Sie sehen hilfsbedürftig und oft süß aus – doch Finger weg: Nicht alle Tierbabys in der Natur benötigen die Hilfe von Menschen. Die Pflegestellen des Vereins Wildtierhilfe Mittelfranken und die Auffangstationen platzen derzeit aus allen Nähten. Birgit Hochreuther ist seit zwei Jahren bei der Wildtierhilfe und erklärt die Problematik.
Während der Brut- und Setzzeit von März bis September herrscht Hochbetrieb bei der Wildtierhilfe. Woran liegt das?
Also, vorneweg: Hilfsbereitschaft ist grundsätzlich willkommen. Aber leider wissen die Leute recht wenig über die Natur. Das heißt, es wird alles eingesammelt, was nicht fliegen kann, weil die Helfenden denken, die Vogelkinder sind hilfsbedürftig. Das stimmt aber nicht, sie haben Eltern, die sie am Boden weiterversorgen während der Ästlingsphase.
Was versteht man unter Ästlingen?
Das bedeutet, dass die jungen Vögel schon voll befiedert sind, eventuell noch ein kurzes Schwänzchen haben, die Augen geöffnet sind und sie ihr Gleichgewicht halten können. Wenn Ästlinge agil und beweglich sind sowie in der Lage, eine kurze Strecke zu fliegen, dann müssen die Eltern ihre Küken zum Versorgen anfliegen. Wer sich nicht sicher ist, was zu tun ist, der soll sich bitte an die Wildtierhilfe oder andere Fachstellen wenden. Bei Jungtauben ist immer Hilfe angesagt, wenn sie auf dem Boden sitzen. In diesem Zusammenhang möchte ich Katzenbesitzer auch darum bitten, ihre Tiere während der Brut- und Setzzeit am Freigang zu hindern oder nur kontrolliert nach draußen zu lassen.
Wann soll der Mensch helfen?
Hilfe ist immer angesagt bei nackigen Vögeln, die auf dem Boden liegen – dann sind sie aus dem Nest gefallen oder vom Fressfeind rausgezerrt. Diese Jungvögel sind auf Hilfe des Menschen angewiesen, da die Eltern sie nicht mehr versorgen. Am besten in die Hand nehmen, um sie zu wärmen. Jungvögel ohne Federn können ihre Körperwärme nicht halten. Sie brauchen eine Wärmequelle, die 30 Grad nicht übersteigt. Bitte kein Wasser oder Futter einflößen und schnellstmöglich Anleitungen für die Erstversorgung bei fachkundiger Stelle holen.
Wie sieht es denn bei anderen Tierbabys aus?
Bitte keinen Feldhasenjungen und Rehkitzen nähern und die Tiere auf keinen Fall anfassen. Hunde sollte man während der Brut- und Setzzeit an der Leine lassen, denn die Wildtierbabys können überall versteckt sein und der Mensch sieht sie häufig gar nicht. Der Hund findet sie aber. Die Mütter der Hasenjungen und Kitze kommen mindestens zweimal am Tag zum Säugen. Ansonsten sind die Tierkinder sich selbst überlassen, sie liegen und schlafen oder erkunden ihre Umgebung. Auch Fuchs- und Marderwelpen bleiben in der Nähe ihres Baus. Auch hier besteht kein Handlungsbedarf, weil die Mütter ihre Kinder versorgen. Die Tiere suchen nicht die Nähe zum Menschen.
Gibt es Ausnahmen?
Ausnahme sind Eichhörnchen. Wenn sie Hilfe benötigen, klettern sie einem Spaziergänger schon mal das Hosenbein hoch. Sie sind dann nicht tollwütig, sondern einfach schwer in Not. Auch Eichhörnchen brauchen Wärme. Und ist ein Wildtierjunges – egal welcher Art – verletzt, dann ist immer Hilfe vonnöten.
Birgit Hochreuther ist 56 Jahre alt und arbeitet seit 1993 in einer Behörde in Ansbach. Seit zwei Jahren ist sie in der Wildtierhilfe Mittelfranken engagiert. Tierschutz ist ihr ein wichtiges Anliegen – auch weil sich ihrer Meinung nach viel zu wenige Menschen darum kümmern. Der Verein mit Sitz in Burgoberbach im Landkreis Ansbach ist händeringend auf der Suche nach Mitstreitern, die sich einbringen wollen.