„Wolgemuts Werke nähergebracht“ – unter diesem Motto hat die Arbeitsgemeinschaft für Heimatgeschichte in Feuchtwangen jetzt zu einer Führung mit Mesnerin Angela Beck in der Stiftskirche eingeladen. Dabei wurde unter anderem über eine Bildtafel vom Marienaltar gesprochen. Darauf ist der Maler und Holzschnitzer mit Brille und Buch zu sehen.
Die Tafel zeigt die Apostel an Marias Sterbebett. Einen von diesen hat der namentlich nicht bekannte Künstler, der das Bild gefertigt hat, mit den Gesichtszügen seines Meisters Michael Wolgemut dargestellt. Wie Arbeitsgemeinschaft-Sprecher Peter Schlecht dazu anmerkte, handelt es sich bei diesem „Brillenapostel“ um eine der frühesten Darstellungen nördlich der Alpen, die eine Person mit Sehhilfe zeigt. Der Marienaltar, der am 1. Februar 1484 in der Stiftskirche aufgestellt worden ist, dürfe deshalb zu Recht als „Kulturerbe von besonderer Güte“ bezeichnet werden.
Den rund 30 Teilnehmenden erklärte Mesnerin Angela Beck bei ihrer Führung in dem Gotteshaus, dass auf der Bildtafel alle zwölf Apostel zu sehen sind: Johannes reicht Maria die Sterbekreuze und Petrus hebt den Weihwasserwedel. Ein weiterer Apostel im Vordergrund liest Sterbegebete.
Der Marienaltar aus der Werkstatt von Michael Wolgemut in Nürnberg sei einer der größten Schätze in der Feuchtwanger Stiftskirche, sagte die Mesnerin. Es handle sich dabei um ein bedeutendes Zeugnis sakraler Kunst der spätgotischen Epoche.
Vor rund 1000 Jahren habe der arabische Mathematiker und Astronom Hasan Ibn al-Haitham das Buch „Schatz der Optik“ geschrieben, hieß es. Darin berichte der im Abendland als Alhazen bekannte Gelehrte über die Lehre des Sehens. Bahnbrechend sei dabei die Überlegung gewesen, das Auge mit einer geschliffenen Linse zu unterstützen.
Um 1240 habe der schlesisch-polnische Mönch Witelo das Werk dann ins Lateinische übersetzt. Das sei die Geburtsstunde für Sehhilfen gewesen, denn in der Folge habe eine rasante Entwicklung bis hin zur heutigen Brille begonnen. Offenbar habe die Kombination von Alhazens Werk mit den handwerklichen Fähigkeiten der oft kurzsichtigen Mönche in den Klosterbibliotheken der westlichen Welt positiv gewirkt: Die Mönche hätten schon bald halbkugel- und überhalbkugelförmige Plankonvexlinsen aus Bergkristall oder Beryll als Lesebrillen verwendet.
Um diese Zeit habe Marco Polo schon von Chinesen berichtet, die vor ihren Augen umrahmte Linsen trugen, die mit Schüren um die Ohren gehalten wurden. Ende des 13. Jahrhunderts habe man dann in Murano bei Venedig begonnen, die Lesesteine flacher zu schleifen und sie zur Vergrößerung des Sichtfelds näher an die Augen zu bringen. Zum Schutz und zur besseren Handhabung seien diese Linsen eingefasst und miteinander verbunden worden.
Einen weiteren Hinweis enthalte eine Predigt des Dominikaners Giordano da Rivalto aus dem Kloster der Heiligen Katherina zu Pisa. Darin habe der Mönch am 23. Februar 1305 erwähnt, dass die Kunst der Brillenherstellung noch nicht einmal 20 Jahre alt sei.
Derweil stamme die erste Darstellung einer Brille aus dem Jahr 1352. Sie sei im Kapitelsaal der Kirche San Nicolo in Treviso auf einem von Tommaso da Modena gefertigten Fresco zu finden und zeige Kardinal Hugo de Provence mit einer Nietenbrille.
Die älteste bekannte Darstellung einer Brille im deutschen Sprachraum finde sich indes auf dem um 1370 entstandenen Altar von Schloss Tirol in Österreich. Die erste bildliche Darstellung einer Brille in Deutschland zeige wiederum einen „Brillenapostel“ auf dem Altar der Stadtkirche in Wildungen. Dieses Bild habe der Maler Conrad von Soest um 1403 geschaffen.
Eine weitere frühe Abbildung eines Apostels mit Nietbrille befinde sich im Augustinerchorherrnstift in Klosterneuburg, hieß es bei der Führung weiter. Das Gemälde eines unbekannten Künstlers habe König Albrecht II. 1439 gestiftet. Rund 25 Jahre später sei dann der St.-Wolfgangs-Altar mit einem Marienschrein in Abersee entstanden. Auf diesem habe der Südtiroler Bildschnitzer Michael Pacher einen lesenden Apostel und den Evangelisten Lukas mit Brillengläsern in Szene gesetzt.
Etwa um die gleiche Zeit fanden Abbildungen mit „Brillenaposteln“ ihren Einzug auf fränkischen Altären. Wie es hieß, fertigte der aus Nördlingen stammende Maler Friedrich Herlin um 1466 für St. Jakob in Rothenburg den Zwölf-Boten-Altar an: Auf der Predella sei ein Apostel mit Brille abgebildet.
Ergänzend dazu verwies Angela Beck bei ihrer Führung auf eine weitere, aus dem 15. Jahrhundert stammende Darstellung eines Brillenträgers in der Stiftskirche – und zwar im Chorgestühl: Dazu zeigte sie Albertus Magnus auf einer Wange der Kniebank. Auch hier ist der Gelehrte mit Brille und Buch dargestellt. Das Gotteshaus beherberge also gleich zwei bemerkenswerte Frühabbildungen von Brillenträgern, betonte die Mesnerin und hob die Einzigartigkeit des Gotteshauses als Ort mit besonderen Kirchenschätzen hervor.
Am Rande des Rundgangs hieß es zur weiteren Geschichte von Sehhilfen, die Nachfrage nach Brillen sei nach Johann Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks im Jahr 1445 erheblich gestiegen. 1535 habe sich in Nürnberg die erste Brillenmacherzunft konstituiert. Und in dieser Zeit seien schon die ersten Brillen zur Korrektur von Weitsichtigkeit gefertigt worden.