Dumpfe Schläge sind zu hören. Ein Krachen, ein Bersten, eine dicke Eiche fällt zu Boden. Hungrig schlingen Männer ein karges Essen hinunter, ehe aus dem Baum in langwieriger Arbeit Bretter entstehen. So könnte es vor 7000 Jahren geschehen sein, im Wald zwischen Ergersheim und Wiebelsheim, lange bevor die Orte entstanden.
Könnte es tatsächlich so geschehen sein? Welche Werkzeuge wurden benutzt? Welche neuen Erkenntnisse lassen sich im praktischen Versuch bestätigen? Beim zehnten Ergersheimer Versuch gehen Archäologen genau diesen Fragen nach.
Dumpfe Schläge sind im Wald zu hören? Nein, wir befinden uns nicht mehr im Frühneolithikum, dem ältesten Abschnitt der Jungsteinzeit. Jetzt sind Archäotechniker am Werk, Leute wie Wulf Hein. Der 63-Jährige ist experimenteller Archäologe. Er untersucht das Alltagsleben der steinzeitlichen Menschen unter anderem mit Rekonstruktionen ihrer Arbeitsgeräte. Der Dechsel ist so ein Werkzeug. Er wird in der Holzbearbeitung zum Abnehmen größerer Spanmengen verwendet. Arbeitsspuren sind vielfach an bandkeramischen Brunnenkästen zu finden.
Ein paar Meter weiter liegen unter einem eher symbolischen Regenschutz zwei dünnere Eichenstämme. Mit Dechseln und verschiedenen Steinklingen arbeiten drei Männer eine Nut heraus, so auch Bernhard Muigg aus Freiburg, ein Brunnenexperte. Er arbeitet an der Kantonarchäologie in Thurgau in der Schweiz. „Bis 2016 sind wir davon ausgegangen, dass bandkeramische Brunnen als Block aus dem Stamm gefertigt und ausgehöhlt wurden“, sagt er.
Bis die Fachwelt aufhorchte. 2016 wurde der erste, 2019 ein weiterer Brunnen in Tschechien entdeckt. Mit erstaunlichem Ergebnis: Genutete Seitenpfähle halten Bretter, so dass die Brunnenkonstruktion deutlich von den bis dato bekannten abweicht. „2019 haben wir Bretter gefertigt, dann kam leider Corona“, sagt Muigg. „So fertigen wir heuer experimentell die Seitenpfähle.“ Die Frage „Selbst mal probieren?“ wird umgehend mit Ja beantwortet.
Den Dechsel drückt den Interessierten der Kreisheimatpfleger Martin Nadler in die Hand. Gute Ratschläge zum Gebrauch gibt es noch von Peter Walter. „Baum zwischen die Beine nehmen. Nicht von oben hacken, sondern mehr mit dem Dechsel von vorne hauen. Ist nicht so anstrengend.“ Tatsächlich geht es relativ flott von der Hand, Späne fliegen zur Seite. Was der Archäologe und stellvertretender Museumsdirektor vom Pfahlbaumuseum Unteruhldingen am Bodensee mit „Ist nicht so anstrengend“ gemeint hat, bleibt aber sein Geheimnis. Der aufgeweichte Waldboden macht den Weg zu Elena Moos nicht einfacher.
Die Mitarbeiterin der Universität Tübingen sitzt rittlings auf einem Stamm und hämmert vor sich hin. Mit einem Feuersteinmeißel („Der kommt hier nicht vor.“) und Holzhammer stemmt sie Löcher für Zapfen aus dem Holz, während es so vor sich hinnieselt. „Am Freitag konnten wir wegen des starken Regens erst gegen 16.30 Uhr anfangen“, sagt Nadler. „Aber, wir sind auch schon im T-Shirt hier gestanden.“ Die Aussicht darauf bleibt heuer jedenfalls hinter dicken Wolken und böigem Wind verborgen.
In das hackende Geräusch einer Stahlklinge mischt sich plötzlich der Sound einer Kettensäge. Eine leicht schrägstehende Eiche hat sich beim Umhauen genau über den Waldweg gelegt. Weil es schnell gehen muss, röhrt die Säge los. Sehnsuchtsvolle Blicke hat ein Kollege aus Rheinland-Pfalz schon vorher auf sich gezogen. Die Römerzeit hat er mit seinem Werkzeug im Visier und kommt mit der Axt weitaus schneller voran. Zeiten ändern sich, dass galt auch damals.
Kurz zurück zu den Brunnenspezialisten. „Das Holz für den tschechischen Brunnen stammt aus dem Jahr 5242 vor Christus“, sagt Muigg. Woher weiß er das so genau? Hier kommt Dr. Oliver Nelle ins Spiel. Der Archäologe vom Landesamt für Denkmalspflege in Baden-Württemberg. Er ist auf Dendrochronologie, also Holzaltersbestimmung, spezialisiert. Das ist jahrgenau möglich. Nelle nutzt die Gelegenheit im Ergersheimer Eichenwald zu Vergleichsforschungen.
Am Freitag hat sich der Archäologische Verein Ergersheim zum Bedauern der Wissenschaftler mangels eines Vorsitzenden als Nachfolger für den im vergangenen Jahr verstorbenen Manfred Keller aufgelöst. Das auf die zehnten die elften Ergersheimer Experimente folgen werden, gilt dennoch als ausgemacht. Die Zusage der Gemeinde, dass wieder Eichen zur Verfügung gestellt werden, steht jedenfalls.