Die unverblümte Realität gleich einmal vorweg. Nicht alle Pflegekinder sind knuddelige Kleinkinder, die sich riesig darüber freuen, eine neue Familie gefunden zu haben und einen mit unendlicher Dankbarkeit nur so überschütten. Das hat auch Lea Pille (39) aus Burghaslach erlebt. Lea Pille ist als jüngstes Kind mit drei Geschwistern groß geworden. Als sie sechs Jahre alt war, kam das erste Pflegekind Mirko (3) mit seiner Schwester (5) in ihre Familie. Mirko hat sich schnell eingelebt, seine Schwester war allerdings problematisch und musste in ein Heim. Sie kam ins Martin-Luther-Haus nach Nürnberg.
Alle zwei Wochen wurde Mirkos Schwester dort besucht. Lea Pille fiel ein kleiner Junge auf, der immer wieder zu einer Kinderpflegerin „Mama“ sagte. Auf der Heimfahrt war schon damals für Lea klar: „Ich werde einmal eine Mama für so ein Kind“. Und das ist sie jetzt auch. Derzeit hat sie zwei Pflegekinder und ein Notfallkind. Das sind Kinder, die sofort aus einer Familie genommen werden. „Da heißt es dann nachts um 3 Uhr das Kinderbett aufstellen und parat stehen.“
Lea Pille hat zwei eigene Töchter im Alter von 19 und zehn Jahren. Seit 2019 ist sie Vollzeitpflegemama von einem Mädchen (5) und einem Sohn (7). Das Mädchen hat sie gleich nach der Geburt bekommen, den Sohn erst im Alter von vier Jahren.
Welche Kinder kommen in Pflegefamilien? Viele denken jetzt spontan an häusliche Gewalt, Vernachlässigung oder psychische Erkrankungen der Eltern. Es kommt leider immer wieder vor, dass die Kinder durch Alkohol während der Schwangerschaft geschädigt sind. Je nach Schweregrad haben sie körperliche Einschränkungen wie Untergewicht, zu kleiner Kopfumfang, motorische Störungen oder die Schädigung fällt erst im Schulalter auf. Die sogenannten FAS-Kinder (fetales Alkoholsyndrom) können sich nicht so gut konzentrieren, haben ihre Gefühle nicht im Griff. Leas Pflegesohn ist ein solches Kind. „Das war am Anfang sehr kraftraubend, mittlerweile ist er aber medikamentös gut eingestellt, kommt in der Schule gut mit“, sagt die Pflegemutter.
Und hat man manchmal Angst, den eigenen Kindern nicht mehr gerecht zu werden? Das kann Lea Pille nicht bestätigen. Für sie sind die Pflegekinder eine große Bereicherung, sie würde kein Kind mehr hergeben wollen. Sie steht in engem Kontakt mit den leiblichen Eltern. In der Regel bleiben die Kinder bis ins Erwachsenenalter in ihren Pflegefamilien. Kein Heim kann das bieten, was ein familiäres Umfeld bietet. Bisher konnten aber immer noch alle Pflegekinder im Landkreis in Familien vermittelt werden.
Leas Rat an alle: Man muss konsequent bleiben, sonst hat man verloren. Es braucht viel Geduld, viel Liebe und man darf nicht blauäugig an die Sache herangehen. Und ganz wichtig - man ist nicht allein. Sigrid Mosé, Leiterin des Pflegekinderfachdienstes des Landkreises Neustadt an der Aisch, unterstützt seit gut 40 Jahren Pflegefamilien. Interessenten werden in entsprechenden Seminaren gut auf ihren Job als Pflegeeltern vorbereitet. Ihre Erfahrung zeigt, die meisten Kinder bleiben in ihren Pflegefamilien. Es ist immer wieder erstaunlich, wie widerstandsfähig Kinder sind, wie gut sie Erlebtes wegstecken können. „Selbst schwer traumatisierte Kinder leben in einer passenden Pflegefamilie richtig auf“, resümiert Sigrid Mosé.
Seit ein paar Jahren hat die Zahl der Interessenten, Pflegekinder aufzunehmen, abgenommen. Das mag daran liegen, dass immer mehr Frauen in Vollzeit arbeiten, sich die Wohnverhältnisse geändert haben. Allerdings ist es bisher fast immer gelungen, Kinder in einer Pflegefamilie unterzubringen. Jeder kann sich bewerben. Es gibt keine Altersgrenze wie bei einer Adoption, man kann alleinerziehend sein, in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben oder als Paar kinderlos sein. Herzlichkeit, Belastbarkeit, eine positive Lebenseinstellung und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Pflegekinderdienst, dem Jugendamt und der Herkunftsfamilie sollten das nötige Rüstzeug sein, wenn man sich mit dem Gedanken trägt, selbst ein Pflegekind aufzunehmen.
Je nach Alter des Kindes liegt der monatliche Pflegesatz zwischen 1060 Euro bis 1390 Euro, für Notfallkinder wird ein Tagessatz von 90 Euro gezahlt. Wer sich genauer informieren möchte, kann dies unter der Tel. 09161/922530, E-Mail sigrid.mose@kreis-nea.de oder pflegekinderfachdienst@kreis-nea.de.