild ab. Und von den Sträussen gab es die Walzer „Wein, Weib und Gesang” und „Mein Lebenslauf ist Lieb’ und Lust”. Eine Wiener Tradition zum guten Schluss fehlte auch nicht: der Radetzky-Marsch zum Mitklatschen.