Der FLZ-Ehrenamtspreis für den Monat Januar geht an die Koordinatorin beim Dinkelsbühler Tisch. Die 77-jährige Österreicherin engagiert sich in ihrer fränkischen Wahlheimat für die Versorgung von bedürftigen Menschen mit Lebensmitteln
Als Mädchen in Kärnten wollte sie mal Köchin werden, aber ihr Leben lief anders. Dafür tischt sie jetzt in Dinkelsbühl auf. Mit einem starken Team. „Es gehören immer mehrere dazu.“ Die 77-Jährige koordiniert über 30 Ehrenamtliche, die jeden Dienstag beim Dinkelsbühler Tisch Lebensmittel für Bedürftige ausgeben.
Die Initiative der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde, unterstützt von der katholischen Pfarrgemeinde St. Georg und der Stadt Dinkelsbühl, ist einer Tafel ähnlich, hat aber ihre eigenen Regeln. Sie wurde im Jahr 2005 gegründet. Damals lebte Maria Winterstein noch in Nördlingen, rund 30 Kilomter südlich. Noch viel weiter ist ihre Heimat entfernt. „Ich komme aus Wolfsberg in Kärnten. Das liegt zwischen Klagenfurt und Graz.“
Als ältestes von sechs Kindern ging sie schon mit 14 Jahren zum Arbeiten in ein Gasthaus nach Tirol. „Das war eine harte Zeit.“ Drei Jahre später öffnete sich eine Tür nach Bayern. Bekannte ihrer Familie, die in Nördlingen ein Café betrieben, suchten Arbeitskräfte. „Ich habe meinen Koffer gepackt und war weg – ins Blaue hinein.“
Was als jugendliches Abenteuer begann, entwickelte sich zu einer sehr festen Beziehung. „Ich habe in Nördlingen meinen Mann Peter kennengelernt.“ Maria Winterstein wurde im Ries sesshaft und arbeitete neben der Kindererziehung und ihrem Beruf als Verkäuferin in einem Sportgeschäft bei der Nördlinger Freilichtbühne „Alte Bastei“ mit. „Mein Ehrenamt habe ich mit Theater angefangen.“ Hinter den Kulissen, während ihr Mann und ihre Tochter auf der Bühne mitspielten.
Vor knapp 13 Jahren zog das Ehepaar nach Dinkelsbühl, um näher bei seiner Tochter zu sein. Maria Winterstein suchte sich eine neue Tätigkeit als Verkäuferin, wieder im sportlichen Bereich. „Ich bin ein offener Mensch. Daheim sitzen war nichts für mich.“ Fünf Jahre später beendete sie ihre berufliche Tätigkeit und wurde auf den Dinkelsbühler Tisch aufmerksam. „Ich hatte dann ja Zeit.“
Mit 70 Jahren startete sie einen neuen Abschnitt. „Ich hab mir alles angeschaut und bin sehr gut aufgenommen worden. Das gefiel mir.“ Die langjährige Verkäuferin war schnell in den Abläufen drin. „Das ist immer mehr geworden.“ Vor allem, als die Zahl der Bedürftigen durch den Ukrainekrieg rapide wuchs. „Vorher war alles überschaubar. Aber dann waren wir schon oft am Zweifeln, wie wir das schaffen.“
Der Dinkelsbühler Tisch gibt jeden Dienstagvormittag Lebensmittel und einige Artikel des täglichen Bedarfs an Menschen aus, die dafür vorher als berechtigt anerkannt sein müssen. Vor dem Ukrainekrieg kamen an den Dienstagen rund 70 Frauen und Männer, dann plötzlich bis zu 200. Inzwischen hat sich die Zahl bei rund 130 Erwachsenen und deren Kindern eingependelt.
Die Ehrenamtlichen kennen sie alle, wissen um die familiäre Situation und das Alter der Kinder. „Bei uns gibt es keine Begrenzungen, niemand wird abgewiesen“, beschreibt Maria Winterstein das Prinzip. Es erfordert viel Flexibilität. „Kalkulieren ist immer schwer. Ich weiß nie, was wir kriegen.“ Die wichtigste Säule sind die Lebensmittel, die Supermärkte, Bäckereien, Cafés und andere Betriebe spenden. Wenn etwas an den wesentlichen Grundlagen der Ernährung fehlt, kann es mit Spendengeldern zugekauft werden.
Zwischen 30 und 40 Frauen und Männer teilen sich die Aufgaben, vom Einkaufen über das Sortieren und die Lagerhaltung bis zur Ausgabe. Bei Maria Winterstein laufen die Fäden zusammen. „Wir sind eine schöne Gruppe, weil der Zusammenhalt da ist. Niemand drängt sich in den Vordergrund. Ich habe die Organisation, aber ich bestimme nicht. Wir lösen die Dinge im Team.“ Besonderen Respekt hat die 77-Jährige, die von ihrem Mann Peter kräftig unterstützt wird, vor den Ehrenamtlichen, die noch berufstätig sind und trotzdem mit anpacken.
Die Kontinuität hat viele Vorteile für die Menschen, die Maria Winterstein nicht Bedürftige, sondern Kunden nennt. Für sie geht es darum, auch in schwierigen Situationen auf deren Würde zu achten. „Auf einmal stehen sie da und müssen nehmen, was sie kriegen. Wir kommen mit den Leuten ins Gespräch, wollen mitfühlen und genau abwägen, wer etwas braucht.“ Deshalb ist es für sie wichtig, regelmäßig da zu sein. „Wenn jemand kommt, der drei Kinder hat, steht die Ware für die ganze Familie schon bereit.“
Die Versorgung der Menschen beim Tisch ist eine ständige Herausforderung. „Wir brauchen unbedingt die großen Spender, die uns unterstützen. Aber für mich sind auch die kleinen Spender so wichtig. Zwei Frauen machen zum Beispiel immer wieder Marmelade für uns, wenn im Sommer Obst übrig bleibt. Eine Frau bringt uns regelmäßig zwei Päckchen Nudeln, ein Päckchen Mehl oder Zucker. Eine Dame hat zu ihrem 90. Geburtstag eine Spende gemacht. Da freue ich mich und sage Dankeschön.“
Nicht an jedem Dienstag gelingt es, dass alle zufrieden den Tisch verlassen. „Wenn wir mal wenig haben, können wir es nicht ändern.“ Doch diese Tage sind selten. Meistens schafft es das Team, eine ausgewogene Ernährung für die Kunden zu sichern. Und sich die gemeinsame Freude zu bewahren. „Wir sind eine Gruppe, in der niemand meckert“, sagt Maria Winterstein. „Der Zusammenhalt ist groß. Das gefällt mir. Jeder ist da. Dafür macht man es.“
Viel Aufhebens um ihren Beitrag zu der ehrenamtlichen Arbeit beim Dinkelsbühler Tisch will Maria Winterstein nicht. „Ich mache das und damit basta. Helfen war schon immer meins. Das ist geblieben.“
Für ihr Engagement wird Maria Winterstein bei der Aktion „Mein Ehrenamt” mit dem Preis für den Monat Januar ausgezeichnet. Sie kennen auch eine Person aus der Region, deren ehrenamtliches Engagement einen Preis verdient hätte? Dann schlagen Sie sie über unser Bewerbungsformular vor. Hier finden Sie alles zur Aktion.