Der neu geschaffene Kulturgarten im Spitalviertel ist eine Oase. Die etwa 900 Quadratmeter umfassende Fläche gehört der Stadt und wurde von der Kirchengemeinde Heilig Geist gepachtet. Er wird ehrenamtlich gepflegt und vielfältig genutzt, unter anderem für Lyrikabende.
Ein kleines Team hat den Garten in diesem Jahr wieder hergerichtet, wuchernde Gehölze entfernt, Wassertonnen aufgestellt, die Hochbeete aktiviert, Kartoffeln gesteckt und Gemüse gepflanzt. Auch eine Steinpyramide für Kräuter gibt es. Ziel sei es, so Joachim Greis, den Garten gemeinschaftlich zu nutzen, eine Art „Urban Gardening“.
Insbesondere Bürgerinnen und Bürger, die in der Altstadt wohnen, keinen Garten haben, aber gerne garteln, sollen hier ihre Erfüllung finden. Sie können selbst Gemüse und Salat anpflanzen, pflegen und ernten. Die Nutzung ist kostenlos, Gemeinschaft und Begegnungen gibt es gratis dazu.
Immer wieder sollen gesellige Treffen und Veranstaltungen dort stattfinden, so Greis. Den Auftakt in diesem Jahr bildete die „Lyrik im Kulturgarten“. Dazu waren Menschen eingeladen, die in Rothenburg leben, jedoch aus einem anderen Kulturkreis kommen.
Efthicia Vaimaki lebt seit zehn Jahren in Deutschland und trägt ein traditionell griechisches Gewand. Die meisten Gedichte, seien von der Antike geprägt und damit eher ernst, sagt sie. Doch ein lustiges Gedicht hat sie trotzdem gefunden. Es handelt von den Zikaden. Selbst wenn man der griechischen Sprache nicht mächtig ist, hört man sie im Gedicht „si si si“ singen, die immer wiederkehrende Antwort auf ganz unterschiedliche Fragen.
Michael Rehbogen ist Siebenbürger Sachse, spricht Rumänisch und Deutsch gleichermaßen fließend. Seit 1971 lebt er hier. Der Schriftsteller George Coșbuc stammt aus einer griechisch-katholischen Familie, war Lehrer, Übersetzer und Literat. Er studierte die klassische Literatur, beschäftigte sich mit Lenau und Heine und hat unter anderem Werke von Friedrich Schiller ins Rumänische übersetzt.
Rehbogen hatte das Gedicht „Mama“ eindringlich vorgetragen, es ist ein Werk voll Hoffnung, Freude und Schmerz. Die Mutter sitzt mit ihren Töchtern zusammen, am Spinnrad. Sie weiß nicht wie lange sie noch leben wird, will ihren Sohn noch einmal wiedersehen. Da klopft es am Fenster. Sie ist voll Freude, doch leider ist der Klopfende nicht ihr Sohn, sie wartet weiter. „Die Messlatte für Völker ist die Literatur, denn sie stellt deren seelischen Schatz dar“, so zitiert Rehbogen Coșbuc zum Abschluss – wie recht er doch hat.
Einen türkischen Text trug Serife Sidanli vor, sie hatte lange Jahre bei Elektrolux gearbeitet und ist jetzt Rentnerin. „Das Beste liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft“, war da zu hören, und: „Unsere schönsten Tage sind die noch nicht erlebten.“ Die Gedanken wurden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs formuliert.
„Mein Geliebter will den Mond, doch der Mond ist hoch, der Himmel weit entfernt.“ Sousan Ali rezitiert diesen Text. Sie lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Die ausgebildete Lehrerin hat an verschiedenen Schulen in Rothenburg unterrichtet, etwa in Berufsintegrationsklassen. Der Geliebte will den Mond unbedingt, der Preis: Zehn Nächte ohne Schlaf. Doch er schläft ein. Sie hat das Gedicht der Alrahbani Brothers übersetzt, denn in deutscher Sprache ist es nicht zu finden.
„Hindi“ ist die Sprache von Shilpi Debdas. Die Zuhörer lauschten der wunderbaren Sprachmelodie und der Worte, die den entschleunigenden Gang über einen Markt statt der Einkauf im Supermarkt beschreiben, ebenso die Fahrt mit dem Kuhwagen, statt im Bus.
Einen persischen Text liest Akram Hasanvand vor, spricht über den Klang vom Gang des Wassers, von der Natur, die alle Menschen miteinander verbindet. Die rhythmische Sprachmelodie ist weich und sanft, die langen Vokale sind intensiv, erzeugen eine harmonische und poetische Atmosphäre.
Dann treten Natalia und Anja nach vorne. Es ist ein ukrainisches Volksmärchen, das die beiden im Wechsel vortragen. Die 13-jährige Anja beginnt in ukrainischer Sprache, ihre elfjährige Schwester liest die deutsche Übersetzung. Im Text macht die Nachtigall einen Mann klug.
Eigentlich sollte sie ja gegessen werden, doch der Vogel verspricht, wenn er freigelassen werde, könne er dem Mann drei Dinge beibringen. Der Mann willigt ein und wird Hörender: Niemals solle er etwas essen, was nicht gut sei, nie Dinge bedauern, die nicht rückgängig gemacht werden könnten und niemals an unrealistische Dinge glauben.
Richtig verstanden hat der Mann die Ratschläge allerdings nicht, was er am Ende des Märchens deutlich zu spüren bekommt. Die beiden Schwestern sind seit drei Jahren in Deutschland, besuchen das Gymnasium und fühlen sich hier angekommen.
In fließendem Englisch präsentiert Joachim Greis geheimnisvolle Limericks von einem Pflanzenkiller, dem der grüne Daumen fehlt und der schließlich auf künstliche Blumen umsteigt. Auch des wohlklingenden Französischen ist Greis mächtig, liest eine Fabel vom Fuchs und dem Raben. Durch listige Schmeicheleien luchst der Fuchs dem Raben seinen Käse ab.
Und schließlich wendet er sich dem Fränkischen zu: mit Werken von Wilhelm Staudacher. Für einen Nichtfranken ist es eine echte Herausforderung, die im Dialekt verfassten Texte vorzutragen. Doch es sei ihm wichtig, mit einer kurzen Hommage des großen Rothenburger Mundartlyrikers zu gedenken, der vor 30 Jahren verstarb, so Greis.
Bei den Zuhörern kam die Lyrikstunde hervorragend an: Das Zusammentreffen von Natur, Literatur und Gemeinschaft macht den Rothenburger Kulturgarten zu einem lebendigen Ort der Begegnung und des kulturellen Austausches, der das Spitalviertel noch lebens- und liebenswerter gestaltet.