Neue Erkenntnisse zu „Ippsis” rätselhafter Bestattung | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 25.03.2025 18:44

Neue Erkenntnisse zu „Ippsis” rätselhafter Bestattung

Ippsi kehrte ziemlich unscheinbar in einem Pappkarton zurück nach Franken. Das Foto zeigt von links Leonhard Reizlein, auf dessen Grund die Kreisgrabenanlage entdeckt wurde, Professor Schier, Bürgermeister Schmidt sowie Christina Alt und Tommy Neumeister vom Arbeitskreis „1200 + 5“. (Foto: Ulli Ganter)
Ippsi kehrte ziemlich unscheinbar in einem Pappkarton zurück nach Franken. Das Foto zeigt von links Leonhard Reizlein, auf dessen Grund die Kreisgrabenanlage entdeckt wurde, Professor Schier, Bürgermeister Schmidt sowie Christina Alt und Tommy Neumeister vom Arbeitskreis „1200 + 5“. (Foto: Ulli Ganter)
Ippsi kehrte ziemlich unscheinbar in einem Pappkarton zurück nach Franken. Das Foto zeigt von links Leonhard Reizlein, auf dessen Grund die Kreisgrabenanlage entdeckt wurde, Professor Schier, Bürgermeister Schmidt sowie Christina Alt und Tommy Neumeister vom Arbeitskreis „1200 + 5“. (Foto: Ulli Ganter)

Dicht besetzt war der Saal des Dorfgemeinschaftshauses in Herrnberchtheim: Professor Wolfram Schier hatte nicht nur „Ippsi“ wieder zurück nach Franken gebracht, sondern gleich noch eine Reihe neuer Erkenntnisse zu der Kopfüber-Bestattung und der Kreisgrabenanlage, in deren Mitte diese stattfand.

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit die Kreisgrabenanlage in Ippesheim bei insgesamt vier Grabungen erkundet wurde – in der Zwischenzeit habe eine Revolution in der Archäologie stattgefunden. Hatte man damals noch eine Feuerwehrleiter ausleihen müssen, um ein Bild aus der Vogelperspektive zu erstellen, so lässt man heute einfach eine Drohne steigen. Hatte man damals die Grabungen auf Millimeterpapier von Hand festgehalten, so entstehen heute digitale 3D-Modelle von Geländevermessungen.

6800 Jahre zurück

So viel ist also allein in 25 Jahren passiert. Der Blick, den Schier zurückwarf, umfasste aber mehr als 6800 Jahre. Kein Wunder, dass noch längst nicht alle Rätsel gelöst sind, welche die Kreisgrabenanlage als Bauwerk und Ippsi bis heute umgeben.

Immerhin 29 Kreisgrabenanlagen wurden in Deutschland mittlerweile gefunden, Ippesheim nehme darunter aber eine prominente Stellung ein. „In der Fachwelt ist Ippesheim mittlerweile ein bekannter Ort, vielleicht nicht ganz so bekannt wie Troja, aber...“. In Ippesheim und Umgebung ist auch unter Nicht-Archäologen inzwischen das Interesse am historischen Erbe groß: Die Resonanz auf Schiers Vortrag überraschte mit an die 100 Besucher und Besucherinnen die Organisatoren des feinen Jubiläumsprogramms „1200 + 5“ einmal mehr.

Laien und Wissenschaft sind beide fasziniert

Ein weiteres Beispiel des örtlichen Interesses ist der verkleinerte Nachbau der Kreisgrabenanlage, etwa 300 Meter nordöstlich der ursprünglichen Funde, durch eine Gruppe um Helmut Heitzer.

Die Schautafeln an dieser Anlage müssen nicht neu geschrieben werden, sie könnten aber ergänzt werden: Schon vorher war durchgesickert, dass Ippsi mit recht hoher Wahrscheinlichkeit ein Mann war, wenn auch einer von recht graziler Statur.

Erstaunlich ist, was sich am Fund von drei Zähnen ablesen lässt: „Ippsi“ ist demnach ein Zugereister, dessen ältere Zähne im Gipskeuper durchbrachen (der ist allerdings schon in einem Umkreis von 30 Kilometern zu finden). Erst der Weisheitszahn bildete sich dann auf dem Lößboden bei Ippesheim aus.

Was drei Zähne alles zu erzählen wissen

Zudem aß Ippsi wohl viel Fisch oder Fleisch – eine untypische Ernährung seinerzeit – was ebenfalls auf eine gewisse Sonderrolle hinweist. Dass jemand kopfüber begraben wurde, ist nach wie vor einmalig. Etwas Vergleichbares wurde noch nicht gefunden.

Als „Ippsi“ inmitten der Kreisgrabenanlage bestattet wurde, war diese im übrigen schon weitgehend aufgegeben. Über mehrere Generationen wurde mal ambitionierter an ihr gebaut und umgestaltet, mal wenig Interesse gezeigt. Wie die Menschen der Jungsteinzeit die Position der Anlage berechneten, durch deren Tore sich zum Beispiel der Sonnenaufgang zur Winter- und zur Sommersonnenwende öffnet, bleibt ein Rätsel. „Das erforderte schon höhere Mathematik.“ Für sehr wahrscheinlich hält Schier es, dass ein weiteres dieser Tore vorsätzlich so gesetzt wurde, dass man dahinter den Untergang der Gürtelsterne des Orions zum Frühjahr sehen kann. Jedenfalls machte man dieselbe Beobachtung in Quedlinburg.

Ansonsten geht der Archäologe davon aus, dass es weniger darum gegangen sei, aus der Palisadeneinrichtung auf den Sonnenaufgang herauszublicken, sondern dass das einfallende Licht einen theatralischen Effekt verursachte. Das würde auch erklären, warum man sich an der Nordwestseite weitaus mehr Mühe mit den Grabungen gegeben hatte. Diese „Bühnen“richtung wurde später im übrigen geändert. Neu ist auch die Erkenntnis, dass im Innern der Palisaden Gebäude gewesen sein könnten – Lehmspuren wurden gefunden.

Die genetischen Untersuchungen an Ippsi sind noch nicht abgeschlossen. Das Skelett soll in Zukunft in der Jungsteinzeitabteilung des Museums in Uffenheim einen (letzten?) Ruheplatz finden.

Wer noch mehr erfahren will, kann dies auf 530 Seiten im 2023 erschienen Buch von Wolfram Schier tun. Der Titel: Die mittelneolithische Kreisgrabenanlage von Ippesheim.


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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