Kulinarische Führungen sind in vielen Städten Touristenmagnete, Bad Windsheim versucht sich jetzt ebenfalls daran. Beim Auftakt führte Ekkehard Malcher eine gesellige Truppe von der Vorspeise bis zur Nachspeise und berichtete neben der Stadtgeschichte auch vom Essen und Trinken in früheren Zeiten.
16 Teilnehmer hatten sich am Marktplatz eingefunden, das Programm war straff: drei Stunden, drei Gänge, viele Häuser. Immer wieder musste Malcher seine Ausführungen komprimieren.
Auf Karteikarten hatte sich der 69-Jährige, der vor zwei Jahren wieder nach Bad Windsheim zurückgekehrt ist, seine Stichpunkte notiert. Normalerweise spreche er frei, sagte der Pfarrer im Ruhestand. Da es eine neue Führung sei, gehe er aber auf Nummer sicher. Malchers anfängliche Nervosität legte sich schnell, auch weil es eine lustige Truppe war, die gerne scherzte.
Vor allem die Hoteliers Oliver Späth und Heiko Dilger unterhielten die Teilnehmer mit ihren kleinen Kabbeleien und Geschichten aus dem aktuellen Stadtleben. Beide schauten sich die Führung an, um sie bei ihren Gästen bewerben zu können.
Im frühen Mittelalter (1180) von Otto von Wittelsbach gegründet, wurde Windsheim 1248 zur Reichsstadt ernannt, die im Laufe der nächsten 200 Jahre einen enormen Wachstumsschub erlebte. Viele Kaufleute machten auf ihren Reisen Halt und priesen ihre Waren an, die den Plätzen ihre Namen gaben, wie dem Weinmarkt oder dem Kornmarkt.
25 Bäckereien, Brauereien und Gaststätten habe es um 1500 gegeben, erzählte Malcher. Letztere waren private Häuser der Bürger. „Der Gast kam in eine Wohnung, da sprangen Kinder herum, nicht zu vergleichen mit heute.“ Erst etwa ab 1800 finde man eine „lückenlose Schreibung“, 40 Gasthäuser gab es da in Windsheim, bei rund 3000 Einwohnern.
Zunächst ein Blick ins Archäologische Fenster: Mit seinen zwei Metern sei der Mann, dessen Skelett man dort unten sehe, überdurchschnittlich groß gewesen. Damit er ins Grab passte, seien ihm die Beine gebrochen worden. Dass er mit dem Gesicht nach unten begraben liegt, deute auf eine Außenseiterrolle hin.
„Das war bestimmt ein Bürgermeister“, scherzte Hotelier Oliver Späth in Richtung Bürgermeister Jürgen Heckel. „Na alsoooo“, entgegnete Heckel, gespielt entsetzt. Er freute sich, dass es nun auch in Bad Windsheim eine kulinarische Führung gibt und begrüßte die Gäste herzlich. Man habe auf Anfragen reagiert und etwas Neues geschaffen, erklärte Birgit Grübler, die Chefin der Kur-, Kongress- und Touristik-GmbH (KKT). Geplant sei demnächst auch eine Bierführung.
Mit Malcher und dessen Stadtführerkollegin Ute Toellner haben Birgit Grübler und Sabrina Masuch von der KKT die Führung erarbeitet. Viele der Informationen zum Inhalt entnahm Malcher den Büchern des früheren Leiters des Freilandmuseums Konrad Bedal, der sich intensiv mit der Häusergeschichte in Windsheim auseinandergesetzt hat.
Früher gab es eine Taferngerechtigkeit, erzählte Malcher, um den Bogen zur Kulinarik wieder zu spannen. Unter diese fiel das Braurecht. An den Häusern mit Braurecht fanden sich sogenannte Bierzeiger, die an der Fassade angebracht waren und anzeigten, ob es drinnen rotes Bier oder Weißbier gab. Die Teilnehmer erfuhren von amtlichen Weinverkostern, Preistafeln, die Pflicht waren, Weinpfuschern aus den Häckerstuben und vom wohl imposantesten Wirtshaus Windsheims in früheren Zeiten: schon früh tauchte der Storchenwirt in Niederschriften auf.
Da grummelte schon bei einigen der Magen: Vorspeise. Nachdem der Wirt vergeblich nach einem in der Küche gemeldeten Veganer gesucht hatte, gab es dann doch Fleisch für alle. Tafelspitz, Teil eines typisch fränkischen Hochzeitsessens, wie Malcher erläuterte. Aber modern dekonstruiert, als Carpaccio vom gekochten Rindfleisch – mit Granatapfelkernen, mit Rucola und Meerrettichschaum garniert.
Da die Bratwürste im nächsten Wirtshaus schon in der Pfanne brutzelten, musste es schnell weitergehen. Brunnen gehörten früher zur Infrastruktur, erfuhren die Teilnehmer. 14 gab es einst in Windsheim. Bis in die Neuzeit holten Mägde dort Wasser. Beim Blick auf das Schild am Holzmarkt-Brunnen, hält Malcher inne. „Hm, da hab’ ich jetzt, glaub’ ich, einen Fehler entdeckt.“ Dort steht, dass der Brunnen von 1582 der älteste Windsheims sei, der Brunnen unterm Marktplatz aber sei datiert auf das Jahr 1408.
Claudia Müller aus der Nähe von Koblenz hatte zuvor gut aufgepasst, denn früher sei der Holzmarkt außerhalb der Stadtmauer gewesen. „Vielleicht ist gemeint, dass der Brunnen hier der älteste Brunnen außerhalb der Mauer gewesen ist“, vermutete sie. „Eine gute Erklärung“, fand Malcher. Er ging weiter und berichtete von schwierigen Zeiten im Dreißigjährigen Krieg und vom Aufschwung im Barock. „Der Gips hat Windsheim reich gemacht“, erzählte Malcher von der Entstehung des „weißen Goldes“ durch das Urmeer.
Am Haus des früheren Senators Johann Georg Engerer erfuhr die Gruppe von der Stiftung für Waisenkinder, von der Aussichtsplattform des imposanten Gebäudes, das, wie alles andere, beim großen Stadtbrand von 1730 zerstört worden war. Und vom berühmten Kupferstich, der das Feuer zeigt. So wurde vor allem in den Hansestädten zu Spenden aufgerufen, mit denen Windsheim wieder aufgebaut werden konnte.
Die Tür des Hauses in der Engerergasse ging auf und Eigentümerin Sabine Detsch spitzte heraus. Sie hatte das Geplapper gehört. Eine kleinere Gruppe hätte sie spontan durch das aufwendig sanierte Gebäude geführt, aber das war dann doch zu viel. „Wie? Sie hatten doch gesagt, hier gibt’s nen Aperitif, Herr Malcher?“ scherzte Späth. Detsch lachte und schloss schnell die Tür.
Vorbei an der Seekapelle mit Ausführungen zum einstigen Stadttor und dem See, der später zugeschüttet wurde, ging es zum Hafenmarkt, wo Malcher über das Leben der Juden in Bad Windsheim erzählte. An der Sankt-Anna-Quelle knüpfte Malcher eine Verbindung zur modernen Bäderstadt und zur Bad-Ernennung 1961. Es ging vorbei am Kloster und die Besucher hörten vom geheimen Tresor des Bürgermeisters.
Unter dem Marktplatz nahm der Stadtführer mit historischen Fundstücken wie Tellern und Trinkbechern aus dem achten bis zehnten Jahrhundert nach Christus den kulinarischen Faden wieder auf. Über den Lutherplatz ging es zur letzten verbliebenen Brauerei. Die Zahl der Brauereien hatte sich von 30 auf nur noch drei im Jahr 1966 und auf heute eine reduziert, so Malcher. Er beantwortete Fragen und erzählte vom Aischgründer Karpfen. Diesen hatten Mönche rund gezüchtet, damit sie ihn in der Fastenzeit essen durften, weil er nun auf einen Teller passte.
Bei Bratwurst mit Kraut und Brot stärkte sich die Truppe, bevor es nach draußen ins mittlerweile Dunkle ging. Die Station Spitalkirche kürzte Malcher spontan mit einem Satz ab, da nun auch noch leichter Nieselregen eingesetzt hatte. Er müsse die Führung straffen, es seien zu viele Stationen für die anberaumte Zeit, lautete sein Resümee.
Interessant fanden es die Teilnehmer dennoch, auch wenn man sich freilich nicht alles merken konnte. Über den „Schlemmerblock“ sind Harald und Annette Weber aus Faulbach in Baden-Württemberg erstmals nach Bad Windsheim gekommen und waren seither schon öfter zu Gast am Reisemobilhafen. Im Internet haben sie von der Führung gelesen und diese gebucht.
Claudia Müller und ihr Lebensgefährte Reiner Faber aus Weißenthurm in Rheinland-Pfalz haben eine Unterkunft nur mit Frühstück gebucht und konnten so die Führung gut mit dem Abendessen nutzen. „Sie haben so viel Wissen“, schwärmte Müller beim Nachtisch, als Malcher von den Eiskellern und deren früheren Nutzung erzählte.
Er packte auch eine kleine Gruselgeschichte aus, die ihm und seiner Kollegin passiert war. Unten in den Kellern erzählte er ihr bei einer Inspektion nach dem Winter aus Dieter Gärtners Buch „Der Medicus von Windsheim“. Eine Leiche wurde gerade seziert, als plötzlich das Licht ausging und beide im Stockfinsteren standen.
Lob für die Führung gab es auch von Rosita Schmidt. Sie hat bis 1990 als Stadtführerin in Bad Windsheim gearbeitet und „ich hab’ trotzdem noch was gelernt“.
Von der Nachspeise schwärmte Ekkehard Malcher schon auf der letzten Etappe zum Eiscafé – Maci. Das habe er schon, als er noch Schüler am Steller-Gymnasium war, gerne gegessen. Eiskugeln mit Sahne in einem schmalen Glas. „Das matscht man mit einem Löffel zusammen“, erklärte Malcher.
Die „Profi-Version“ erklärte Späth. Da legt man eine Serviette aufs Glas und klopft von unten fest gegen den Glasboden. Er lobte die neunjährige Jule aus Bremen, die den Profitrick vormachte und sich „ein perfektes Maci“ schmecken ließ.