Eng getaktet ist auch dieses Jahr der Veranstaltungskalender in der Kunsthalle Hilsbach. Am Wochenende hat eine Ausstellung mit Werken von Jess Walter Vernissage gefeiert.
Cat Stevens hat ihn geschrieben, Rod Steward hat ihn zum Hit gemacht: „The First Cut is the Deepest“ heißt der Song. Diesen hat sich der in München lebende Künstler Jess Walter zum Motto seiner Ausstellung erwählt. „Ich nutze Titel von Liedern oder Büchern gerne zur Inspiration“, sagt er.
In den beiden Ausstellungsräumen in Hilsbach zeigt er Zeichnungen, Linoldrucke und Objekte. Vom Ausstellungsort ist er begeistert. „Das Obergeschoss hat eine ganz andere Ausstrahlung als der im Keller befindliche Raum. Das ist für eine Ausstellung sehr reizvoll.“
Linoldrucke und Zeichnungen sind es, die oben, in der großen Galerie gezeigt werden. Dies kommt den großformatigen Linoldrucken auf Leinwand sehr zupass. „Häute“ nennt Walter diese Arbeiten auch, die er ungerahmt präsentiert und damit die ursprüngliche Materialität von Leinwand hervorhebt. Daneben präsentiert er kleine Zeichnungen, die häufig als Studien für die großformatigen Drucke dienen.
Im Erdgeschoss zeigt er Objekte aus unterschiedlichen Werkstoffen. Natürliche Materialien wie Bambus, Strünke von Weihnachtsbäumen oder Holzfundstücke kombiniert er mit Alltagsgegenständen wie etwa Pinseln, Gartenschläuchen oder Textilien. Wichtig dabei ist die Bearbeitung, die Bemalung oder der Überzug mit meist goldfarbenem Schlagmetall. Erst dadurch erfährt das Objekt, die Installation eine neue Ausdrucksebene, indem das Profane auf eine Metaebene gehoben wird.
Die „Familienaufstellung“ etwa manifestiert sich in Form einer losen Anordnung bunt bemalter Bambusstäbe. Nicht nur die farbliche Kreativität Walters zeigt sich hier, sondern auch die Verspieltheit der Natur. Geradewachsen wäre langweilig. So manche Kurve und Windung weist das schnell hochschießende Gehölz auf und macht es interessant. „Nichts in der Natur und im menschlichen Leben verläuft rein linear“, sagt Walter.
Und auch das vom Menschen Gefertigte wird erst spannend, wenn es Unebenheiten aufweist. So wie bei seinem eigenwilligen Paar „beauty and the beast“, bestehend aus einem Bambusstock und einem Meterstab. Letzter scheint die natürliche Krümmung seines Partners mit einem kecken Knick nachzuäffen. Wer allerdings hier die Schönheit oder das Biest ist, möchte Walter unaufgeklärt lassen.
In seiner Kunst ist der 1959 in Ornbau geborene Jess Walter noch ganz den avantgardistischen Strömungen des letzten Jahrhunderts verhaftet. Der US-amerikanische Maler und Bildhauer Barnett Newman etwa, der den Grundfarben Blau, Gelb und Rot mit seinem Zyklus „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue“ ein künstlerisches Statement formulierte, hat auch Walter inspiriert. Bei seinen Linoldrucken setzt er diese Farben auf raffinierte Weise ein und erzielt durch Überlagerungen auch neue Farben, etwa Grün, das aus der Vermischung von Blau und Gelb entsteht.
Bei seinen ausschließlich abstrakten Arbeiten reizt ihn vor allem das Ungeschliffene, die Struktur – bei den Drucken erzielt durch Frottage – und das Zufällige, das Experimentelle. Er mag es, strenge Formen mit Ungeregeltem in Kontrast zu bringen, so wie er überhaupt eine Dialektik in der Kunst auszudrücken sucht. Gegensätze, Spiegelungen, Widersprüche sind ein wichtiges Thema in seinen Arbeiten.
Ebenso wie das Erhöhen von Banalem, etwa der Unterhose, die als Wischlappen für die Kunstwerke gedient hat, die mit goldenem Schlagmetall überzogen zu einem geheimnisvollen Objekt geworden ist, zu „golden underwear“, das in seiner Form an ein antikes Fundstück erinnert. Oder die Strünke von ausgedienten Weihnachtsbäumen, deren Astlöcher bunt bemalt sind. Ihres eigentlichen Zwecks enthoben und eigentlich nurmehr Abfall, gewinnen sie hier neue Aufmerksamkeit.
Es ist ein reizvolles Spiel mit dem Schein und Sein von Formen, Farben, Materialien und Objekten, das bei Jess Walters Kunstwerken zum Ausdruck kommt. Das allerdings wie Mondrians berühmtes New York City Raster nicht ohne Erklärung auskommt.
Die Ausstellung in der Kunsthalle Hilsbach dauert noch bis zum 3. August. Geöffnet ist sie am Sonntag, 28. Juli, sowie am Tag der Finissage am Samstag, 3. August, jeweils von 14 bis 18 Uhr.