Die Braut zur eigenen Hochzeit oder einen Mann nach mehr als 20 Jahren Funkstille zur Aussöhnung mit seinen Geschwistern nach Italien bringen: Es gab schon viele denkwürdige Fahrten des ASB-Wünschewagens, die Robert Griebl aus Linden und Birgit Trapp aus Mettelaurach (beides Markt Erlbach) miterlebt haben.
Ein ernstes Thema, denn die Wünsche werden nicht irgendwem erfüllt, sondern Menschen, denen die Ärzte nicht mehr viel Lebenszeit geben. Dennoch beginnt das Treffen mit den beiden Wunscherfüllern aus Markt Erlbach – zwei von neun Helfern aus dem Landkreis – mit Witzeleien. Humor ist eine wesentliche Zutat, um den Fahrgästen möglichst schöne, unbeschwerte Momente im Wagen der ASB zu bescheren – und da sind sie bei Griebl und Trapp schon mal an der richtigen Adresse.
Robert Griebl aus Linden kam schon 2019 über den ASB Bad Windsheim zum Team. Da war der Wünschewagen Franken/Oberpfalz noch ganz neu. Anfang November wechselte er nun hauptamtlich zum Arbeiter-Samariter-Bund. Eine seiner Aufgaben: Er ist Koordinator des Wünschewagens für ganz Mittelfranken.
Er ist wunderschön, blau, mit einem Sternenhimmel.
Birgit Trapp aus Mettelaurach ist Physiotherapeutin. Griebl und eine weitere Kollegin waren ihre Patienten und holten sie 2021 ins Boot. Griebl ist ausgebildeter Rettungssanitäter, aber alle im Team haben zumindest eine Ausbildung als Sanitätshelfer. Im Team sind Ärztinnen, Palliativ- und Altenpflegekräfte sowie Kinderkrankenschwestern.
Die Idee für diesen besonderen Krankentransporter stammt aus Israel, wobei im Wünschewagen viel dafür getan wird, dass er einem Krankentransporter so wenig wie möglich ähnelt. „Er riecht weder so noch sieht er so aus“, versichert der 55-jährige Lindener. Und die 43-jährige Mettelauracherin schwärmt: „Er ist wirklich schön: innen blau, und an der Decke leuchtet ein Sternenhimmel.“ Medizinisch Notwendiges ist diskret versteckt. Eine Minibar wird vorab nach Gesprächen mit Angehörigen möglichst mit Lieblings-Getränken oder -Snacks bestückt.
Bevor der Wagen startet, muss Griebl häufig einen großen logistischen Aufwand betreiben. Das passende Team wird zusammengestellt, Hotels oder Tickets gebucht, abgecheckt, wo unterwegs Krankenhäuser und Apotheken schnell anzufahren sind. Ein Arzt muss eine Transportgenehmigung ausstellen, Patientenverfügungen sollen sicherstellen, dass – falls erforderlich – während der Fahrt Medikamente gegeben werden können.
Der Mit-Fünfziger besucht jeden Wunschgast im Vorfeld, um sich bestätigen zu lassen, dass es auch der eigene Wunsch des oder der Sterbenden ist – und nicht die Angehörigen dachten: „Die Mama muss doch unbedingt noch einmal...“ Ist das geklärt, ist aber viel möglich. Da wird dann ein Mann, der schon lange bettlägerig ist und durch das enge Treppenhaus nicht nach unten gebracht werden kann, auch einmal von der Feuerwehr aus dem Fenster geborgen.
Maximal drei Tage lang ist der Wünschewagen mit einem Gast unterwegs. Die Anreise muss innerhalb von einem Tag möglich sein. So waren Griebl und Trapp schon in Meran, an der Ostsee, in Hamburg oder Mailand. Es kann aber auch sein, dass jemand einfach nur noch einmal sein Zuhause sehen oder das normale Alltagsleben mitbekommen will. Der Wünschewagen ist mit großen Panoramafenstern ausgestattet, durch die man hinaus- aber nicht hineinsehen kann. „Für viele ist es einfach schon etwas Besonderes, aus den eigenen vier Wänden noch einmal ’rauszukommen.“
Wenn ein Kind beteiligt ist, hat das besondere Schwere.
Der erste Wunschgast war ein neun Monate altes Kind. Die Geschwister wollten das Baby, das in Leipzig im Kinderhospiz war, noch einmal sehen. Sind solche Situationen nicht für die Wunscherfüller und -erfüllerinnen eine große Belastung? „Gerade wenn ein Kind beteiligt sei, hat das schon eine besondere Schwere“, räumt Griebl ein.
Gemeinsam macht man hinterher das Auto sauber und redet miteinander über das Erlebte. „Bei uns kullern auch die Tränen. Andererseits wird man dadurch wieder gerade gerückt und geht viel dankbarer durchs Leben“, erzählt Trapp. Außerdem sei es gar nicht selten, dass die schwerkranken Patienten gerade bei dieser Fahrt noch einmal alle Kräfte mobilisieren und dabei viel besser durchhalten als zu erwarten gewesen wäre.
Das gilt auch für jene Braut, bei der der geschmückte Wünschwagen als Rückzugsraum diente, wenn es ihr zu viel wurde. „Im Vorfeld dachten wir, dass sie nur drei Stunden durchhält, aber dann war sie den ganzen Tag dabei.“ Die beiden Markt Erlbacher erinnern sich gerne: Im Stall der Braut war der Altar aufgebaut, ihr Pferd Merlin schön geschmückt. „Die Freude, dass man das möglich gemacht hat, überwiegt die Traurigkeit.“
Viele sterben relativ kurz nach der Wünschewagentour, wie eine ältere Frau, die den ersehnten Rundflug mit Blick auf ihr Haus und Picknick nur einen Tag überlebte. Es wirkt fast so, als ob dieser erfüllte Tag ihnen dann ermöglicht, zufrieden loszulassen.
Trapp und Griebl sind offen für spontane Wünsche. „Viele Gäste realisieren erst, wenn die Fahrt losgeht, dass es IHR Tag ist.“ Dann aber heißt es auch mal: „Also dann: Erste Ausfahrt ’raus für einen Latte Macchiato.“
Für viele sei dieser letzte Wunsch mit vielen Erinnerungen verbunden, schließlich überlege man sich gut, was man bei dieser Gelegenheit erleben möchte. „Bei so manchem blüht da die Lebensfreude noch einmal auf.“ Oder aber es geht aus dem Hospiz zum Südfriedhof, weil dort der Lebenspartner der Patientin während der Coronazeit beerdigt wurde, ohne dass sie selbst dabei sein konnte.
Dann kam die WhatsApp: Wir trinken noch etwas.
Neulich wollte eine Frau unbedingt noch einmal die Manatis im Tiergarten sehen. Das sind die Seekühe, bei denen sie ihr Biologiestudium abgeschlossen hatte. In diesem Fall seien alle Freunde und die Familie mitgekommen und erlebten einen unbeschwerten Nachmittag mit einer Sonderführung nach der offiziellen Schließung des Tropenhauses. „Oft ist es auch für die Familie und das Umfeld im Nachhinein ein Trost, dass man das noch erlebt hat.“
Im Angesicht des Todes räumen manche (mutige) Menschen auf den Baustellen ihres Lebens auch noch einmal auf. Die Mettelauracherin und der Lindener erinnern sich an einen Wunschgast, der nach mehr als 20 Jahren wieder zu seiner italienischen Familie fuhr. „Alle waren über 80 Jahre alt. Als wir dann wieder abfuhren, war er wieder mit allen Geschwistern versöhnt.“
Eine besondere Fahrt führte nach Venedig: „Das war eine ganz Lebenslustige. Sie saß schon draußen in der Sonne und hat auf uns gewartet.“ Auf den Fotos strahlt sie regelrecht. Die schwerkranke Frau verbrachte eine sehr innige Zeit mit ihrem Mann, sah die Wohnung und das Boot des Sohnes und war stolz auf ihn – was beiden gut tat. Als der Wünschewagen schon wieder abfahren wollte, kam eine WhatsApp von ihr: „Wir trinken noch etwas.“ Das war ein besonders gelungener Fall für „Das-Leben-bis-zum-letzten–Schluck-Genießen“. Erfüllt starb sie kurz darauf.
Wer zum Wünschewagenteam dazustoßen will oder einen Wunsch hat, kann sich unter r.griebl@asb-bayern.de oder 01 52 07 25 0149 an Robert Griebl wenden. Die Fahrten werden ehrenamtlich geleistet und durch Spenden finanziert. Adressat dafür ist der ASB Bad Windsheim, Kennwort: Wünschewagen, IBAN DE38 7606 9372 0000 0440 83.