„Menschliches Dynamit”: Herrieder boxte vor 100 Jahren gegen den Weltmeister | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 24.12.2024 08:00

„Menschliches Dynamit”: Herrieder boxte vor 100 Jahren gegen den Weltmeister

Boxer, Rettungsschwimmer, Bauarbeiter: Karl Bruno Kreuzer alias Benny Krueger in den USA. (Repro: Rudolf Eder)
Boxer, Rettungsschwimmer, Bauarbeiter: Karl Bruno Kreuzer alias Benny Krueger in den USA. (Repro: Rudolf Eder)
Boxer, Rettungsschwimmer, Bauarbeiter: Karl Bruno Kreuzer alias Benny Krueger in den USA. (Repro: Rudolf Eder)

In Sauerbach, einem 5-Häuser-Dorf nahe Herrieden, glänzen Straßen und Felder regenschwer. Blickt man nach Norden, sieht man unter dem Novembergrau die Kirchturmspitze von St. Martin hervorblitzen. Im Süden beginnt der Wald. Dort irgendwo endete nach 27 Jahren im Dezember 1931 das Leben von Karl Bruno Kreuzer.

„Amerika ist mein letzter Ort noch nicht. Bei mir geht es noch weiter, die nächste Landreise ist China. Ich will die Welt sehen und kennen lernen. Es gibt nichts Schöneres als Welterfahrung suchen“, schrieb Kreuzer acht Jahre zuvor aus Chicago nach Hause. Warum es ganz anders kam, ist eine der großen Fragen dieser Geschichte, die von Herrieden nach Amerika und zurück führt, von Weltmeisterschaftskämpfen im Boxen handelt und vom Auswandererglück.

Dachbodenfund Jahrzehnte später

Behutsam klappt Erich Arnold den schweren schwarzen Band mit Fotos, Dokumenten und Zeitungsartikeln auf. „Leider ist das meiste ohne Datum abgelegt“, sagt der Herrieder Stadtarchivar mit leisem Tadel. Wäre ihm als Profi natürlich nicht passiert.

Dieses Konvolut gehört zusammen mit Briefen, einem alten Überseekoffer und einem Paar Boxhandschuhe zum Nachlass von Kreuzer, der teilweise 2023 erst beim Ausräumen eines Hauses entdeckt wurde.

Der Herrieder Rudolf Eder hat das Material ausgewertet. Außer Arnold, Eder und dem Reporter beugt sich auch Hermann Maier zwischen den Stahlregalen im Stadtarchiv über die erstaunlich gut erhaltenen Schwarz-weiß-Aufnahmen und zwar vergilbten, aber meist auch nach hundert Jahren noch tadellos lesbaren Zeitungsausschnitte.

Der Onkel schickte Dollars aus Amerika

Maier ist ein Neffe von Kreuzer. Dessen Geschichte war in der Familie präsent, der Onkel in Amerika, der harte Dollars schickte ins von Inflation geplagte Deutschland.

Karl Bruno Kreuzer kommt 1904 als viertes von sechs Kindern der Eheleute Otto Kreuzer und Walburga, geborene Kiefer, zur Welt. Mit 17 muss er Wehrdienst ableisten, was ihm nicht gefällt. „Militarismus vergleiche ich wie Zuchthaus und Gefängnis“, schreibt Kreuzer. Wenig später macht er sich auf in die USA, nach Chicago, wo bereits Verwandte leben.

Immer wieder bietet er Hilfe für die Heimat an

Stolz berichtet Kreuzer 1923, dass er als Bauarbeiter an einem Wolkenkratzer arbeitet („Schaffe im sechsten bis zehnten Stockwerk“) und ganz ordentlich verdient. 40 Dollar die Woche sind genug, um die Passage abzuzahlen, sich ordentlich zu ernähren und zu kleiden. Später wird Kreuzer seinem Vater 400 Dollar zukommen lassen, ein kleines Vermögen. Mehrfach bietet Kreuzer an zu helfen, wenn es daheim knapp wird mit dem Geld und versucht, seinen Bruder Otto, der beim Militär ist, zu überzeugen, ihm in die USA zu folgen.

Wie ging das nur los mit dem Boxen?

Das Leder der Boxhandschuhe ist spröde und rissig, die Füllung, wahrscheinlich Tierhaare, knistert leise. Wer die Faust darin vor hundert Jahren am Kinn gespürt hat, lässt sich nicht sagen. Man weiß ja nicht einmal, wie das überhaupt anfing mit Kreuzer und dem Boxen. Vermutet wird, dass der sportliche, kräftige, groß gewachsene junge Mann bereits während der Ausbildung zum Textilkaufmann in Fürth nach der Schulzeit mit dem Faustkampf in Kontakt kam.

Alle 14 Tage ein Kampf fürs Publikum

In einem Brief vom September 1924 heißt es: „Alle 14 Tage habe ich einen Kampf fürs Publikum. Boxen ist meine Haupttätigkeit im Lande und ich erhoffe auch mein Glück zu machen. Das Geld, das ich Euch schicke, habe ich mit meiner Faust (Boxen) erobert.“ Kreuzer nennt sich nun Benny Krueger oder auch Bennie Kruger und macht Karriere im Ring. Davon kündet das Sammelsurium von Zeitungsartikeln, die leider nur schwer in eine Reihenfolge zu bringen sind (fehlendes Datum!).

Kreuzer schafft es jedenfalls in die Mannschaft von Jack Dempsey, Schwergewichtsweltmeister zwischen 1922 und 1926. Der bereitet sich 1927 auf den Weltmeisterschaftskampf mit Gene Tunney vor und Kreuzer ist dabei – im Trainingslager und im Rahmenprogramm.

Erhebliche und lobenswerte Aufmerksamkeit

In den Jahren zuvor hat er sich unter anderem als Rettungsschwimmer am See Michigan verdingt. Auf Fotos heben sich die gebräunten Schultern und Arme stark von der durch das Trikot vor der Sonne geschützten Brust ab.

In einem Empfehlungsschreiben seines Arbeitgebers heißt es: „Dieser Junge Benny war in den letzten vier Jahren ein erstklassiger Rettungsschwimmer. So ungern wir ihn auch freigeben wollten, haben wir ihn gerne dem Dempsey-Lager für Trainingszwecke überlassen, wo er nun in der Zeitung erhebliche und lobenswerte Aufmerksamkeit erhält.“ Man möge diesen beliebten und bescheidenen Jungen aus Chicago doch ins Programm der Vorkämpfe aufnehmen.

So kommt es.

Dempsey: Der Junge ist Dynamit

Beliebt war Kreuzer, also Krueger, auch bei Dempsey. „Ich hatte noch nie jemanden, der so bereitwillig alles tut, was man ihm sagt, ohne ein Wort des Widerspruchs, egal wie lächerlich die Aufgabe ist“, wird der Weltmeister in einem Artikel über den „menschlichen Sandsack aus Deutschland“ zitiert, der wohl in der Chicago Daily Tribune erschien. „Weil er ehrgeizig ist tun wir alles, was wir können, um den jungen Mann zu einem Boxer zu entwickeln. Er ist wirklich ein menschliches Dynamit. Er ist von morgens bis abends in Bewegung. Benny ist der Erste, der morgens aufsteht und der Letzte, der abends zu Bett geht“, so Dempsey.

Der Tribune-Autor hält es für möglich, dass der Name dieses jungen Deutschen eines Tages „in Leuchtschrift über dem Eingang des Madison Square Garden“, der legendären Arena in New York, zu sehen sein wird.

Erst einmal taucht der Name Kruger auf dem Programm des WM-Kampfes am 22. September 1927 in Chicago auf. Mehr als 104.000 Zuschauer sehen Dempsey wie schon im Vorjahr gegen Gene Tunney verlieren. Der Herrieder bestreitet den Kampf danach.

Die Eltern sorgen sich – zu Recht

„Bei mir geht es gut, bin gesund und mache immer mein Geld. Kämpfte am 22. September in Chicago, wo Dempsey kämpfte, machte 2000 Dollar. Habe den Kampf bei Punkten verloren“, schreibt Kreuzer im Oktober 1927, „sende Euch einige Bilder von mir und Dempsey, bitte Euch um gute Aufbewahrung der Bilder und Zeitungsabschnitte.“

In Herrieden verfolgt man die Karriere nicht nur mit Wohlwollen. Der Vater fragt, ob auch der Verlierer beim Boxen Geld bekommt (ja, aber viel weniger), öfter allerdings drücken die Eltern Sorgen über die Gesundheit des Sohnes aus. Darauf jedenfalls lassen die Antworten schließen.

Ziemlich verschlagen im Gesicht

Die Sorgen sind nicht unbegründet. Kreuzer berichtet von einer gebrochenen Hand, einer mehrfach gebrochenen Nase und weiteren Verletzungen.

„Ich sehe ziemlich verschlagen aus im Gesicht, macht aber alles nichts, ich will so mein Geld verdienen“, heißt es einmal, ein andermal: „Halte viel auf meine Gesundheit, bin sehr vorsichtig, aber es geht viel kaputt.“

Der letzte Brief stammt vom Februar 1928: „Ich sehe sehr gut aus, habe meine Gesundheit und bin nicht beschädigt in keiner Weise. Ihr glaubt, dass ich mich körperlich ruiniere. Das Boxen ist halb so wild wie Ihr denkt.“

Nicht beschädigt in keiner Weise.

Wer Kreuzer wenige Jahre später in Herrieden zu Gesicht bekommt, hat einen anderen Eindruck. Der Überlieferung nach hatte er körperliche Probleme und mehrere Zähne verloren.

Versehrt an Körper und Geist

Kreuzer ist Anfang 1931 wieder in Herrieden, was sich mit einer Rechnung der Ansbacher Firma Heinrich Franken Automobile belegen lässt, die 60 Reichsmark für eine Führerscheinausbildung verlangt.

Im Dezember erschießt sich Kreuzer „im Walde bei Sauerbach“, wie die Fränkische Zeitung berichtet.

Auf der Frage nach dem Warum ist man mehr als neun Jahrzehnte später auf Vermutungen angewiesen. Bei der Lektüre der Briefe sind Rudolf Eder „Stimmungsschwankungen“ aufgefallen. In die gleiche Richtung denkt der Neffe. „Bruno hat wohl geistige Schäden abbekommen“, sagt Hermann Maier, „er hat sein ganzes Geld verschenkt und sein Vater hat ihn nicht wieder in die USA gelassen“.

Hinter der Story

Rudolf Eder aus Herrieden, Mitarbeiter der Fränkischen Landeszeitung, hat das Material über Karl Bruno Kreuzer durchgesehen, übersetzt, die Briefe abgeschrieben, eigene Recherchen angestellt und eine Art Biografie über den Herrieder Boxer in Amerika geschrieben. Auf die Arbeit von Eder stützt sich dieser Artikel zu einem großen Teil. Bemerkenswert an dem Material aus dem Nachlass ist, wie gut sich die an die hundert Jahre alten Abzüge gehalten haben. Ob Fotos im aktuellen Dateiformat jpg 2120 noch zu gebrauchen sind?


Alexander Keck
Alexander Keck
Der noch in Vor-Internetzeiten der FLZ zugelaufene Schwarzwälder hat im Verlauf von fast drei Jahrzehnten die fränkischen Merkwürdigkeiten, die in Ohrmuscheln (Allmächd!) und auf Esstellern (Saure Zipfel!) landen schätzen gelernt. Nur die im Vergleich zu Spätzle stets zu breiigen Knödel mag der Schwabe nicht. Das Schreiben über Sport dagegen immer noch sehr - gerne auch abseits des Mainstreams.
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