Ein Leben aus Briefen: „Rahel” bei den Kreuzgangspielen | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 28.06.2025 15:00

Ein Leben aus Briefen: „Rahel” bei den Kreuzgangspielen

Bringen das Leben von Rahel Varnhagen von Ense auf die Bühne: Anette Daugardt und Uwe Neumann in „Rahel“. (Foto: Andreas Kunkel)
Bringen das Leben von Rahel Varnhagen von Ense auf die Bühne: Anette Daugardt und Uwe Neumann in „Rahel“. (Foto: Andreas Kunkel)
Bringen das Leben von Rahel Varnhagen von Ense auf die Bühne: Anette Daugardt und Uwe Neumann in „Rahel“. (Foto: Andreas Kunkel)

Anette Daugardt und Uwe Neumann haben ein Stück über die jüdische Autorin, Intellektuelle und Salonnière Rahel Levin geschrieben. Am Donnerstag war es zum ersten Mal in der Feuchtwanger Nixel-Scheune bei den Kreuzgangspielen zu sehen. Es steht bis zum 5. Juli auf dem Spielplan.

Rund 6000 Briefe soll Rahel Levin, später Rahel Varnhagen von Ense, in ihrem 61 Jahre dauernden Leben geschrieben haben. Aus heutiger Sicht eine unvorstellbare Menge, doch damals, im 18. und 19. Jahrhundert, waren solch ausgedehnte Korrespondenzen in bestimmten Kreisen nicht unüblich. Was Rahels Briefe so außergewöhnlich macht, sind ihr Niveau – und ihre Adressaten.

In wohlhabende Familie geboren

1771 in Berlin in eine Bankiersfamilie geboren, saß sie im Zentrum des Geschehens. Schon früh lernte sie illustere Persönlichkeiten kennen, tauschte sich aus mit Clemens Brentano, Jean Paul, Ludwig Tieck, Friedrich Schlegel und vielen mehr. Sie kannte Goethe persönlich, verkehrte mit den Brüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt, die sich allerdings nicht immer huldvoll über sie äußerten, und wurde von Heinrich Heine als die „geistreichste Frau des Universums“ bezeichnet.

Sie unterhielt in ihrem Berliner Domizil einen Salon, wie es schon ihre Eltern getan hatten, und lud zu sogenannten „Thees“. Sie galt nicht nur als geistreich, sondern auch als schlagfertig, humorvoll, eigenständig, was damals für eine Frau eher ungewöhnlich war. Sie selbst empfand sich als Frau und Jüdin, ohne akademische Bildung, als geradezu unbedeutend, als „klein“.

Dichte Inszenierung

Das Stück von Neumann und Daugardt stützt sich auf die Briefe der Rahel Varnhagen. In einer dichten Inszenierung mit großem Textvolumen blättern sie die Geschichte dieser schillernden Persönlichkeit auf.

Uwe Neumann schlüpft dabei in die Rollen der Männer, die in Rahels Leben eine besonders wichtige Rolle gespielt haben. Er zeigt sich wandelbar und füllt seine Figuren mit Persönlichkeit und Leben.

Anette Daughart obliegt es, die kraftvolle und doch fragile Persönlichkeit der Rahel und deren Entwicklung darzustellen. Anfangs unbeschwert, keck, mitunter kampflustig wird diese Frau im Lauf ihres Lebens, das sich vor einem bewegten historischen Hintergrund abspult, zunehmend melancholisch. Sie möchte Gesellschaft, doch sie fühlt sich zunehmend isoliert: „Alle wollen mich nur alleine sehen, als Vertraute.“ Und sie muss sich gegen antisemitische Vorurteile erwehren, die ihr entgegengebracht werden, etwa von Clemens Brentano.

Auf der Suche nach dem eigenen Ich

Kurz vor ihrer Ehe mit dem Diplomaten, Historiker und Publizisten Karl August Varnhagen von Ense im Jahr 1814 konvertiert sie zum evangelischen Christentum. Ob sie damit eine seelische Festigung erfahren hat, bleibt zweifelhaft. Es ist weniger der Glaube, der in ihrem Leben eine Rolle spielt, als die Suche nach dem eigenen Ich. Auch wenn sie ihre Thees gibt, fühlt sie sich oft alleine unter den Menschen und auf sich selbst zurückgeworfen. Sie findet sich allmählich damit ab. „Ich kann endlich jeden missen“, erklärt sie reichlich resigniert.

Dieser Figur, die so überraschend modern wirkt, nur anhand ihrer Korrespondenz das ihr entsprechende Volumen zu verleihen, ist nicht leicht. Das Stück ist kurz und konzentriert sich auf die wesentlichen Aspekte einer komplexen Lebensgeschichte in einer aufgewühlten Zeit. Eine beachtliche Schauspielleistung allemal.


Von Martina Kramer
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