Zocken bis der Zug kommt: Das ist neu im Bahnhofsgebäude Uffenheim | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 13.03.2025 12:00

Zocken bis der Zug kommt: Das ist neu im Bahnhofsgebäude Uffenheim

Jean-Robert Fontaine hat das Erdgeschoss des Uffenheimer Bahnhofes angemietet. Er will mit seiner unkonventionellen Aktion für mehr Lächeln und Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen. (Foto: Johannes Zimmermann)
Jean-Robert Fontaine hat das Erdgeschoss des Uffenheimer Bahnhofes angemietet. Er will mit seiner unkonventionellen Aktion für mehr Lächeln und Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen. (Foto: Johannes Zimmermann)
Jean-Robert Fontaine hat das Erdgeschoss des Uffenheimer Bahnhofes angemietet. Er will mit seiner unkonventionellen Aktion für mehr Lächeln und Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen. (Foto: Johannes Zimmermann)

Jean-Robert Fontaine ist gebürtiger Franzose. Entsprechend liegen ihm so manche Attribute quasi in den Genen: ein starker Gemeinschaftssinn, Entschleunigung und ein Faible für Kulinarik. Genuss steht neuerdings auch im Uffenheimer Bahnhofsgebäude hoch im Kurs – für alle Sinne. Mit Kaffee, Kunst und Zockerspaß.

Wer die große Türe öffnet, der kehrt ein, in eine ganz eigene Welt. Das Erdgeschoss des Bahnhofs ist nicht mehr leer und menschenfeindlich, sondern eine Art Entdeckerparadies geworden. Graffiti an den Wänden, Essen und Trinken in Automaten und so manche Überraschung, die hier auf Neugierige wartet.

In der Mitte steht eine Litfaßsäule. Kein Original. Marke Eigenbau. Urheber: Jean-Robert Fontaine. „Es heißt ja Litfaßsäule, also habe ich einfach zwei Fässer aufeinander gestellt und alles ein wenig eingekleidet.“ Hier ist Platz für Veranstaltungsankündigungen und vieles mehr. Ein schwarzes Brett für Uffenheim. Ein Hingucker.

Videospielklassiker an den Automaten

Neben dem Eingang stehen zwei Spielautomaten. Einer mit Street-Fight, der andere mit Pac-Man. Kultige Videospielklassiker. Zocken in der Wartezeit auf den Zug. Wo gibt es das schon? Nein, von der Stange ist beim Herrnberchtheimer Fontaine gar nichts. Den Kaugummi-Automaten hat er aus Autoteilen gebaut. „Think outside the Box“ steht in großen Graffiti-Lettern an der Wand – das ist hier das Motto. Denk über den Tellerrand hinaus, genau das macht der Franzose in Uffenheim.

Eigentlich ist er Oldtimer-Restaurator. Aber ein Bandscheibenvorfall hat Fontaine ausgebremst. Familie und Freunde haben mit ihm nach einer Alternative gesucht. Und ja, da kam der Franzose wieder durch. Genuss. Kunst. Spaß. Die Bahnhofsimmobilie zur Miete wurde ebenfalls als Gemeinschaftswerk ausfindig gemacht. Fertig war das Grobkonzept.

Tief im Innern ist Fontaine ein kleiner Punk

Tief im Innern ist Fontaine ein kleiner Punk. Ein Grobkonzept, klar, das muss schon sein. Aber bei Eingebungen muss die Spontaneität definitiv siegen. Eine solche Eingebung war das uralte Telefon. Natürlich, so etwas gehört in jedes Bahnhofsgebäude. Da aber in digitalen Zeiten niemand mehr mit einem Münzapparat in die weite Welt hinaus ruft, hat Fontaine eine kostenlose Handyladestation daraus gebastelt. Aber nur das? Zu langweilig. So hat er noch Witze eingesprochen. Wer den Hörer abnimmt, erlebt Unterhaltung pur – für das tägliche Lächeln. „Ein bisschen Blödsinn, damit die Leute wieder zusammenkommen.“

Apropos Zusammenkommen: Ein Freund von Fontaine, ein Hippie, der gerne an Hanomags schraubt, hat ihm einen Zeitungsartikel gezeigt. Darin ging es um Künstler aus Bad Mergentheim, die mit einem Kunstautomaten liebäugelten. „Da habe ich mir gedacht: Wie geil ist das denn?“ Er schrieb sie an – und die luden ihn ein. Das Zwischenmenschliche passte sofort. So bereichert nun Kunst aus dem Automaten den Entdeckerraum. Übrigens alles Unikate.

Michael Blümel zeichnet gerne, Lothar Lempp ist mehr der Skulpturentyp. Bei ihm wird aus einem Spielzeugflugzeug der Korpus eines Insekts – frei nach Autor Stanislaw Lem ein Fliegenzeug – und für die Intellektuellen hat Lempp einen Kafka-Käfer-Bausatz entworfen, mit literarischen Anleihen. Blümel beschreibt seinen Kollegen als „Daniel Düsentrieb im anderen Format“.

Essen und Trinken kommt aus der Region

Fontaine sieht darin seine Genussvielfalt vervollständigt: Essen und Trinken aus der Region und seiner Heimat für den Magen, Musik für die Ohren (hier können Künstler übrigens Spielzeit buchen), eine Büchertauschbörse, um die gute alte Tradition am Leben zu erhalten, und Kunst für alle Sinne. Ein stimmiger Mix.

„Das Leben ist teuer geworden“, sagt Fontaine. Entsprechend will er die Preise niedrig halten. Ein Kunstwerk aus dem Automaten kostet hier nur exakt fünf Euro, qualitativ hochwertig. Für Blümel und Lempp ist klar: Diese Aktion macht Kunst für jedermann erleb- und leistbar. Denn nicht alle trauen sich in die Galerien. Die Hemmschwelle ist da groß, im Uffenheimer Bahnhof existiert sie nicht. Kunst für alle, auch für jene mit schmalem Portemonnaie. Geld, das macht das Trio deutlich, muss zwar für die Miete generiert werden. Aber das Kapital steht im Bahnhof trotzdem keineswegs im Vordergrund. „Geld ist schön, Geld beruhigt auch, aber Geld allein macht nicht glücklich.“

Fontaine will sein Projekt später noch um eine Lese-Ecke erweitern. Denn: „Chillen ist hier bislang nicht, hier geht der Punk ab.“ Blümel und Lempp waren davon derart begeistert, dass sie noch Kunstwerke an die Wände malten – als verbindendes Element. Genuss eben. Blümel: „Dieser Ort hat etwas Entschleunigendes, er ist eine kleine andere Welt.“

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