Die Vormittagsprobe startet mit Dehnübungen, danach geht es ans Einsingen. Rund 70 Sängerinnen und Sänger haben sich im Rokokosaal des Wildbads versammelt. Seit 2008 treffen sie sich an den Tagen rund um Silvester und erarbeiten Chorliteratur.
Das Ergebnis präsentieren sie dann bei einem Konzert in der Heilig-Geist-Kirche am Mittwoch, 3. Januar, ab 16 Uhr. Eine erste Kostprobe gibt es dort bereits am Montag, 1. Januar, zu hören – beim Neujahrsgottesdienst um 17 Uhr.
Chorleiter Martin Sellke hat auch in diesem Jahr ein Programm zusammengestellt, das von klassischen Werken – zum Beispiel der Messe Brève von Charles Gounod – bis hin zu ganz neuen Stücken reicht. „Fels in der Brandung“ heißt eines davon, es wurde in diesem Jahr getextet und vertont. Und auch Eigenkompositionen hat er mit dabei, zum Beispiel „Mitten uns“, der Text stammt von Susanne Brandt.
Geprobt wird seit Donnerstagabend, zweimal pro Tag. Dazwischen ist Zeit für gemeinsame Ausflüge, Spiele und Gespräche. Einige der Chormitglieder sind schon seit vielen Jahren dabei und kommen immer wieder.
Margrit Lodewig zum Beispiel: Sie ist mit 86 Jahren die älteste Teilnehmerin, wohnt in Hamburg und hat die Strecke mit dem Zug zurückgelegt. „Der war ausnahmsweise pünktlich“, erzählt sie mit einem Augenzwinkern. Sie genießt jedes Jahr die gute Stimmung – und das Singen. „Das ölt die Stimme“, meint sie. Besonders, weil sich ihr eigener Chor nach der Pandemie aufgelöst hat.
Auch Ingeborg Kresse-Blümel ist Stammgast bei der Singfreizeit. Sie ist mit ihrer Tochter und der zweijährigen Enkelin Edda angereist – „drei Generationen“, sagt sie stolz. Sie hat einen zusätzlichen Stapel Noten in der Hand – für ein Blockflötenensemble. „Mal sehen, ob ich Mitspielerinnen und Mitspieler finde.“ Eines der Stücke: „Ein Männlein steht im Walde“, passend zum diesjährigen Motto der Silvesterparty – „Wald“. Denn den Jahreswechsel feiern alle gemeinsam im Wildbad. Es gibt Buffet, Musik, „und viele bereiten etwas zum Motto vor“, verrät Heidi Griebenow.
Sie ist nicht nur Chormitglied, sondern begleitet die Freizeit auch organisatorisch. Angeboten wird sie vom Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden und der Akademie Elstal. Unter den 70 Chormitgliedern sind zwölf neue Sängerinnen und Sänger – „das ist schon toll“.
In diesem Jahr allerdings liegt ein Schatten über der Freizeit. „Wir finden es sehr traurig, dass die Evangelische Kirche überlegt, das Wildbad zu verkaufen“, sagt Heidi Griebenow. Ein ähnliches Haus zu finden, werde schwierig. Ob die Silvester-Singfreizeit dann noch stattfinden kann, „weiß man nicht“. Der Rokokosaal sei optimal für die große Gruppe zum Proben, die Zimmer gut ausgestattet, „die Küche regional und lecker“, sagt sie. „Ein schlechtes Signal der Kirche sind diese Pläne“, stimmt ihr Doris Engelhardt-Gesell, ebenfalls seit vielen Jahren dabei, zu. „Das Wildbad hat als Begegnungsort einen hohen Stellenwert“, findet sie.
Und auch wenn ein Verkauf „rein wirtschaftlich gesehen nachvollziehbar“ ist, „von christlicher Seite her ist er das nicht“. Daher hoffen alle, dass es eine gute Lösung geben wird. „Wir haben alle auf den Listen unterschrieben“, betont Griebenow.
Dann klingen schon die ersten Klaviertöne durch den Rokokosaal. Die Probe geht weiter. Ulrich Single, der seit vielen Jahren den Silvesterchor als Pianist begleitet, greift in die Tasten. Martin Sellke hat die Gounod-Messe aufgeschlagen. „Damit fangen wir an.“
Und obwohl die Melodien erst einstudiert und die einzelnen Stimmen zusammengefügt werden müssen, ist schon jetzt die Kraft und Harmonie des Silvesterchores zu hören. Bis zum 3. Januar muss alles sitzen. Das wird auch diesmal wieder klappen. Davon sind alle überzeugt.