Theater Ansbach: Eine Liebe ohne Sicherheit zwischen Mutter und Tochter | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 20.04.2026 08:04

Theater Ansbach: Eine Liebe ohne Sicherheit zwischen Mutter und Tochter

Ein Lächeln. Ein stechendes Sirren. Dazwischen zwei Frauen, Mutter und Tochter, dazwischen das Auf und Ab ihrer Beziehung. Die Mutter leidet an einer bipolaren Störung. Joanne Ryans Stück „Tanz mit den Sternen” handelt davon. Am Samstag hatte es im Theater Ansbach Premiere.

Die Ausgangssituation ist alltäglich. Eine erwachsene Tochter nimmt vorübergehend ihre verwitwete Mutter bei sich auf. Ihre Wohnung ist klein, eine größere kann sie sich nicht leisten. Sechs, acht Wochen wird es schon gehen, solange, bis das Haus der Mutter renoviert und umgebaut ist.

Es geht. Und es geht nicht. Mutter und Tochter geben einander Halt. Sie fallen sich zur Last. Warum hat die Tochter keine Uhr und keinen Fernseher? Wieso bringt die Mutter ihren Toaster mit? Die Tochter hat doch einen. So fangen Beziehungsdramen an.

Autorin hat autobiografische Erfahrungen verarbeitet

Joanne Ryan hat in ihrem psychologischen Kammerspiel autobiografische Erfahrungen verarbeitet und ihrer Mutter ein Denkmal gesetzt. Eine Liebesgeschichte, hat die irische Dramatikerin einmal gesagt, sei ihr Stück. Das sieht man in Laura Remmlers Inszenierung. Man sieht in ihr noch mehr: dass es eine anstrengende Liebe ist, eine, in der es keine Sicherheit gibt. Die Normalität ist die Ausnahme. Die Ausnahme das Normale.

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Die erste Szene enthält dies bereits wie in einer Nussschale: Die Mutter ist eingetroffen. Lange stehen sich beide Frauen gegenüber. Sophie Weikert, die Tochter, lächelt, sie strahlt vor Glück. Nicole Schneider, die Mutter, lächelt zurück. Auch sie freut sich. Aber ein Schatten liegt darüber. Leise Panik kündigt sich an. Wohin mit den Schuhen? Zu den anderen im Flur. Keinesfalls. Es könnte sie jemand stehlen.

Kostüme spiegeln die seelischen Zustände

Die Ordnung ist labil. Christina Wachendorff macht das sichtbar. Sie hat Ryans Text pointiert für die Ansbacher Produktion in Bühnenbild und Kostüm übersetzt. Regale grenzen den Raum ab. Die Quadratfächer sind weitgehend leer. Die Regale bestehen aus Kartons, sie sind leicht schief und einsturzgefährdet. In den Kostümen der Mutter spiegeln sich ihre seelischen Zustände, manische Freude genauso wie Angstzustände.

Laura Remmler inszeniert Ryans Stück im Theater hinterm Eisernen als eine intensive Studie über familiäre Bindungen unter Druck. Falschen Trost spendet sie nicht. Sie zeigt, was ist. Lebensfrohe Momente, Höhenflüge, Abstürze, Situationen, in denen schwarze Streifen alles Helle ausradieren. Dann wieder gute Gespräche, ein wenig Hoffnung. Das stechende Sirren, das hin und wieder über der Szene schwirrt, meldet sich auch am Schluss. Eine bipolare Störung ist nicht heilbar, nur behandelbar.

Zerrissen zwischen Pflichtbewusstsein und Befreiung

Die klassischen Rollen kehren sich um – die Tochter muss die Mutter beaufsichtigen, während die Mutter die Geduld ihrer Tochter aufs Äußerste strapaziert. Sophie Weikert spielt die Zerrissenheit zwischen Tochterliebe, Pflichtbewusstsein und dem Willen, ihr eigenes Leben zu leben, eindrucksvoll aus.

Und dann dominiert wieder die Mutter. Sie kennt die wunden Punkte ihres Kindes. Benennt sie in einer dunklen Stunde. Gargoylesgleich, wie eine gotische Schreckfigur hockt da Nicole Schneider am Tisch, ihre Stimme wird tief und bedrohlich, die Bewegungen werden langsam und lauernd.

Auf Englisch heißt das Stück „In Two Minds”, was man mit „Zwischen den Stühlen” oder „Im Zwiespalt” übersetzen kann. Der deutsche Titel „Tanz mit den Sternen” klingt poetischer. Er spielt auf eine Szene an, in der die Mutter in den Nachthimmel schaut. Das könnte kitschig werden.

Hier ist es das nicht so. Die suggestive Musik von Denis Fischer, das Spiel von Nicole Schneider wenden die Szene in eine andere Richtung. Man sieht sie, wie Van Goghs „Sternennacht”, wo Schönheit und Apokalypse ineinanderwirbeln. Insofern geht diese Produktion über eine psychologische Fallstudie und ein Beziehungsstück hinaus. Sie erfasst ein allgemeines Zeitgefühl.

 Einander Halt, einander Last: Sophie Weikert (links) und Nicole Schneider als Tochter und Mutter. (Foto: Jim Albright)
Einander Halt, einander Last: Sophie Weikert (links) und Nicole Schneider als Tochter und Mutter. (Foto: Jim Albright)
Einander Halt, einander Last: Sophie Weikert (links) und Nicole Schneider als Tochter und Mutter. (Foto: Jim Albright)

Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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