Sensationeller Fund in der Neustädter Kirchenbibliothek: Bei den Renovierungsarbeiten, die seit Februar im so genannten Recep-taculum, dem gewölbten Bibliotheksraum über der Sakristei der Stadtkirche, laufen, stießen Zimmerleute hinter der Fußleiste der rechten Regalwand auf drei Schnellhefter mit über 1500 Namen.
Bei den aufgelisteten Personen handelt es sich um die 1935 zur „Bekennenden Kirche“ beigetretenen Mitglieder der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Neustadt mit Riedfeld, Eggensee, Unterstrahlbach und Diebach. Geordnet sind die Listen nach dem Straßenverzeichnis der Stadt Neustadt beziehungsweise nach Hausnummern in den heutigen Stadtteilen.
Darüber hinaus fischten die beiden Arbeiter der Zimmerei Bruder die einzelnen Beitrittserklärungen aus dem sicheren Versteck unter der Regalwand hervor: Karteikarten, die den Beitritt zur Bekenntnis-Gemeinschaft der Kirche belegen, sowie Erklärungen zur evangelischen Schulgemeinde Neustadt a. d. Aisch.
Dieser Fund, der hier sicher verwahrt war vor dem Zugriff der damals überaus aktiven Neustädter Nazis – Neustadt verstand sich ja seit den 1920er Jahren bekanntlich als Hochburg des Nationalsozialismus – ist ein eindrucksvoller Beleg für die Treue vieler hiesiger Gemeindemitglieder zu ihrer Kirche.
Mit ihrer eigenhändigen Unterschrift unter die Erklärung bekannten sich die Unterzeichner zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, zum Dienst an Christus, dem Herrn der Kirche, gemäß ihrem Konfirmationsgelübde auf dem Boden der Heiligen Schrift und des Kleinen Katechismus Martin Luthers. Zugleich versprachen die Unterzeichner, ihr Leben unter Gottes Beistand wahrhaft christlich zu führen, „Gott zur Ehre und dem Nächsten zum Dienst“.
Diese Erklärung war die Antwort auf den Versuch der Nationalsozialisten, mit Hilfe der „Deutschen Christen“ eine Reichskirche nach dem Führerprinzip zu etablieren, Rassestandpunkte in den Kirchen durchzusetzen und deren Organisationsform zu bestimmen. Dies hatte im Mai 1934 zur Gründung der Bekennenden Kirche geführt und zum Kirchenkampf gegen das Deutschchristentum auf evangelischer Grundlage.
Anfang 1935 hatte der bayerische Landesbischof Hans Meiser (1881-1956, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern von 1933 bis 1955), auf Anregung der im Mai 1934 gegründeten Bayerischen Pfarrbruderschaft und in Folge der ersten Reichsbekenntnissynode im Mai 1934 in Barmen, zur Gründung von Bekenntnisgemeinschaften aufgerufen. Diesem „frommen Volksaufstand“ schlossen sich bis Sommer 1935 fast 400.000 Gemeindeglieder an.
Die in Neustadt aufgefundenen Listen und Beitrittserklärungen zeichnen ein genaues Bild der kirchlichen Bindung der überwiegend evangelischen Einwohnerschaft von Neustadt. Von den damals gut 5000 Einwohnern der Kernstadt gehörten über 1500 der Bekennenden Kirche an.
Im Stadtteil Eggensse waren es 31 (bei 22 Familien), im Chausseehaus vier (eine Familie), in Diebach 33 (bei 24 Familien), in Riedfeld 50, im Pfalzbach nochmals drei, in Unterstrahlbach 17 (Bahnposten nochmals sechs), in der Siedlung An der weißen Marter, der „Kinderreichensiedlung“ aus der Zeit des Dritten Reiches immerhin noch zehn.
Übrigens: Auch hinter der linken Regalwand fand sich ein literarischer Schatz. Dort entdeckten die Arbeiter einen Sammelband mit sechs Beiträgen, von denen der älteste – ein Text über die Bräuche des Karnevals – von 1579 stammt. Der Band selbst wurde laut der auf der ersten Seite vermerkten Jahreszahl im Jahr 1689 gedruckt.
Im Staub der Jahrhunderte fanden sich Papierfragmente, eine Buchschließe, ein Buchdeckel und ein Buchrücken, Die Reste eines Schwalbennestes und ein paar Taubeneier am Ende des Regals überraschten dann nicht mehr wirklich. Welche Geheimnisse mögen sich noch hinter den Rückwänden verbergen?