Sie wurde mit Spannung erwartet: die erste Produktion der neuen Dinkelsbühler Intendanz. Bei der Premiere feierte das Publikum „Die Erbschaft“, ein Familiendrama, in dem sich Kammerspiel-Klassizität und Volkstheater verbinden.
Jasmin Meindl beginnt ihre Intendanz mit einer starken Setzung. Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte und Shakespeares „König Lear“ hat sie zusammen mit Christian Muggenthaler ein Stück geschrieben, das existenzielle Themen anpackt: Alter, Macht, Besitz, Liebe, Gier, Einsamkeit und Tod. Klar, knapp, konzentriert sind die Dialoge, ein wenig überhöht auch und mit einer Neigung zum Sentenzhaften.
Klaus Kusenberg inszenierte diese Geschichte einer missglückten Besitzübergabe mit feinem Gespür für ihre literarisierte Sprache und die Psychologie der Figuren – eine Spätblüte des bundesrepublikanischen Literaturtheaters.
„Die Erbschaft” dreht sich um Julia Lirić, eine Großbäuerin, eine Grundbesitzerin, die zu Lebzeiten ihren drei Kindern ihre Weinberge, ihre Olivenbäume, ihr landwirtschaftliches Anwesen übergeben möchte. Branko, der Älteste, will, wie es Tradition ist, alles allein übernehmen, die Mutter hingegen ihr Hab und Gut gerecht an beide Söhne und an die Tochter verteilen. Sie begeht dabei einen verhängnisvollen Fehler.
Wie Shakespeares Lear verkennt sie die Ehrlichkeit des jüngsten Kindes, das ungeschickt ihr nicht nach dem Mund reden will, nicht kann. Tomo heißt es hier, nicht Cordelia. Leonard Graeber spielt Tomo als einen verletzlichen und verletzten Träumer. Man fragt sich, ob er, das Nesthäkchen, unter seiner Mutter gelitten hat.
Branko, dank Thomas Weber ein Rätsel an Abgründigkeit, ist es vielleicht auf andere Art ähnlich ergangen. Und Senka, der Maike Frank eine gutgläubige Bodenständigkeit gibt, auch. Wer weiß.
Tomo jedenfalls erzählt ihre Geschichte, die Tragödie der Familie, im Rückblick. Er fragt sich anfangs, wo sie falsch abgebogen seien. Hinter ihm treten währenddessen auf dem weißen Brechtvorhang die Schatten der Vergangenheit ins Licht. Die Toten steigen aus ihren Gräbern.
Peter Engel hat für die Produktion ein Einheitsbühnenbild entworfen. Schlicht ist es, aber ausdrucksvoll. Dessen Materialien – Holz, Emaille, verzinktes Blech – schaffen die Atmosphäre für eine Tragödie aus dem bäuerlichen Milieu. Auf dem grauen Boden liegen schwarz verkohlte Fetzen wie Laub, Reste eines Brandes. Und über der Szene spannt sich von einer Seite zur anderen ein felsgrau geduckter Bogenschwung. Der weitet die Bühne, suggeriert Tiefe und lastet zugleich wie ein Joch über ihr.
Heike Engelbert setzt in diese Raum-Chiffre, die zeitlich so offen wie der Text ist, schicke und schäbige Kostüme hinein. Sie stellt mit ihnen eine Verbindung zur Gegenwart her.
Die fünf Figuren lässt Kusenberg mit seinem sehr gut besetzten Ensemble lebendig werden. Er findet dafür eine gediegene Mischung aus Melancholie, Humor, Poesie und punktueller Drastik. Ruhig und klug rhythmisiert entsteht das Drama aus der Stille, aus einer aschgrauen Stille heraus.
Am Ende trägt Kusenberg mit Kunstblut und Bach-Arie ein bisschen dicker auf. Aber das „Erbarme dich“ aus der Matthäus-Passion knistert dank Ferrier und Karajan so andächtig und ernst ins Schlussbild dieser Lirić-Passion, dass es einen doch anrührt.
Die stärksten Momente sind die leisen, etwa wenn Julia und ihr Verwalter Josip über das Altern reden; Josip stirbt, und Julia kann nicht erfassen, was geschehen ist. Dirk Waanders gibt dem Josip nobles Format: ein aufrechter, geerdeter, lebenserfahrener Gutsverwalter.
Léonie Thelen gelingt ein großartiges Rollenportrait. Den Verfall der machtbewussten Großbäuerin zu einer verstoßenen, verwirrten, kindlichen Greisin spielt sie mit Würde und Zärtlichkeit und mit schwebender Leichtigkeit.
Kurzum: Für das Landestheater, seit zwei Jahrzehnten ein Hort der leichten Unterhaltung, sind das neue, andere, untypische Tonfälle und Bilder. Wie lange sie auch dauern mag: In Dinkelsbühl hat eine neue Ära begonnen, eindrucksvoll begonnen.