Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Roman, der beim Lesen großes Vergnügen bereitet, dies nicht unbedingt tut, wenn er zum Theaterstück wird. In Feuchtwangen tut er es. „Stolz und Vorurteil“ ist ein Vergnügen eigener Art geworden. Johannes Kaetzler hat Jane Austens Roman mit altmeisterlicher Souveränität in eine feine Komödie verwandelt.
Im Hause der Bennets ist was los. Da entscheiden sich Lebensschicksale beim britischen Landadel. Heiraten bahnen sich an. Fünf Töchter suchen einen Ehemann. Vor allem die Mutter wünscht sich einen, damit jede ihr Auskommen hat. Am Ende sind es drei. Eigentlich sind es sogar vier: Die Freundin aus der Nachbarschaft hat als Erste einen Gatten – der wirtschaftlichen Vernunft wegen. Die Bennet-Töchter hingegen heiraten aus Liebe, vorrangig wenigstens.
Johannes Kaetzler, der Intendant der Kreuzgangspiele, hat den vielschichtigen Roman für seine Bühnenfassung beherzt verknappt und alle Handlungsorte auf eine Terrasse samt Gartenzimmer reduziert. Das funktioniert auf mehreren Ebnen.
Kaetzlers „Stolz und Vorurteil“ verbindet Liebeskomödie, Typenkomik, Gesellschaftskritik und psychologisch gearbeitete Charakterstudien. Ein Rührstück ist es auch, ja wirklich eines, weil es einen anrühren kann, wenn die Liebespaare endlich, endlich zueinanderkommen.
Ein Ausstattungsstück ist „Stolz und Vorurteil“ außerdem. Bernhard Westermann schneidert den Figuren mit seinen frei gefassten Regency-Kostümen britisches Flair auf den Leib. Die jungen Damen tragen gern duftig Geblümtes, die jungen Herrn Uniform oder Frack mit Zylinder.
Werner Brenner hat den Guckkasten fürs Bennet’sche Leben und Weben gebaut. Mit englischem Rasen flankiert er eine hohe, herrschaftliche, milchweiße Fassade, die Tiefe ermöglicht, räumliche und szenische. Brenner schafft mit ihr Außen- und Innenräume: Park, Terrasse und – im Kreuzgang dahinter – ein Gartenzimmer. In dem sitzen die Töchter am Tisch, beim Malen, bei einem Brettspiel oder beim Musizieren, während vorne parliert wird. Der Konversationston ist vif und blitzgescheit. Er täuscht Contenance vor, um sie nicht nur einmal zu verlieren. Lydia, die Jüngste, hat dafür andere Gründe als die Mutter, die ihre Töchter versorgt sehen will, oder als Elizabeth, die kluge, selbstbewusste, frühemanzipierte.
Kaetzler inszeniert Verdrängtes, Unterdrücktes, was sich eruptiv entladen kann, aber sich auch wieder fängt und mit Ironie Abstand zum Erlebten gewinnt. Eine dieser Ironien ist, dass Elizabeth gerne aus Romanen jener Autorin zitiert, die sie erschaffen hat. Sie arbeitet dann daran, dass Jane Austens Bücherweisheiten wahres Leben wird.
Alle vierzehn Figuren sind prägnant gefasst. Um wenigstens ein paar zu nennen, erst die Baronin: Ulrich Westermann spielt eine tragikomische Alte, die insgeheim spürt, dass ihre Macht zerfällt. Seine Robe aus Samt und Curry ist so imposant wie jeder seiner Auftritte.
Frei von Karikaturhaftem sind hier die Eltern Bennet: Achim Conrad ist ein melancholischer Intellektueller, Edina Hojas agiert nicht mütterlich naiv, sondern zielbewusst.
Die Bennet-Töchter: Bei Lydia (Meike Pintaske) blitzt ein Pippi-Langstrumpf-Temperament durch. Kitty (Chantale Schumacher) lässt gern ihre Beine über die Stuhllehne baumeln. Mary (Viviane Ebert), altklug und musikbesessen, ringt wild schwankend am Flügel um den richtigen Ausdruck, was einen aparten Soundtrack ergibt. Der ernsten Jane schenkt Jaes Gärnter einen schönen Moment, wenn sie Charles Bingley (löwenmähnige Sanftheit: Niklas Kappler) ihre Liebe offenbart; das hat einen Kleist’schen Zug bei ihr.
Michael Grötzsch ist ein Ideal-Darcy. Verschlossen, steif, eisig, taut die Liebe ihn langsam auf. Seine Züge werden weicher, die Sprache inniger. Gefunkt hat es schon, als er Elizabeth das erste Mal sieht – und sie ihn. Beide wollen es nur nicht gleich wahrhaben. Kirsten Schneider glückt ihr bislang reichstes Rollenportrait. Sie spielt Elizabeth mit energischem Selbstbehauptungswillen, Esprit und mit einem süffisanten Lächeln – das sieht man dann auch gern, wenn sie Jane Austen liest.