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Veröffentlicht am 25.02.2023 09:00

Spurensuche in Feuchtwangen nach mehr als 83 Jahren

Karl Belstner in Unteroffiziersuniform: In der Wohnung seiner Eltern hing dieses Bild bis zu deren Tod an der Wand.  (Foto: Archiv Kern/Repro: Peter Zumach)
Karl Belstner in Unteroffiziersuniform: In der Wohnung seiner Eltern hing dieses Bild bis zu deren Tod an der Wand. (Foto: Archiv Kern/Repro: Peter Zumach)
Karl Belstner in Unteroffiziersuniform: In der Wohnung seiner Eltern hing dieses Bild bis zu deren Tod an der Wand. (Foto: Archiv Kern/Repro: Peter Zumach)

Den tragischen Tod von Karl Belstner haben dessen Eltern und Schwestern bis zuletzt nicht verwunden: Beim Absturz einer Junkers JU 52 am 17. Oktober 1939 unweit von Prag hatte der Funkausbilder sein Leben verloren. Der damals 25-Jährige gilt als der zweite Feuchtwanger, der Opfer des Zweiten Weltkriegs geworden ist.

Jetzt, mehr als 83 Jahre später, rückt der im tschechischen Pilsen lebende Archäologe Jan Vladar das Schicksal von Karl Belstner und der mit ihm umgekommenen Kameraden in den Fokus des Interesses: Der Regionalhistoriker arbeitet an einem Projekt namens Japo Publishing (www.japo.eu) mit, in dessen Rahmen Fachleute seit 1992 schwerpunktmäßig die Geschichte der Luftwaffe über dem damals sogenannten Reichsprotektoriat Böhmen und Mähren erforschen.

Vor 15 Jahren hat Vladar die Absturzstelle der JU 52 bei Tehov im Gemeindegebiet von Rican etwa 25 Kilometer südöstlich von Prag entdeckt. Um für eine Publikation dazu Näheres zu erfahren, richtete er nun eine Anfrage an das Fränkische Museum, dessen Leiterin Dr. Uta Karrer das Schreiben an die Arbeitsgemeinschaft für Heimatgeschichte weitergeleitet hat. Deren Recherchen führten wiederum zu Karl Belstners Neffen Wolfgang Kern, der mit seiner Frau Manuela die Zinn- und Teestube in der Unteren Torstraße betreibt.

Erzählungen und gesammelte Dokumente

Natürlich hat Wolfgang Kern seinen Onkel nicht mehr persönlich kennengelernt. Gleichwohl weiß der heute 66-Jährige vieles aus den Erzählungen seiner Mutter Wilhelmine, die lieber Minni genannt werden wollte. Sie hat auch Dokumente, Zeitungsberichte und Bilder hinterlassen, die an ihren älteren Bruder erinnern. Und zu dessen Andenken gab sie ihrem Sohn Wolfgang den zweiten Vornamen Karl.

Karl Belstner ist am 14. Dezember 1913 als Sohn des Schneidermeisters Karl Belstner und dessen Frau Wilhelmine (geborene Busch) zur Welt gekommen. Er wuchs in der Ring- und in der Hindenburgstraße auf. Wie sein Neffe Wolfgang Kern erzählt, sollte er eigentlich ebenfalls das Schneiderhandwerk erlernen. Doch das scheiterte daran, dass er laut seiner Schwester Minni „keinen Hockerten hatte“ – sprich: Er konnte nicht still sitzen.

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Schließlich absolvierte Belstner eine Ausbildung zum Bäcker, meldete sich dann aber zum Dienst bei der Polizei, die ihn 1934 in München einstellte. Doch schon ein gutes halbes Jahr später wechselte der junge Mann, der sich sehr für Technik interessierte, zur Luftwaffe in Lagerlechfeld. Den Einträgen in seinem Wehrpass zufolge waren seine weiteren Stationen Giebelstadt und zuletzt – ab 1. April 1939 – die Luftflottennachrichtenschule in München-Riem. Dort bildete der mittlerweile zum Unteroffizier beförderte Feuchtwanger andere Soldaten zu Bordfunkern aus.

Keine Angaben zum Aufenthaltsort

Ob Karl Belstner allerdings nur an den in seinem Wehrpass genannten Standorten eingesetzt war, gilt als eher unwahrscheinlich: In Briefen an seine Eltern schrieb er wiederholt, er dürfe zu seinen aktuellen Aufenthaltsorten keine Angaben machen. So berichtet sein Neffe Wolfgang Kern von Vermutungen in der Familie, dass Karl Belstner möglicherweise beim Bürgerkrieg in Spanien dabei gewesen sein könnte. Denn ab 1936 kämpfte dort der deutsche Luftwaffenverband Legion Condor auf der Seite von General Francisco Franco. Mit dabei war auch eine Luftnachrichtenabteilung.

Als ebenfalls mysteriös gilt der Absturz von Karl Belstners JU 52 am 17. Oktober 1939 gegen 15.30 Uhr im Rahmen eines Übungsflugs unweit von Prag, wo es zu diesem Zeitpunkt keine kriegerischen Handlungen gab. Weil die „Tante JU“ als außerordentlich zuverlässiges Flugzeug gegolten habe, sei in der Familie wegen eines möglichen Sabotageakts spekuliert worden, erinnert sich Wolfgang Kern. Beweise dafür habe es indes nie gegeben.

Ein Bild im Nachlass von Minni Kern zeigt die Särge der vier bei dem Absturz ums Leben gekommenen Soldaten. Sie wurden zunächst – vermutlich in Prag – aufgebahrt, bevor man die Gefallenen in ihre Heimatorte überführte. Wie Jan Vladar mit einem französischen Kollegen ermittelt hat, waren Unteroffizier Erich Blees, der in Büsbach bei Aachen beigesetzt worden ist, und Obergefreiter Franz Riederer, der seine letzte Ruhestätte in Osterhofen bei Vilshofen gefunden hat, zusammen mit Karl Belstner an Bord der JU 52. Der Name des vierten Besatzungsmitglieds ist derweil nicht bekannt.

Beisetzung auf dem heimischen Friedhof

Dass Karl Belstner – nach einem Opfer des Polenfeldzugs – der zweite gefallene Feuchtwanger ist, hat der inzwischen verstorbene Dekan i.R. Dr. Klaus Leder ermittelt. In seinem 2009 erschienenen Buch „Feuchtwangen und sein Umland im 2. Weltkrieg 1939–1945“ schrieb er, dass Kriegsopfer nur sehr selten so wie der Feuchtwanger Bordfunker auf heimischen Friedhöfen beigesetzt worden sind. Die „äußere Umrahmung der Feier“ für den gefallenen Kameraden habe der Fliegerhorst Crailsheim übernommen.

In einem Zeitungsartikel vom 26. Oktober 1939 heißt es dazu wiederum, dass Karl Belstner nach einer Trauerfeier der NSDAP-Ortsgruppe am Vortag „unter militärischen Ehren der Erde übergeben“ worden ist. „Seine Regimentskompanie und die Regimentsmusik waren vor dem Leichenhaus zur Totenparade angetreten, sechs Unteroffiziere hielten Ehrenwache und trugen dann unter den Klängen eines Trauermarschs ihren toten Kameraden zum Grabe.“ Und: „Während der Sarg ins Grab gesenkt wurde, erklang das Lied vom guten Kameraden, drei Salven rollten über das Grab und in Stille wurden drei Kränze der Kameraden und der Partei niedergelegt.“

Erhalten ist noch der letzte Brief, den Karl Belstner am 30. September 1939, also wenige Tage vor seinem Tod, an seine Eltern geschrieben hat. Darin bat er den Vater, ihm bis Weihnachten eine Uniform zu schneidern, für die er 80 Reichsmark aufbringen könne.

Ausbildung dank der Lebensversicherung

Nicht zuletzt berichtet Wolfgang Kern, vor dem Krieg habe der Staat noch Lebensversicherungen für die Soldaten abgeschlossen. Und als die von Karl Belstner ausbezahlt wurde, profitierte dessen Schwester Minni davon. Denn angesichts der bescheidenen Verhältnisse, in denen die Familie lebte, sollte sie – trotz ihrer Begabung – auf keine weiterführende Schule. Dank des Geldes konnte sie dann aber eine private Handelsschule in Nürnberg besuchen und später als Sekretärin sowie als Protokollführerin bei der Justiz in Feuchtwangen und in Ansbach arbeiten.

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