Doch, es hat sich im Klassikbetrieb etwas getan in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren: Es wird mehr Musik von Komponistinnen aufgeführt. Trotzdem ist sie noch lang nicht wie selbstverständlich präsent. Wieso das so ist, darüber lassen sich Bücher schreiben. Noch besser ist es, die Musik aufzuführen. Paul Sturm tut das.
Der Pianist, der in Sachsen bei Ansbach lebt, hat sich vor ein paar Jahren ein beziehungsreiches Programm mit Komponistinnen der Romantik erarbeitet. Gut, dass er es im Repertoire hat und damit dazu beiträgt, fast vergessene Klaviermusik ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Im „Haus der Bäuerin” seines Heimatortes führte er sie am Samstag auf. Veranstaltet wurde das Konzert, das Paul Sturm auch moderierte, von der Evangelisch-Lutherisch Kirchengemeinde Sachsen.
Die Vielfalt wollte Paul Sturm zeigen, sagte er, weswegen er kleinere Stücke gewählt hatte, um möglichst viele Komponistinnen vorstellen zu können. Neun waren es, Clara Schumann, Luise Adolpha Le Beau, Elisabeth von Herzogenberg, Ethel Smyth, Fanny Hensel, Maria Szymanowska, Louise Farrenc, Amy Beach und Cécile Chaminade. Ein Gang durchs 19. Jahrhundert ergab sich so mit Frauen aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Polen, Frankreich und den USA.
Oft sind es die Väter, die ihren Töchtern den Weg in die Musik verwehren. Ethel Smyth etwa trat in den Hungerstreik, um Komposition studieren zu dürfen; sie ging nach Leipzig. Die Ehemänner oder im Fall von Fanny Hensel auch der Bruder, Felix Mendelssohn Bartholdy, verhielten sich nicht selten ähnlich.
Man schüttelt, wie im „Haus der Bäuerin“ geschehen, beinahe ungläubig den Kopf, wenn Paul Sturm von solchen Widerständen, Hemmnissen, solcher Ausgrenzung spricht – und kennt natürlich die Rollenbilder, die Vorurteile, die Ideologien, die dazu führten. Sie endeten nicht mit dem 19. Jahrhundert, genauso wenig wie die Musikgeschichtsschreibung, deren Blick, man mag ihn männlich nennen, auf Grenzüberschreitungen fixiert war und zum Teil noch ist.
Paul Sturm lenkte den Blick auf die Werke selbst, indem er sie zum Klingen brachte. Er interpretierte sie mit der ihm eigenen Plastizität, klangschön, ausdrucksvoll und mit technischer Könnerschaft. Man hörte Inniges und Virtuoses, Dramatisches und Elegantes, Witziges und Nachdenkliches. Keinen Zweifel ließ er an ihrer Güte aufkommen, so wie er sie spielte, so wie er über sie sprach,
Fragen warf der Abend wie nebenbei auf. Etwa wieso der Nachruhm der Komponistinnen so fragil war, obwohl sie zu Lebzeiten durchaus Anerkennung fanden und Erfolg hatten. Oder wieso immer nur John Field als Vorläufer genannt wird, aber kaum Maria Szymanowska, wenn von Chopins Nocturnes die Rede ist,
Bei Clara Schumanns später Romanze, die Paul Sturm nach viel Applaus als Zugabe spielte, empfiehlt es sich, die üblichen Vergleiche umzudrehen: Nicht Clara Schumann schlägt hier einen Brahms-Ton an. Umgekehrt: Bei Johannes Brahms schwingt noch Jahrzehnte später viel Clara Schumann zwischen den Zeilen mit.