Die Geistlichen und Lehrer der Reichsstadt Bad Windsheim verfassten im Jahr 1559 eine Bittschrift. Sie war an den Rat der Stadt gerichtet. Eine „kleine angemessene Liberey“ wünsche man sich, hieß es. Eine „öffentliche, grundsätzlich jedermann zugängliche, universal ausgerichtete Bibliothek“.
Nun – sie wurde gegründet und seit dem 7. Juli 1623 residiert diese historische Stadtbibliothek im Klosterchor. Seit 400 Jahren also.
Gefeiert wird das am Freitag, 7. Juli, ab 19 Uhr, im Klosterchor. Dazu eingeladen wird vom Förderverein Klosterchor & historische Stadtbibliothek. Die „Jungen Stars“ des „Internationalen Festivals des Liedes“ werden sich dabei präsentieren. Sie haben eigens zu diesem Zweck eine Liedperformance mit Bezug zum 400-jährigen Bestehen vorbereitet. Außerdem wird sich das neu gegründete Stadttheater Bad Windsheim erstmals der Öffentlichkeit vorstellen. Es ist dem Förderverein angegliedert, mit dem Schauspieler Levent Özdil als künstlerischem Leiter.
„Die Bibliothek ist etwas Besonderes“, sagt Sabine Detsch. Sie ist Vorsitzende des Fördervereins, den sie vor nunmehr elf Jahren selbst gegründet hat. Seitdem setzt sie sich gemeinsam mit den derzeit rund 150 Mitgliedern für die Instandsetzung des Klosterchors und die Bewahrung der Bibliothek ein. Dass dies eine Mammutaufgabe werden würde, hätte Detsch indes so nicht erwartet. Immerhin geht es mittlerweile voran: Gemeinsam mit der Stadt wird an einem Strang gezogen, um das in Not geratene Denkmal nationaler Bedeutung vor dem weiteren Verfall zu bewahren. „Das Projekt ruht auf vielen Schultern“, sagt Detsch. Für sie ist das 400-jährige Bestehen auch ein Grund, immer mal wieder zurück zu blicken, Bilanz zu ziehen. Denn in den vergangenen Jahren hat sich einiges entwickelt. Ihr Resümee ist positiv: „Wir sind absolut auf einem guten Weg.“
Begonnen hatte alles mit Kulturveranstaltungen im Klosterchor, die Detsch mitorganisiert hatte. Als ihr schließlich klar geworden war, dass direkt über dem Raum, in dem Kultur genossen wurde, 5360 Bücher unter schlechten Bedingungen lagerten und zu zerfallen drohten, war ihr eines schnell klar: „Es geht um viel mehr als um den Erhalt eines Denkmals, es geht ums Überleben dieser Bibliothek.“ Ihren ersten Besuch dort bezeichnet Detsch als „unvergesslich“, gar als „Erweckungsmoment“. Es scheint, dass er noch heute ihr Antrieb ist, nicht nachzulassen. Dass er die Richtung weist. Und die ist eindeutig: immer nach vorne, weiter.
Das nächste Etappenziel hat Detsch bereits anvisiert. So hofft sie, dass möglichst noch in diesem Jahr die Fördergelder für die Instandsetzung des Klosterchores und der Stadtbibliothek zugesagt werden. Bis es so weit ist, müsse allerdings noch viel Zeit und Arbeit in Konzepte und Anträge investiert werden. Klar sei indes: Im kommenden Jahr sollte unbedingt mit den ersten Maßnahmen gestartet werden.
Und Detsch möchte die Stadtbibliothek der Öffentlichkeit wieder zugänglich machen, sie dabei gleichzeitig aber bestmöglich schützen. Dass das kein Widerspruch sei, betont sie ausdrücklich und verweist auf die Bibliothèque Humaniste im elsässischen Schlettstadt. Dort sind wertvolle Buchbestände in einem Glaswürfel eingeschlossen, in dem sie konservatorisch geschützt werden. Besucher können den Raum nicht betreten, die Bücher aber trotzdem reizvoll und analog erleben. Das Museumserlebnis wird zusätzlich dadurch erweitert, dass neuartige digitale Terminals es ermöglichen, durch die Bücher zu blättern.
Ähnliches könnte auch im Klosterchor in Bad Windsheim entstehen. Denn Detsch hat ein Ziel: Sie will, dass sich der Kreis schließt, dass die einst als öffentliche Leihbibliothek genutzte Büchersammlung erlebbar gemacht wird. „Dieses Raumerlebnis funktioniert nur direkt vor Ort. Visuelle Erlebbarkeit lässt sich in diesem Fall digital nicht transportieren.“ Digitale Angebote seien indes ein zusätzliches Angebot, das Museumsbesucher mittlerweile ganz selbstverständlich voraussetzen. Ein in sich stimmiges Gesamtkonzept könne zudem ein touristischer Anziehungspunkt werden und zur Belebung der Innenstadt beitragen. Das wäre ein Gewinn für die ganze Stadt.
Detsch will die Transparenz auch deswegen, weil sie fest davon überzeugt ist, dass nur ein belebtes Denkmal auf Dauer überleben kann. „Was im Licht der Öffentlichkeit steht, hat eine größere Chance, dauerhaft bewahrt zu werden, als etwas, das vergessen wird.“ Und genau dieses Schicksal hätte die historische Stadtbibliothek ereilt. Sie sei schlichtweg vergessen worden. Dabei habe sie stets standgehalten: Sie habe Weltkriege überlebt und viele andere turbulente Zeiten. Und so wie einst die Wertschätzung der Windsheimer überhaupt erst den Aufbau der Bibliothek ermöglicht hatte, so hofft Detsch auch jetzt und künftig auf die wertschätzende Unterstützung der Bürger bei der Instandsetzung des Denkmals von nationaler Bedeutung. Denn eines sei sicher: Klosterchor und Bibliothek dürften nie wieder vergessen werden.