Heimatgeschichte in Ippesheim hat auch makabre Seiten | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 27.10.2025 09:20

Heimatgeschichte in Ippesheim hat auch makabre Seiten

Karl und Anette Schmidt – hier mit der Ausschellerglocke – brachten die Heimatgeschichte im Jubiläumsjahr „1200 + 5” Einheimischen und Auswärtigen näher. Der Ausscheller brachte den Ippesheimern noch bis in die 80er Jahre immer um 11 Uhr die aktuellen Gemeindenachrichten. (Foto: Ulli Ganter)
Karl und Anette Schmidt – hier mit der Ausschellerglocke – brachten die Heimatgeschichte im Jubiläumsjahr „1200 + 5” Einheimischen und Auswärtigen näher. Der Ausscheller brachte den Ippesheimern noch bis in die 80er Jahre immer um 11 Uhr die aktuellen Gemeindenachrichten. (Foto: Ulli Ganter)
Karl und Anette Schmidt – hier mit der Ausschellerglocke – brachten die Heimatgeschichte im Jubiläumsjahr „1200 + 5” Einheimischen und Auswärtigen näher. Der Ausscheller brachte den Ippesheimern noch bis in die 80er Jahre immer um 11 Uhr die aktuellen Gemeindenachrichten. (Foto: Ulli Ganter)

Dorfgeschichte ist spannend, manchmal auch makaber – und kann auf viele verschiedene Wege vermittelt werden. Das zeigten Spaziergänge und ein Diavortrag mit den Geschwistern Anette und Karl Schmidt durch Ippesheim und die nähere Flur. Sie waren Teil des Jubiläumsprogramms.

Karl Schmidt, Bürgermeister und seit jeher interessiert an der Dorfgeschichte, spielt seinen eigenen Anteil an dem umfangreichen Programm für die „1200 + 5”-Jahrfeier herunter Groß vorbereiten hätte er sich nicht müssen, zum Beispiel auf die Mühlenführungen an Iffbach und Ens. Für viele sei es etwas Besonderes gewesen, einen Blick in die Mühlen zu werfen, die sie seit ihrer Kindheit nicht mehr oder überhaupt noch nie betreten hatten. Trotz großer Hitze waren bei der zweiten Führung 40 bis 50 Leute dabei.

Anette Schmidt hängte sich da schon deutlich mehr hinein und erarbeitete Themen ganz neu. Ihr Steckenpferd war bisher die Familiengeschichte. Beide sind vorbelastet: Ihr Onkel war schon Kreisheimatpfleger. Passend dazu wurde eine Dorfführung zu den Top Ten der am längsten ansässigen Familiennamen angeboten. „Das war ganz lustig: Ich ließ die Teilnehmer und Teilnehmerinnen davor immer raten, wohin es denn als Nächstes geht – und manchmal gab es eine Überraschung.”

Wießner ist der älteste Familienname

Schmidt war ganz oben dabei, auf Platz zwei. Doch am ältesten ist der Familienname Wießner in Ippesheim nachweisbar. Er steht schon in den frühesten der vorhandenen Kirchenbüchern, so dass man gar nicht mit Bestimmtheit sagen kann, wie lange es schon Wiesners in Ippesheim gibt.

Moritaten mit geschichtlichem Hintergrund wusste sie auch zu erzählen. Eine Giftmörderin hatte in Ippesheim ihren Mann umgebracht. Das Urteil, Tod durch das Schwert, wurde in Ippesheim vollstreckt. „Das war ein ziemlicher Pfusch”, berichtet Anette Schmidt. Der Scharfrichter aus Bad Windsheim hatte sich wohl so viel Mut antrinken müssen, dass er beim ersten Schlag daneben haute. Daraufhin sollte die Rechnung für die Hinrichtung nicht vollständig bezahlt werden.

Die Hingerichteten hingen teils jahrelang

Das alles spielte sich vor den Augen einer riesigen Menge Leute ab: Die Häuser, die um den Markt herumlagen, wurden sogar abgedeckt, damit man von dort eine bessere Sicht auf das Geschehen hatte. Von einer Hinrichtung, die zwölf Jahre zuvor stattgefunden hatte, wird berichtet, dass mehr als 6000 Zuschauer und Zuschauerinnen gekommen waren. Es gab nicht viele Hinrichtungen über die Zeit, aber die wenigen wurden so abschreckend wie möglich gestaltet. Die Gehenkten durften nicht abgehängt werden, bis sie von selbst abfielen, was mehrere Jahre dauern konnte.

Eine Besonderheit sind auch die Pfarrer in Ippesheim: Seit dem 30-jährigen Krieg, der 1648 endete, bis 1900 wurde die Pfarrstelle normalerweise immer in der Familie weitergegeben. Das führte, wie Anette Schmidt meint, dazu, dass die Pfarrer mit ihren Gläubigen nicht allzu streng waren, um weiterhin gut mit ihrer Nachbarschaft leben zu können. Im Gegenzug ließ auch die Gemeinde ihren Pfarrern einiges durchgehen, egal, ob sie die ganze Zeit unterwegs waren, weil sie im Landtag saßen wie Pfarrer Johann Wilhelm Friedrich Lampert oder sich schriftstellerisch betätigten. Nur ein Pfarrer, der seine Sünderlein etwas heftiger ins Gebet nahm, musste gehen.

Die Schmidts freuen sich, dass die Veranstaltungen so interessiert angenommen wurden. „Auch Zugezogene sind gekommen, sogar Auswärtige”, zeigen sie sich verwundert. Voll des Lobes sind sie über das Organisationsquartett, das ein tolles Programm zusammengestellt habe. Ein breites Spektrum wurde abgedeckt, und es kamen sogar immer noch neue Ideen hinzu, betonen sie.


„Wenn ich Zeit habe, möchte ich das Gemeindearchiv sortieren.”

Karl Schmidt

Pläne für die Fortsetzung der Reihe gibt es noch nicht, aber lokalgeschichtliche Ambitionen schon. „Wenn ich Zeit habe, möchte ich das Gemeindearchiv sortieren”, sagt Karl Schmidt, „und ich die Familienchronik”, ergänzt seine Schwester. Gerade ist das aber noch nicht in Sicht. Er ist als Bürgermeister eingespannt, sie ist in der Ausbildung von Lehrkräften tätig.


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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