Dieses Autobahnphänomen dürften die meisten Autofahrer schon erlebt haben: Es staut sich und irgendwann löst es sich wieder auf - ohne erkennbaren Grund, was den Stillstand verursacht hat. Dann rollt es für ein paar Kilometer, ehe das Gleiche erneut passiert.
Wieso entstehen aus dem Nichts Staus, die in Wellen zu kommen scheinen? Der Stauforscher Michael Schreckenberg weiß es - und erklärt im Interview auch, wie sie sich vermeiden lassen.
Frage: Herr Schreckenberg, es gab weder einen Unfall noch fällt an einer Baustelle eine Spur weg - und dennoch staut es sich. Woher kommen solche Staus aus dem Nichts?
Michael Schreckenberg: Oft durch schiere Überlastung. Es sind zu viele Fahrzeuge zur selben Zeit auf derselben Strecke unterwegs. Was dann passiert: Sie haben Stellen, an denen die Dichte steigt. Das sind Anschlussstellen oder Steigungen, weil Fahrzeuge dort langsamer werden. Wird ein Auto zum Bremsen gezwungen, bremsen auch die dahinter folgenden Autos, bis eines stehen bleibt. Dann entstehen Stauwellen.
Diese Wellen bewegen sich mit circa 12 bis 15 km/h entgegen der Fahrtrichtung nach hinten - sie kommen dem fließenden Verkehr quasi entgegengerollt. Der Effekt: An einer Stelle, wo man überhaupt nicht mit einem Stau rechnet, stockt es plötzlich ohne erkennbaren Grund. Solche Stauwellen können sich eine halbe oder eine ganze Stunde erhalten. Das hängt davon ab, wie viel Verkehr von hinten zufließt. Diese Stauwellen können sich sogar rückwärts über Autobahnkreuze auf andere Autobahnen ausdehnen.
Frage: Was ist das Tückische an solchen Staus?
Schreckenberg: Die Bereiche, wo die Stauwellen entstehen, können wie Pumpen wirken. Es folgt also eine Stauwelle nach der anderen. Das ist gefährlich. Denn wenn Menschen aus einer Stauwelle rausfahren, denken sie: Das war es, jetzt geht es locker weiter. Aber dann kommt die nächste Stauwelle. Häufig sind Autofahrer unkonzentriert. Sie beschleunigen stark und bremsen dann mitunter zu spät. Wir sehen viele Unfälle innerhalb dieser Art von Staus.
Mit den Stauwellen muss man rechnen, bis man die Stelle passiert hat, an der sie entstehen. Eine typische Stelle ist der Elbtunnel in Hamburg. Da fährt man rein und da geht's bergab, und dann fährt man raus und da geht's bergauf. Viele Autofahrer merken nicht, dass es irgendwann bergauf geht und werden etwas langsamer. Irgendwann müssen deshalb Nachfolgende schärfer abbremsen und lösen die Kettenreaktion nach hinten aus. Die Stauwelle rollt los, wenn wirklich ein Fahrzeug stehen bleibt, weil das dann eine Anfahrverzögerung von rund zwei Sekunden hat.
Frage: Lassen sich Stauwellen verhindern?
Schreckenberg: Wichtig ist beim Auffahren auf die Autobahn, dass man beim Wechsel vom Beschleunigungsstreifen auf die rechte Spur möglichst so schnell ist wie der fließende Verkehr dort. Damit man keinen, der von hinten kommt, zum Abbremsen zwingt.
Auf der Autobahn ist dann das Entscheidende, dass alles möglichst immer im Rollen bleibt. Das geht mit vorausschauendem Fahren, und indem man ausreichend Abstand lässt. Man muss nicht eng an den Vordermann fahren, um die Lücke zu schließen. Auch wenn das die Gefahr birgt, dass jemand dort reinwechselt. Das sollte man aber ohnehin nicht machen. Denn ständige Spurwechsel, wodurch Hintermänner abbremsen müssen, lösen am Ende ebenfalls Stauwellen aus. Und es bringt, das haben Untersuchungen gezeigt, keinen nennenswerten Zeitgewinn, immer wieder zwischen den Spuren zu springen.
Ich sage immer: Zehn bis zwanzig Prozent aller Staus könnte man verhindern, wenn mehr Menschen auf der Straße kooperativer wären und weniger nur an sich selbst denken würden.
ZUR PERSON: Der Physiker Prof. Michael Schreckenberg ist Deutschlands bekanntester Stauexperte. Er ist emeritierter Professor für Physik von Transport und Verkehr an der Universität Duisburg-Essen. Schreckenberg erforscht weiterhin, wie es im Straßenverkehr für alle besser vorangehen kann.
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