Der Froschretter holt die Fachwelt nach Neustadt | FLZ.de | Stage

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 18.09.2023 12:41

Der Froschretter holt die Fachwelt nach Neustadt

Christian Bittner vor einem der Terrarien in seinem Neustädter Geschäft. Der 46-Jährige ist Artenschützer aus Überzeugung und begrüßt ab dem Donnerstag zahlreiche Gleichgesinnte in seiner Heimatstadt. (Foto: Patrick Lauer)
Christian Bittner vor einem der Terrarien in seinem Neustädter Geschäft. Der 46-Jährige ist Artenschützer aus Überzeugung und begrüßt ab dem Donnerstag zahlreiche Gleichgesinnte in seiner Heimatstadt. (Foto: Patrick Lauer)
Christian Bittner vor einem der Terrarien in seinem Neustädter Geschäft. Der 46-Jährige ist Artenschützer aus Überzeugung und begrüßt ab dem Donnerstag zahlreiche Gleichgesinnte in seiner Heimatstadt. (Foto: Patrick Lauer)

Kröten? Eklig. Frösche? Schleimig. Echsen? Gruslig. Schlangen? Beängstigend. Eine solche Aufzählung würden wohl viele Menschen unterschreiben, doch ab Donnerstag, 20. September, findet in Neustadt eine Tagung statt, die sich genau mit diesen Tieren befasst. Aus gutem Grund.

„Den Leuten in Afrika sagen wir, sie sollen ihre Krokodile nicht töten wegen des Artenerhalts, und hier haben wir Angst vor einer Ringelnatter. Das passt nicht zusammen.“ Der das sagt, heißt Christian Bittner, ist 46 Jahre alt, betreibt ein Lederwarengeschäft, kann sich Handelsfachwirt nennen, ist Neustädter („Hier geboren und länger als zwei Wochen war ich auch nie weg“) und widmet sich seit mittlerweile rund 40 Jahren den eingangs erwähnten Tieren.

Keine Viper um den Hals

„Angefangen hat das, als ich so sechs oder sieben Jahre alt war“, erzählt er. Schildkröten fand der kleine Christian faszinierend, später kamen Schlangen dazu, dann Kröten, Echsen und natürlich Frösche. Nein, Bittner ist kein Sammler, er ist keiner, der mit giftigen Reptilien protzt, der eine Viper um den Hals trägt, weil es so hübsch gefährlich aussieht. Bittner ist vor allem an einem interessiert: Am Erhalt der Arten.

„Der Mensch hat so viel kaputt gemacht, so viele Lebensräume zerstört und schon so viel ausgerottet. Aber wir sollten den Planeten doch erhalten.“ Deshalb ist Bittner nicht nur Mitglied, sondern auch Funktionär bei der DGHT, der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie (Lehre von den Tierklassen der Amphibien und Reptilien) und Terrarienkunde.

Ab dem Donnerstag wird er vier Tage lang rund um die Uhr beschäftigt sein, wird Tagungsbesucher aus der ganzen Republik seine Heimatstadt zeigen, wird organisieren, als Lotse dienen, Fragen beantworten und eine Art „Mädchen für alles“ sein. Ehrensache, denn schließlich ist es ihm, dem Neustädter aus Überzeugung, zu verdanken, dass die DGHT das „beschauliche Neustadt“ (Zitat aus dem Tagungsprogramm) ausgewählt hat. „In der Stadt sind die Hotelzimmer schon ausgebucht. Wir haben so viele Anmeldungen wir noch nie – wer jetzt noch kommt, muss nach Bad Windsheim oder sonst irgendwo in der Umgebung ausweichen.“

Rund 150 Amphibien- und Reptilienkundige – renommierte Forscher ebenso wie spezialisierte Amateure – werden sich zu Fachvorträgen und Exkursionen treffen. Bittner selbst gehört zur zweiten Gruppe: Zwar ein Amateur, aber einer, der weiß, was er tut. In seinem Laden stehen etliche Aquarien und Terrarien, einige mit Fischen, andere mit Kröten. „Schlangen hab ich zur Zeit nicht“, sagt Bittner – womöglich auch, weil der eine oder andere Kunde ein wenig irritiert sein könnte. Zu Hause aber, in den eigenen vier Wänden, da hat er ein Terrarium, auf das er schon ein bisschen stolz ist: „Da sind meine Titikakasee-Frösche drin.“

Der Rhein sorgt bei Bittner für Optimismus

Der Titikakasee, mit knapp 8400 Quadratkilometern über 15 Mal so groß wie der Bodensee, gelegen in den Anden, gehört teilweise zu Bolivien, der andere Teil zu Peru. Viele Tier- und Pflanzenarten, die anderswo völlig unbekannt sind, lebten in oder um den See herum, doch das Gewässer ist mittlerweile so stark verschmutzt, dass viele von ihnen akut vom Aussterben bedroht oder sogar schon verschwunden sind.

Und da kommt Christian Bittner ins Spiel: Er hat in Kooperation mit dem Düsseldorfer Zoo eine Gruppe der Titikakasee-Frösche in seinem Zuhause aufgenommen und versucht, den Tieren möglichst perfekte Lebensbedingungen zu bieten. Natürlich muss man viel ausprobieren, behutsam vorgehen, muss sehr genau beobachten, wie sich Einzelheiten auf den Reproduktionszyklus auswirken. Doch das ficht Bittner nicht an: „Ich sehe mich als Arten-Erhalter.“

Hoffnung für den Titikakasee

Sein Optimismus ist dabei gleichermaßen irritierend wie ansteckend: „Gucken Sie sich den Rhein an. Vor 30, 40 Jahren war der so dreckig, dass er praktisch tot war. Heute können dort wieder sehr viele Arten leben, die eigentlich schon weg waren.“ Irgendwann, so sagt er, werde auch der Titikakasee – hoffentlich – wieder sauber sein und bis dahin will er im Zusammenwirken mit Zoos und Amphibienhäusern aus aller Welt eine möglichst stabile Population „vorhalten“, die dann in ihrem ursprünglichen Lebensraum ausgewildert werden kann.

Bei der Neustädter Tagung („Das ist übrigens die kleinste Stadt, in der die DGHT jemals war. Letztes Jahr waren wir noch in Berlin.“) geht es um Erfahrungen, um Fragen der Haltung und um wissenschaftliche Erkenntnisse. „Das interessiert in Neustadt natürlich kein Schwein“, sagt Bittner und grinst. „Aber für uns Herpetologen ist es unglaublich wichtig, dass wir uns austauschen.“

Einfach nur Mäuse sind nicht gut für den Waran

6000 Mitglieder hat die DGHT, auch Österreicher und Schweizer sind dabei. Da geht es um die Boa Constrictor, das geht es um Pythons, um Land- oder Wasserschildkröten, um den Ochsenfrosch oder auch um Warane. Bei letzteren, so erzählt Bittner, seien viele Arten gefährdet und lange Zeit habe man sich bei den Exemplaren in Gefangenschaft kaum um die artgerechte Haltung gekümmert. „Ein Tier hat Bedürfnisse und die muss man ermitteln. Da muss man sich den ursprünglichen Lebensraum anschauen, da muss man den Mageninhalt analysieren, da muss man die Temperaturen kennen. So ein Waran, der läuft den ganzen Tag rum und frisst eigentlich ständig. Wenn ich den immer nur mit Mäusen füttere, dann werde ich seinen Bedürfnissen, einer ausgewogenen Ernährung nicht gerecht.“

Bittner selbst wird bei der Tagung keinen Vortrag halten. „Da hätte ich überhaupt keine Zeit dafür.“ Aber er freut sich, dass unter anderem die Citizen Conservation, eine Berliner Organisation, die Bürger zu Artenschützern ausbildet, ihr Arterhaltungsprogramm vorstellt, dass Exkursionen im Umland geplant sind – unter anderem zur Kreuzotter – und wer weiß: Vielleicht erfährt er Neues über den Titikakasee-Frosch.

Beginn der Tagung, zu deren Vorträgen jeder Interessierte willkommen ist, ist am Donnerstag um 9.15 Uhr. Dann wird Bürgermeister Klaus Meier ein Grußwort sprechen und der Wissenschaftler Axel Kwet ein Referat über den Lurch des Jahres halten: den „kleinen Teich- oder Wasserfrosch“. „Der kommt auch bei uns vor“, sagt Christian Bittner. „Noch.“


Patrick Lauer
Patrick Lauer
Redakteur
north