Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Finsternis auf Straßen und Plätzen | FLZ.de | Stage

arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 09.01.2026 10:00

Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Finsternis auf Straßen und Plätzen

In der Woche ab Montag, 4. Januar 1926, beklagt die Fränkische Zeitung unter der Überschrift „Mehr Licht!”, dass die Straßen und Plätze Ansbachs nur unzureichend beleuchtet sind. Die Redaktion pickt einzelne Stellen in der Stadt heraus, wo es wegen der winterlichen Finsternis schon zu Stürzen und Zusammenstößen gekommen ist.

So sei eine Baustelle in der Brauhausstraße so schlecht beleuchtet, dass schon mehrfach Fußgänger zu Fall gekommen seien. Es habe zwar niemand einen schwereren Schaden erlitten, doch „es gehört schon an sich nicht zu den Annehmlichkeiten, daß die Kleider durch den Straßenkot beschmutzt werden und man sich einer von der Nachbarschaft erholten Laterne bedienen muß, um den beim Fall verlorenen Hut in der Finsternis zu finden”, schreibt die Zeitung.

Aber auch ohne Baustelle komme es in der Stadt zu „Unannehmlichkeiten” aufgrund der schlechten Sicht. Ein besonderer Dorn im Auge ist der Lokalredaktion die Laterne am Ende des Eisernen Steges zur Brauhausstraße hin, die seit Wochen nicht mehr brenne. Es sei „bis jetzt trotz begründeter Eingabe nicht gelungen, ihre neuerliche Verwendung zu erreichen”. Wegen des starken Verkehrs an dieser Stelle sei es schon mehrfach zu Zusammenstößen gekommen. Das Fazit: „Ist unsere öffentliche Beleuchtung schon im allgemeinen einer Verbesserung bedürftig, so erscheint es geradezu unbegreiflich und unverantwortlich, eine solche Stelle ohne Beleuchtung zu lassen.”

Andrang bei der Nazi-Weihnachtsfeier

Der Andrang bei der „Deutschen Weihnachtsfeier” der Ansbacher Ortsgruppe der NSDAP am Dreikönigs-Tag im festlich geschmückten Onoldiasaal ist so groß, dass der Saal bereits eine Viertelstunde vor Beginn der Veranstaltung polizeilich gesperrt werden muss. Die Fränkische Zeitung berichtet ausführlichst über die Inhalte der Festreden. Vor allem der Beitrag des Pfarrers Max Sauerteig, ein glühender Anhänger der Nazis, wird gewürdigt. Sauerteig ist ein persönlicher Freund Adolf Hitlers und wird später während des Dritten Reiches mehrfach Besuch des Führers in Ansbach bekommen.

Die Ansbacher Bevölkerung wächst. Die Bilanz des Jahres 1925 kann sich sehen lassen, so stehen 400 Geburten (196 Buben und 204 Mädchen) 287 Sterbefälle gegenüber. Tragisch: Es kommt aber auch zu 19 Totgeburten – mehr als doppelt so viele wie im Jahr 1924.

Es wird allgemein beklagt, dass „Anstand und gute Sitte im öffentlichen Verkehr manchmal zu wünschen übrig lassen”. Vielfach würden die Sitzbänke in den Personenwagen „durch Auflegen der Füße auf die Bänke vielfach beschmutzt”. Die Zugschaffner seien berechtigt, gegen solche Verstöße einzuschreiten „und bei festgestellter Beschmutzung der Sitzbänke eine Reinigungsgebühr von fünf Mark” zu erheben.

Außerordentlich freizügige Darstellung

In den Schloßlichtspielen läuft der Film „Wege zu Kraft und Schönheit” an. Die Fränkische Zeitung jubelt, dass es endlich gelungen sei, „den mancherorts unbegreiflicherweise verbotenen Kulturgroßfilm auf den Spielplan zu bringen”. Der von der Ufa produzierte Stummfilm, der die Bevölkerung elektrisiert, zeigt Sport- und Tanzvorführungen, thematisiert aber auch die römische Badekultur und antike Körperertüchtigung. Es geht angesichts der Anforderungen der industrialisierten Arbeitswelt um die Entdeckung eines neuen Körperbewusstseins.

Der Film zeigt seine Darsteller für die damalige Zeit außerordentlich freizügig, was natürlich die Sittenwächter auf den Plan ruft. Die Regierungen von Bayern, Hessen und Baden fordern von der Film-Oberprüfstelle den Widerruf der Zulassung zur öffentlichen Vorführung im Deutschen Reich. Die lehnt jedoch ab, es müssen lediglich zwei Szenen mit „bloßer Zurschaustellung nackter weiblicher Körperschönheit” herausgeschnitten werden.

Apropos weibliche Nacktheit: Film-Ikone Leni Riefenstahl, Mitte der 1920er Jahre noch eine unbekannte Tänzerin, tritt in einer römischen Badeszene als nackte Statistin auf. Später hat man die in „Wege zu Kraft und Schönheit” zelebrierte Körperertüchtigung als Vorwegnahme des ideologischen nationalsozialistischen Körperkults kritisiert. Tatsächlich finden sich in Leni Riefenstahls Propagandafilm „Olympia” von 1938 nahezu deckungsgleiche Szenen.

Post von Benito Mussolini

In Zeitungsanzeigen wird das Pallabona-Puder beworben. Es soll das Haar auf trockenem Wege reinigen und entfetten. Das Puder mache eine schöne Frisur, besonders beim in den 1920er Jahre populären Bubikopf, verspricht die Annonce. Es sei beim Tanz und Sport unentbehrlich. Die Puderdose ist für eine Mark in Friseurgeschäften, Parfümerien, Drogerien und Apotheken erhältlich.

Die Platen-Gesellschaft sorgt sich um den Erhalt des Platen-Grabes im sizilianischen Syrakus. Dort war der in Ansbach geborene Dichter im Jahr 1835 gestorben und begraben worden. Die deutschen Platen-Jünger wenden sich an die italienische Regierung. Tatsächlich erhält der Vorsitzende der Gesellschaft, der Journalist und Schriftsteller Hans von Hülsen, der 1918 eine Biografie von August von Platen veröffentlicht hat, Post vom italienischen Regierungs-Chef Benito Mussolini. Der Duce, seit 1925 als Diktator an der Spitze der faschistischen italienischen Regierung, schreibt, er habe Anweisung zur Restaurierung der Grabstätte des Dichters gegeben, dessen Name in Italien unvergesslich sei.

Weitere Folgen unserer Serie „Zurückgeblättert” lesen Sie auf unserer Homepage www.flz.de

Die Laterne am Ende des Eisernen Stegs – hier auf einer historischen Postkarte zu sehen – brennt Anfang des Jahres 1926 schon seit einigen Wochen nicht. (Foto: Sammlung Breitschwert)
Die Laterne am Ende des Eisernen Stegs – hier auf einer historischen Postkarte zu sehen – brennt Anfang des Jahres 1926 schon seit einigen Wochen nicht. (Foto: Sammlung Breitschwert)
Die Laterne am Ende des Eisernen Stegs – hier auf einer historischen Postkarte zu sehen – brennt Anfang des Jahres 1926 schon seit einigen Wochen nicht. (Foto: Sammlung Breitschwert)

Winfried Vennemann
Winfried Vennemann
Redakteur
north