Starker Start für das Festival „Beyond” im Feuchtwanger KulturKino: Die beiden Filme zum Auftakt verdeutlichten die Bandbreite der knapp drei Dutzend Beiträge, die bis Sonntag zu sehen sind. Festivalleiter Ludger Pfanz prangerte in seinem Einführungsvortrag „Technofeudalismus” an und warb für Kunst und Kultur als Brückenbauer.
Zunächst aber hatte die Filmemacherin Gülsel Özkan das Wort, die „Beyond” gemeinsam mit Pfanz vor drei Jahrzehnten in Karlsruhe ins Leben gerufen hatte. Sie bezeichnete das Kino als Ort, „an dem Bilder sprechen und wo Wahrheit und Imagination miteinander tanzen”, berichten die Veranstalter in einer Pressemitteilung. Özkan griff damit auch das Thema des diesjährigen Festivals auf: Wahrheit und Wahrhaftigkeit. „Das Publikum ist die wichtigste Jury”, betonte die Regisseurin.
Von der Diskrepanz zwischen „künstlicher Intelligenz und natürlicher Dummheit” angesichts omnipräsenten Wahnsinns sprach der Medienkünstler und Filmemacher Pfanz in seinem provokanten Vortrag. Er griff die drängendsten Probleme der Menschheit wie Klimaveränderung und Ressourcenverbrauch auf – und das Scheitern der Mächtigen, sie zu lösen. Zu Fotos von Trump, Putin, Orban, Erdogan und anderen Herrschenden sagte er: „Das sind die Buben, die´s richten sollen.” Dabei seien sie es, die Vertrauen in politisches Handeln vernichtet und Glaubwürdigkeit verspielt hätten.
Pfanz hielt sich indes nicht lang mit der Problemanalyse auf, sondern gab der Pressemitteilung zufolge pointiert Impulse zum Nachdenken über mögliche Lösungen, die freilich global zu suchen seien. „Warum müssen eigentlich Roboter nicht in die Sozialkassen einzahlen?”, fragte er angesichts wachsender Produktivität ohne menschliche Arbeit.
Die reichsten Menschen der Welt machten ihre Milliarden nicht mehr mit klassischer Güter-Herstellung, sondern im digitalen Bereich. Der Festivalchef sprach in diesem Zusammenhang von „Technofeudalismus” als „digitaler Leibeigenschaft im Glittergewand der Innovation”. Im übrigen hätten Softwareentwickler und Drogenhändler eines gemeinsam: Nur sie würden ihre Kunden als „Nutzer” bezeichnen.
„Wer, wenn nicht die Kunst, kann Brücken bauen?”
Doch wie lässt sich all dem gegensteuern, wie kann die Menschheit umdenken? Investitionen in Forschung und Bildung, weltweiten Kulturaustausch ohne Grenzen und Graswurzelnetzwerke nannte Pfanz als Optionen. „Wer, wenn nicht die Kunst, kann Brücken bauen?”, fragte er und spannte damit den Bogen zum Filmfestival mit 104 Bewerbungen aus 40 Ländern. Das Programm sei „regional und international, aber keinesfalls national”, betonte Pfanz.
Genau das bewiesen die beiden Eröffnungsbeiträge. Mit dem fränkischen Kurzfilm „Die sind auch einfach schön” stellte die Bamberger Filmemacherin Julia Flachmann nicht nur eine liebevolle Hommage an die Kittelschürze vor, sondern teilte auch augenzwinkernd einen Seitenhieb gegen Mode-Hypes aus. Mit „Menschen, Götter und andere Kreaturen” folgte eine Dokumentation über ein vermeintliches Paradies, die kleine griechische Insel Gavdos. Regisseurin Svetlana Strelnikova reiste zur Deutschlandpremiere ihres Films eigens aus Moskau an, und auch ihr deutscher Produzent Frank Müller kam nach Feuchtwangen.
Zehn Jahre hat Strelnikova an dem Film gearbeitet. 2014 hatte der damals beginnende Ukraine-Konflikt die Russin in eine persönliche und kreative Krise gestürzt. Auf der Suche nach einer heileren Welt kam sie nach Gavdos, wo sie bald feststellen musste, dass der Traum von einem Paradies am Menschen scheitert: „Auf der kleinen Insel gelten dieselben Mechanismen wie in der großen Welt.” Wahrheitsfindung mit der Kamera: Ruhig und einfühlsam spürt Strelnikova auf, welches Konfliktpotential die Vision von einer utopischen, harmonischen Gesellschaft bedroht.
Dass Filmschaffende aus aller Welt in Feuchtwangen ihre Werke vorstellen, hatte eingangs Bürgermeister Patrick Ruh als Glücksfall für die Kleinstadt bezeichnet. Er würdigte Gülsel Özkan und Ludger Pfanz für ihr Engagement, „Beyond” im KulturKino zu etablieren. Dafür hatte Ruh auch finanzielle Unterstützung dabei. Er überreichte den Organisatoren einen Scheck über 500 Euro von der Bürgerstiftung Feuchtwangen, die zweckgebunden von der Macs Holding GmbH stammten.