Einmal im Monat trifft sich im Café Lindenhof im Ansbacher Seniorenzentrum Hospital ein fröhliches Grüppchen. Die sieben Frauen kennen sich aus der Ansbacher Berufsschule, die sie im Jahr 1963 abgeschlossen haben.
„Wir waren alle Verkäuferinnen”, erzählen die Frauen. Sechs von ihnen sind beim FLZ-Gespräch dabei. Fast alle sind 79, die älteste ist 80 Jahre alt. Sie wohnen in Ansbach, Sachsen, Leutershausen, Elpersdorf und Muhr am See. Aber nicht im Seniorenheim. Dort geht es nur zum Kaffeetrinken hin, und eine von ihnen – Maria Binder – spielt manchmal Veeh-Harfe für die Bewohnerinnen und Bewohner.
In der Berufsschule waren die Frauen im gleichen Jahrgang – in der Rente hat sich dann eine enge Freundschaft entwickelt. „Das ist einer der wichtigsten Tage im Monat”, sagt eine. Über Krankheiten wird nicht gesprochen, höchstens „die ersten fünf Minuten”. Stattdessen tauschen sie Rezepte aus, erzählen sich Witze, sprechen über Kinder und Enkel oder die große Politik. Über die Männer eher nicht so. „Die meinen immer, wir reden nur über sie”, sagen sie schmunzelnd. Doch eigentlich haben sie ganz andere Themen.
Die Berufsschule befand sich anfangs noch in der Innenstadt, gegenüber dem Gebhardt-Haus, nahe der heutigen Fach- und Berufsoberschule. Ab 1959 entstand ein Neubau in der Beckenweiherallee. Die Ausbildung fing damals schon mit 14 Jahren an. „Es war wirklich eine ganz andere Zeit”, bemerken die Frauen. Als Lehrling hatte man nicht immer einen einfachen Stand. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre”, hieß es. „Da hat man sich nichts sagen trauen.” Trotzdem hätten sie viel gelernt: praktische Dinge wie den sparsamen Umgang mit Lebensmitteln, aber auch Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Freundlichkeit dem Kunden gegenüber. „Wie jetzt manche Verkäuferinnen glotzen – da hat man ja Angst, die anzusprechen.”
Die Ausbildung dauerte drei Jahre. Parallel arbeiteten die jungen Mädchen im Schuhgeschäft, in der Bäckerei, im Lebensmittelladen, im Schreibwarenhandel, in der Drogerie, bei Tchibo oder im Lottoladen. Ob sie sich für den richtigen Beruf entschieden haben? „Damals hat man die Wahl nicht gehabt. Man war froh, dass man überhaupt eine Stelle hatte.” Bei mehreren Kindern in der Familie durfte meist nur eines weiter zur Schule gehen, die anderen mussten Geld verdienen.
Ilse Weißel zum Beispiel ging zuerst bei einer Schneiderin in die Lehre. „Dann ist die weggezogen. Gott sei Dank bin ich dann als Verkäuferin angenommen worden und habe weitergelernt.” Maria Binder wollte Frisörin werden. „Aber die Oma war strikt dagegen.” Man könne ja nicht sein Leben lang der Hoffart dienen. Also fing sie in der Bäckerei ihres Onkels an.
Zwischen 45 und 65 Deutsche Mark verdienten die Mädchen monatlich im ersten Lehrjahr. Den Lohn für sich behalten durften sie aber nicht. Sie mussten für die Aussteuer sparen und Dinge wie Kleidung, Schuhe, Haarshampoo oder Waschmittel fortan selbst kaufen. Als sie schon ein bisschen Geld verdient hatte, investierte Inge Mönius in einen Plattenspieler. „Die erste Platte, die ich gekauft habe, war: ‚Ein Ring mit zwei blutroten Steinen‘”, weiß sie heute noch. Gudrun Schäfer ließ von ihrem Lohn die Maschen ihrer Nylonstrümpfe hoch häkeln.” Bei der Firma Stößel kostete das zehn Pfennige pro Laufmasche. Ilse Weißel erzählt: „Ich musste auch das Vesper für meinen ersten Freund bezahlen, wenn er abends da war. Die Eltern hatten ja auch nicht soviel Geld.”
Helga Moser musste den Lohn bis auf fünf Mark daheim abgeben. „Ich habe damals schon geraucht”, verrät sie. „Die Oma hat gesagt: Wenn ich dich beim Rauchen erwische, dann kriegst du nichts mehr.” Sie passte also lieber auf. Für Christa Haug war ihre erste größere Anschaffung etwas ganz Besonderes: „Ich habe einen Stockschirm gekauft, einen Regenschirm”, sagt sie. „Den habe ich immer im Schaufenster angeschaut. An einem langen Samstag habe ich früher heimgehen dürfen und mir gedacht: Jetzt gehst du da rein und holst dir den Schirm.”
Freizeitvergnügen bedeutete für die Mädchen vor allem der Tanz am Samstag. Es ging zum Beispiel in den Elisenhof nach Meinhardswinden oder zum Kronenbräu in Dautenwinden. „Damals hat man seinen Mann beim Tanzen kennengelernt”, erzählen sie. Zum Beispiel Ilse Weißel. Nur war sie blöderweise im Fasching mit einer schwarzen Perücke verkleidet und hatte Sorge, dass der junge Mann sie später nicht mehr erkennen würde. „Aber wir haben uns gefunden.”
Helga Moser, die damals in Weidenbach wohnte und meist zur Berufsschule radelte, machte derweil Bekanntschaft mit den Triesdorfer Ackerbauschülern. „Einmal bin ich mit dem Fahrrad gefahren und schaue zu denen hinauf. Die schauen zum Fenster herunter und ich fliege vom Fahrrad. Schreit von oben einer: ‚Steigst du immer so ab?‘ Das hat mir dann gestunken.”
Ihre Freundschaft schützt vor Einsamkeit und bringt Abwechslung, sind sich die Frauen einig. Es sei schön, mit Gleichaltrigen zusammenzukommen. „Und wenn ich Hilfe brauche, weiß ich garantiert: Rufe ich eine von euch an und sage zum Beispiel: ‚Inge, kannst du mich abholen?‘, würdest du von Elpersdorf nach Sachsen fahren”, freut sich Helga Moser. Inge Mönius pflichtet bei, und Ilse Weißel ergänzt: „Da käme ich sogar aus Muhr.”