Mal wieder quengeln die Kinder an der Supermarktkasse, während schon der nächste Termin drängt. Und plötzlich rutscht er heraus: der Spruch, den man als Kind selbst gehasst hat. Ob Ausdrucksweise, Körperempfinden oder Verhalten – wir ähneln unseren Eltern. Auch, wenn wir das gar nicht wollen.
Warum das so ist, wie sich solche Muster ändern lassen und wann sie zum Problem werden können, erklären Lutz Wittmann, Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin und der systemische Therapeut Stefan Vielmuth.
„Ganz wie die Mutter“ - Solche Sprüche sorgen nicht immer für Jubel bei den Betroffenen. „Es gibt eine große Anzahl von persönlichkeitsbezogenen Eigenschaften, bei denen wir in der Forschung Zusammenhänge zwischen den Ausprägungen von Eltern und denen ihrer Kinder finden. Wir wissen, dass es deutliche Zusammenhänge gibt“, sagt Lutz Wittmann. Ob man sich diesen Zusammenhängen bewusst ist, sei hingegen eine ganz andere Frage.
Eltern prägen ihre Kinder – und das auf unterschiedlichste Weise. Stefan Vielmuth unterscheidet drei Bereiche: Die Genetik, den Erwerb von Verhaltensmustern im Kindesalter und die Epigenetik. „Ein Teil unserer Persönlichkeitsstruktur ist genetisch bedingt. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte Traumata oder Stressreaktionen teilweise über Generationen hinweg nachwirken können.“
Aber nicht alles ist vorbestimmt. „Das Gehirn ist ein sich bis zum Lebensende entwickelndes Organ, es lernt die ganze Zeit“, so der Therapeut. Kinder beobachten die Verhaltensweisen der Eltern, etwa ihre Beziehungsdynamiken. „Sie versuchen sich dieser Dynamik anzupassen, eigene Verhaltensmuster auszuprobieren und zu schauen, was in dieses Gefüge passt. Funktioniert das Verhalten, wird es wie eine Art Code in uns eingeschrieben“, so Vielmuth.
Dabei lernen wir spezifische Verhaltensmuster, um beispielsweise mit Gefühlen umzugehen, Bindungen zu sichern oder auch auf Stress zu reagieren. Mal ähneln sie den Verhaltensstrukturen der Eltern und manchmal sind es bewusst gegenteilige Strategien – etwa, wenn sie als Reaktion auf sehr strenge oder überfürsorgliche Eltern später besonders viel Distanz oder Freiheit betonen.
Während oberflächliche Ähnlichkeiten zu den Eltern – etwa die Vorliebe für denselben Fußballverein – leicht zu ändern sind, sitzen erlernte Muster meist tiefer. „Diese Persönlichkeitsstrukturen sind nicht so leicht zu ändern. Es sind Dinge, die wir eigentlich nie ganz loswerden können. Wir haben aber die Möglichkeit, etwas Neues zu lernen – ein Alternativprogramm“, erklärt Lutz Wittmann. „Das braucht Zeit und eine Art Großmütigkeit mit sich selbst und den Erfahrungen, die man gemacht hat“, sagt Stefan Vielmuth.
Doch nicht immer sind die Zusammenhänge zwischen heutigem Verhalten und frühen Erfahrungen eindeutig. Viele Menschen fänden erst mit der Zeit Anhaltspunkte dafür, dass ihre Verhaltensweise auf einer Eltern-Kind-Beziehung beruhe, so Vielmuth.
Der Therapeut kennt die typischen Situationen, in denen uns elterlich geprägte Persönlichkeitsstrukturen besonders auffallen. „Das sind oft Übergangssituationen. Wenn wir zum Beispiel selber Eltern werden oder auch in Krisen und Konflikten sind“, so Vielmuth. Zwar sei nicht immer ein erhöhtes Stresslevel der Auslöser für ähnliches Verhalten, aber, „wenn wir unter Druck geraten, neigen wir dazu, alte Lösungen zu suchen, die uns vertraut sind“, sagt Lutz Wittmann.
Was aber kann ich tun, wenn ich es anders machen will als der einst so cholerische Vater oder die ständig nörgelnde Mutter? „Der erste Schritt ist, sich bewusst zu machen, welchen Mustern ich folge. Sich zu fragen, in welchen Situationen man immer wieder auf eine bestimmte Art und Weise reagiert“, sagt Lutz Wittmann.
Dabei könne es sinnvoll sein, die Situationen und damit einhergehenden Gefühle aufzuschreiben, rät Stefan Vielmuth. Auf diese Weise ließen sich die Gefühle besser benennen und man kann schauen, welches Bedürfnis hinter den Emotionen liege.
Nicht nur das Erkennen der Verhaltensmuster sei wichtig, es gehe auch darum, eine Distanz dazu einzunehmen, sagt Wittmann. „Um es zu ändern, muss ich das Muster erst einmal infrage stellen. Es ist ja auch möglich, dass jemand, der seine Kinder schlägt, nichts Schlimmes daran findet.“ Dann stellen sich laut Wittmann zwei Fragen: Wo kommt das Muster her? Und wie kann ich es ändern?
Wende ich etwa Gewalt gegenüber meinen Kindern an, weil ich selbst von meinen Eltern geschlagen worden bin, sei es sinnvoll, die eigene Erfahrung aufzuarbeiten. „Wenn ich realisiere, dass ich damals sehr gelitten habe, kann mir das helfen, empathischer mit meinen eigenen Kindern zu sein“, so Wittmann.
Manchmal bringe es Erleichterung in den Alltag, Gefühle offen zu benennen, sagt Stefan Vielmuth. „In der Partnerschaft brauchen Gefühle wie Eifersucht oft einen Ausdruck, etwa: Ich bin eifersüchtig, weil ich Angst habe, dass du mich verlässt. Wenn ich diese Gefühle benenne, kann sich dadurch das Gefühl von Kontrollverlust abmildern“, so der Therapeut.
Gelingt der gesunde Umgang mit den eigenen Verhaltensmustern im Alltag nicht und ist der Leidensdruck bei mir selbst oder bei meinen Angehörigen zu hoch, ist professionelle Hilfe gefragt. Psychologen und Psychotherapeuten unterstützen dabei, tief verankerte Muster zu erkennen und an ihnen zu arbeiten. Wichtig: Prägungen sind nicht per se schlecht.
„Meine Prägungen sollen mir dabei helfen, mit dem Leben umzugehen. Funktioniert das, ist es wunderbar und es muss gar keinen Grund geben, etwas zu ändern“, sagt Lutz Wittmann. Und auch Stefan Vielmuth rät in vielen Fällen zur Nachsicht mit sich selbst: „Ich erlebe es oft, dass Menschen sich dafür verurteilen, wie sie sind. Doch man sollte sich auch immer wieder klarmachen, dass es gute Gründe hat, dass jeder von uns so ist, wie er ist.“
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