Tomaten-König wurde er in zahlreichen Veröffentlichungen schon genannt, den Tomaten-Papst fand er dann aber doch etwas überhöht. Robert Meiers Leidenschaft für die Nachtschattengewächse ist aber unbestritten. Tomaten sind nicht weniger als sein Leben.
Wer ihn auch nur ein paar Minuten über diese Pflanzen reden hört, spürt genau, welche Bedeutung Tomaten für den 70-Jährigen haben müssen. Seit 1980 beschäftigt er sich intensiv mit dem Gewächs, das so leckere rote Früchte hervorbringt. Wobei, die Farbe Rot trägt lediglich ein Teil seiner Tomaten. Rund 150 verschiedene Sorten gedeihen im Garten der Familie, die mit viel Liebe, Herzblut und besonderen Rezepten seine Leidenschaft mitlebt.
Von dem Haus der Meiers im beschaulichen Örtchen Jochsberg vor den Toren Leutershausens ist beinahe nichts mehr zu sehen, lediglich der Giebel spitzt noch hinter einer grünen Wand hervor. An verzinktem Stahlblech dürfen unzählige Tomatensträucher meterhoch emporranken – ganz wie es ihnen beliebt. Auffällig ist neben der schieren Höhe der Pflanzen, wie verzweigt die Tomaten hier wachsen. Wachsen dürfen.
Robert Meier hält nichts von der bekannten Lehre in Sachen Tomaten. Weder kappt er die Geiztriebe noch beschneidet er die obersten Stängel. Auch eine Überdachung der Pflanzen hält er für unnötig, seine Tomaten gedeihen selbst an der Wetterseite prächtig. „Ich mache nichts so, wie es mir meine Oma beigebracht hat“, sagt er und setzt ein gewinnendes Lächeln auf.
Normal ist das nicht, was ich mache.
Der Erfolg gibt Meier recht. Seit vielen Jahren. Nahezu überall sprießen hier in verschiedenen großen Töpfen, umfunktionierten Mörtelwannen und einfachen Kübeln zur besten Erntezeit die Tomaten. Mal zeigt sich die „Blue Bayuu“ in ihrem erotisch anmutenden tiefdunklen Lila, gleich nebenan schreit die „Rote Zora“ mit ihrem fein marmorierten Erscheinungsbild geradezu danach, aufgeschnitten und verkostet zu werden.
Doch dazu müssen noch ein paar Wochen ins Land gehen. Bis dahin bleibt das Anwesen der Meiers „ein Schaugarten und kein Klaugarten“, wie der Herr der Tomaten mit einem brummig-bestimmten Basston in seiner Stimme feststellt. Ihr Schaugarten wird schließlich in jedem Jahr von vielen hundert Menschen besucht, die nach Jochsberg anreisen, um die üppige Vielfalt der Tomaten zu bestaunen und sich vom Experten den ein oder anderen Tipp für den Anbau im heimischen Garten zu holen.
Wer sich all das merken will, was Robert Meier aus seinem reichen Schatz an Erfahrungen und Hintergründen zu berichten weiß, der benötigt schon ein fotografisches Gedächtnis. In 40 Jahren Tomatenzucht kommt schließlich einiges zusammen. Es sprudelt geradezu heraus aus Meier, wobei seine Prämisse klar ist: Geht es der Tomate gut, kann sie leicht vielen Unbilden trotzen. Regen, Hitze, Schädlingen und der bei Tomatenfreunden regelrecht verhassten Kraut- und Braunfäule. Dieser Pilz kam bei Meiers bislang kaum vor, weil er durch sanftes Bewässern und vorsichtiges Kappen von Blättern und Stängeln kaum Angriffsfläche für den Pilz bietet. „Das ist wie bei uns Menschen. Wenn wir angeschlagen sind, kann uns eine Grippe schon mal umwerfen. Ist die Tomate gesund, hält sie auch schlechtem Wetter stand.“
Um das Wohlbefinden seiner Lieblinge kümmert sich der 70-Jährige viele Stunden am Tag. Erst wenn die Dämmerung einsetzt, hört er auf mit dem „Bedüddeln“ der Tomaten, wie es seine Tochter Ursula augenzwinkernd nennt.
Bei Meiers hat sich das Tomaten-Gen zweifelsohne direkt vererbt, Sohn Manuel hilft mit, die Tochter hat ebenfalls schon 60 Pflanzen bei sich im Haus und züchtet obendrein selbst seltene Sorten von Auberginen, Paprika und Chilies. Zusammen mit ihrem Vater hält sie Vorträge, steht VHS-Kursen vor und achtet bei Führungen durch den Garten darauf, dass nicht zu viele Besucher von den einladend leuchtenden Tomaten naschen.
„Die nächste Besuchergruppe soll schließlich auch noch ein paar Früchte sehen“, argumentiert Robert Meier, und man ahnt, dass er beinahe jede seiner etwa 200 Tomatenpflanzen ins Herz geschlossen hat und womöglich auch als eine Art Familienmitglied betrachtet. „Ich gehe in dem Hobby auf“, sagt Meier und bestätigt das, was eh schon klar ist: „Ja, das ist meine Leidenschaft.“
Seine Frau Irene hat sich damit längst arrangiert. Sie bekommt ihren Mann oft stundenlang nicht zu Gesicht, wenn der rund 800 Liter Gießwasser pro Tag aus seinem Brunnen pumpt und in seinem Dschungel voller Tomaten und exotischer Pflanzen gelbe Blättchen abzwickt. Sie ist im Familienbetrieb dafür zuständig, Samen aus den reifen Tomaten zu ziehen. Die werden feinsäuberlich zu je einem Dutzend im eigenen Saft getrocknet, weil das widerstandsfähiger macht und die Keimfähigkeit erhält. Erst dann werden sie versandt.
Über die Jahre hat sich ein großer Fundus angesammelt. An Wissen, aber auch an speziellen, alten Sorten, die es andernorts nicht zu kaufen gibt. Alles, was zum Anbau der lateinisch Solanum lycopersicum genannten Frucht dazugehört, wird von den Meiers vertrieben. Weicher Bindedraht, um an der Pflanze keine Reibestellen zu verursachen, spezielle Dünger und Anzuchterden sowie natürlich die Samen selbst. Setzlinge gehören aber nicht zum Programm. Weswegen Meier auf die Gesetzgebung der Europäischen Union nicht gut zu sprechen ist.
„Alte und seltene Sorten gelten in der EU als wirtschaftlich uninteressant“, sagt Meier, das Zulassungsverfahren für viele der von ihm bevorzugten alten und seltenen Tomatensorten sei extrem teuer und aufwendig. „Das können sich nur die großen Firmen leisten und die haben natürlich kein Interesse daran.“ Daher muss er ausdrücklich und hochoffiziell in seinen Prospekten darauf hinweisen, dass er nur „Sammelobjekte und Zierpflanzen“ vertreibt.
Los geht es damit bereits im Frühjahr. Nicht im Gewächshaus, sondern im Wohnzimmer. Mitte März werden die Samen zunächst in bereits angefeuchtete Erde nicht zu tief in kleine Becher gesteckt, Frischhaltefolie sorgt für zusätzliche Feuchtigkeit. Vier Wochen später wandern sie dann in deutlich größere Aufzuchtbecher, wo die kleinen Tomaten ein ausgeprägtes Wurzelwerk bilden können. Der Erfolgsfaktor schlechthin, wie Robert Meier glaubt, denn durch die vielen Verästelungen im Boden wachsen die Pflanzen kräftiger und bilden mehr Triebe aus.
Sechs Reihen hintereinander stehen dann am Fenster im Wohnzimmer. Akribisch wird aufgelistet, an welchem Platz sich welche Sorte befindet. Denn eines ist klar bei Meiers: Nach der Tomatenernte ist vor der Tomatenernte.