Nan Hong Kim-Herberth spielt Geige, seit sie denken kann. Mit drei hat sie ihren ersten Unterricht erhalten. In Seoul war das. Vielleicht würde sie immer noch in Südkoreas Hauptstadt leben, hätte nie Violine in Nürnberg studiert, nie ihren Ehemann kennengelernt, wenn, ja wenn, ihre Mutter nicht einer Touristin aus Schwabach geholfen hätte.
Wie das Leben so spielt. Ein zufälliges Zusammentreffen auf einer Straße in Seoul. Eine Japanerin aus Schwabach und eine Koreanerin kommen ins Gespräch, stellen fest, dass ihre Töchter gleich alt sind und beide Geige spielen. „Meine Mutter hat sie zum Abendessen eingeladen“, erinnert sich Nan Hong Kim-Herberth. Die Tochter, Erica Lunz, war damals nicht dabei. „Aber im nächsten Jahr hat sie uns besucht und die Sommerferien bei uns verbracht.“
Die 14-jährigen Mädchen wurden Freundinnen. Ihre Freundschaft hielt über 8500 Kilometer hinweg. Sie hält bis heute. Am morgigen Samstag treten beide, das Duo Gleichklang, um 19.30 Uhr im Haus der Bäuerin in Sachsen auf.
Die beiden Geigerinnen spielen Unterhaltsames von Vivaldi über Tschaikowsky bis Piazzolla, Stücke, die einen besonderen Härtetest hinter sich haben: „Wir machen sehr gern Straßenmusik“, sagt Nan Hong Kim-Herberth fröhlich.
Wenn sie gemeinsam in den Urlaub fahren, sind die Violinen dabei, egal ob in Italien, in der Türkei, in Kroatien, Griechenland oder bei einer Stippvisite in einer deutschen Stadt. Ein Platz in einer Fußgängerzone ist schnell gefunden, noch schneller sind die Geigen ausgepackt. Sie wollen Musik unter die Leute bringen. „Das finden wir einfach toll. Die Kleinkinder kommen, bleiben stehen, hören zu, haben ihren ersten Kontakt mit Musik“, freut sich die diplomierte Musikpädagogin, die privat und in Nürnberg an der städtischen Musikschule unterrichtet. Das Schönste sind für sie die Reaktionen der Menschen und der unmittelbare Kontakt zu ihnen. „Dafür machen wir Musik: Die Freude im Gesicht, in den Augen der Leute zu sehen.“
Früh stand für Nan Hong Kim-Herberth fest, dass sie Musikerin werden will. Sie besuchte ein musisches Gymnasium in Seoul. Deutsch war ihre zweite Fremdsprache, wie für alle, die den Musikzweig wählen. Nach dem Abitur wollte sie in einem anderen Land studieren. „Deutschland, Russland oder USA. Das war alles offen für mich.“ Deutschland war ihr durch ihre Schwabacher Freundin vertraut, die zum Studium nach Hannover ging. Nan Hong Kim-Herberth wählte die Nürnberger Musikhochschule.
„Am 8. Mai 2005 kam ich an“, erzählt sie und fügt hinzu: „Jetzt lebe ich in Deutschland schon länger als in Korea.“ 18 war sie damals. Nie fühlte sie sich hier wie im Ausland. Vielleicht, weil das Wetter genauso ist wie in Korea, wirft sie lachend ein. Und die Musik ist sowieso eine Heimat, die mitwandert. Nan Hong Kim-Herberth spielte und spielt in verschiedenen Ensembles, Orchestern, Kammermusik-Formationen.
Beim Studium entdeckt Nan Hong Kim-Herberth Barockmusik und historische Instrumente für. „Ich kannte sie nur aus Büchern. YouTube gab es damals noch nicht. Das war ein richtiger Kulturschock“ – allerdings einer, der Begeisterung entfachte, auch wenn Nan Hong Kim-Herberth sich gewaltig umstellen musste. Sie besitzt das absolute Gehör. Barockensembles spielen aber in der Regel in historischen Stimmungen und damit etwa einen halben Ton tiefer, als Absoluthörer es in den Noten lesen. Das irritiert. „Irgendwann gewöhnt man sich dran“, sagt die Geigerin.
Dass sie am Samstag nun schon zum fünften Mal in Sachsen ein Konzert gibt, hat einen guten Grund. Ihr Ehemann arbeitet in Petersaurach. Sie suchten daher ein Haus in der Nähe. In Sachsen haben sie eines vor vier Jahren gefunden: „Es war Liebe auf den ersten Blick.“