Es sind jedes Mal Premieren, wenn Horst Prosch seine Kurzkrimis vorträgt. Denn er schreibt diese Stücke extra für die Lesungen. Jetzt gab es den vierten Teil der Serie, die sich das „Mörderische Dutzend“ nennt im Gasthaus „Zur Traube“ in Wolframs-Eschenbach.
In dem kleinen Gastzimmer, in dem der Vortrag stattfindet, geht es beinahe kuschelig zu. Bis auf den letzten Platz ist alles besetzt, die Stimmung ist munter und angeregt. Offensichtlich hat Horst Prosch eine stabile Fan-Gemeinde, die sich gerne eine knappe Stunde angenehmen Nervenkitzels gönnt. Es hat eine Weile gedauert, bis diese Veranstaltung stattfinden konnte, denn der im Februar angekündigte Termin musste wegen eines Unfalls des Autors ausfallen. Teil drei, der schon in der Schublade harrt, wird dann im März 2026 das Licht der Öffentlichkeit erblicken.
Nun also „All inclusive“, eine Kurzgeschichte, die sich, wie der Titel andeutet, in einem Urlaub ereignet. Die Heldin Rita gönnt sich eine Auszeit auf Teneriffa, um dem Weihnachtstrubel zu entgehen. Einfach nur ausspannen, auf die Wellen schauen, die Seele baumeln lassen. Sie ist eine geübte Alleinreisende und besitzt die Fähigkeit, sich beinahe unsichtbar zu machen. Denn auf Kontakt mit anderen Urlaubern ist sie gar nicht aus.
Aber wie das so bei allein reisenden Frauen ist, erweckt sie den falschen Eindruck, als sei sie auf Abenteuer aus. Zum Beispiel mit Klaus, einem Installateur, der sich ungefragt an ihren Tisch setzt. „Einfach nur reden“ möchte er, wie sich nach der ersten zähen Kontaktaufnahme herausstellt. Das hätte er besser unterlassen sollen.
Rita, eine nicht näher beschriebenen Frau, wahrscheinlich in den mittleren Jahren, durchschnittlich attraktiv, hat es in sich. Von Beruf her ist sie Bestatterin, was sie Klaus aber erst recht spät verrät, und, wie es scheint, ist sie stets auf Suche nach Kunden.
Trotz innerem Sträubens nimmt sie Klaus mit auf ihre Zimmer – eine Situation, die sie an ein 30 Jahre zurückliegendes Erlebnis mit Jochen auf Mallorca erinnert. Der wollte damals auch nur „reden“. Es ist ihm nicht gut bekommen. Und Klaus ergeht es nicht anders. Nach zähem Gesprächsansatz geht Rita in die Offensive und verpasst ihm eine Art Massage. Diese erzeugt in dem ahnungslosen Klaus ungekannte Wohlgefühle, die mit seinem Sturz aus dem dritten Stock jedoch abrupt enden. Bei Jochen waren es damals sogar neun Geschosse.
Proschs Kurzkrimi ist raffiniert gestaltet. Die anfänglich so harmlos wirkende Rita lässt lange im Ungewissen, ob sie nun Opfer oder Täterin ist. Man ahnt es während der Massage dunkel und wird immer gespannter auf das „Wie“.
Prosch hat sich zu einem gewieften Krimiautor entwickelt, dessen subtile Psychologisierung der Situation an die großen Klassiker à la Christie und Highsmith erinnert. Keine schnöde Darstellung von Ermittlungsarbeit, sondern das allmähliche Ausmalen der unweigerlichen Katastrophe macht auch bei ihm die Spannung aus. Man schaut dem Täter über die Schulter, während man Mitleid mit dem Opfer entwickelt, das auch seine letzte Chance zu entkommen verspielt. Aus den Fängen dieser Rita Ripley.