Made in Scheinfeld: Hier lässt Fußball-Weltstar Lionel Messi seine Schuhe fertigen | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 06.11.2025 09:22

Made in Scheinfeld: Hier lässt Fußball-Weltstar Lionel Messi seine Schuhe fertigen

Eric Jeandin hat die Hand an der Messileiste. (Foto: Astrid Pirner)
Eric Jeandin hat die Hand an der Messileiste. (Foto: Astrid Pirner)
Eric Jeandin hat die Hand an der Messileiste. (Foto: Astrid Pirner)

Ein überlegenes Schmunzeln würde Adi Dassler wohl über die Lippen kommen, wenn er heute in der Spezialabteilung „Made-2-Measure“ in Scheinfeld vorbeischauen würde. Hier entstehen Sportschuhe noch in filigraner Handarbeit.

Vier junge, motivierte Auszubildende aus Erlangen, Köln, Chemnitz und Boston (USA) sitzen seit September an ihren Pfaff-Nähmaschinen in der Schuhfertigung und versuchen, Kreis- und Zickzackmuster auf Leder oder Kunststoff nachzunähen. Erst einmal ohne Faden, um ein Gefühl für das Material zu bekommen. Das ist genau das, was den Unterschied macht. Eigene Leute spezialisieren, die gesammelte Erfahrung der älteren Mitarbeiter weitergeben und das Adidas-Credo, nur das Beste für unsere Sportler, so umzusetzen.

Das hat auch Adidas wiedererkannt und bildet jetzt sogar noch mehr Schuhfertiger aus als früher. Durch die Abteilung führen Niklas Bohne, seit zehn Jahren im Unternehmen und gelernter Schuhfertiger und -techniker. Er ist mittlerweile für die Schuhentwicklung sowie die Aus- und Weiterbildung zuständig sowie Eric Jeandin, Standortleiter, seit 28 Jahren im Unternehmen und in Scheinfeld für die gesamte Produktion von der Stange bis zum Maßschuh verantwortlich.

Schuhe für die Fußballweltmeisterschaft 2026

Seit 1959 werden in Scheinfeld Schuhe gefertigt. In der hoch automatisierten Serienfertigung entstehen Fußballschuhe vor allem vom Typ Copa Mundial und World Cup. Gerade werden die Schuhe für die Weltmeisterschaft 2026 produziert. Nachdem die Produktion 1959 mit rund 500 Paaren Schuhe pro Tag begonnen hatte, erreichte sie mit etwa 11.000 Paar pro Tag in den 1980er Jahren ihren Höhepunkt. Derzeit fertigen rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etwa 1700 Paar Fußballschuhe pro Tag.

Nicht ganz so schnell geht es in der nächsten Halle zu – „Made-2-Measure“, Achtung Maßanfertigung. Vor der Eingangstür Sinnsprüche wie „Arbeite so, dass Du auf das Ergebnis stolz sein kannst“. Mitten in der Schuhschmiede ist ein kleines Museum aufgebaut. Vorbei geht es an goldenen, handsignierten Messi-Schuhen, die es nur dreimal auf der Welt gibt, oder denen von Toni Kroos, im Glaskasten versteht sich. Etwas weiter hinten reihen sich Box-Schuhe von Wladimir Klitschko oder auch die Spike-Schuhe von Sprinter Noah Lyleas, mit denen er in Paris 2024 die Goldmedaille im 100-Meter-Lauf gewann, aneinander. Sportliche Sternstunden liegen in der Arbeitsluft. Die angehenden Schuhfertiger sitzen an ihren Plätzen und üben sich in handwerklichem Geschick.

Was muss man mitbringen, um Schuhfertiger zu werden?

Natürlich eine gewisse Leidenschaft für den Beruf. Beim Vorstellungsgespräch werden Schablonen ausgeteilt und schon einmal ein bisschen ausgeschnitten, um ein Gefühl für die unterschiedlichen Materialien zu bekommen. „Man muss später unheimlich präzise sein, schon zwei Millimeter machen eine halbe Schuhgröße aus. Mit der Firmenhistorie sollte man sich auch auskennen, allerdings steht der Schulabschluss nicht an allererster Stelle. Ein talentierter Hauptschüler hat genauso gute Chance, wie jemand mit einem höheren Bildungsabschluss”, erklärt Niklas Bohne.

Mit Zuschneidemesser und Nadel

„Oft stellen mir Eltern auf Messen besorgt die Frage, Schuhfertiger, was hat man da für Aussichten“, sagt Niklas Bohne. Aber diese sind vielfältig. Die Ausbildung läuft dual ab, nach den ersten Wochen im Werk geht es zur Schuhhochburg nach Pirmasens. Dort hat auch Adi Dassler sein Handwerk gelernt. Wer möchte, kann nach der fertigen Ausbildung noch aufsatteln und Schuhtechniker werden. Nach einiger Berufserfahrung gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Als Schuhentwickler oder Schuhkonstrukteur, lässt man die Entwürfe und Zeichnungen der Adidas-Designer Wirklichkeit werden. Management, Entwicklung, Ausland, Beratung, der Strauß an Möglichkeiten ist groß.

Schuhfertiger stehen später nicht am Fließband, die Ausbildung hat einen Bachelor. Einer internationalen Karriere als Fach- und Führungskraft in der Sportartikelindustrie stehe dann nichts mehr im Wege.

Schuhfertiger, die seit 40 Jahren für Adidas tätig sind, und Höhen und Tiefen durchlebt haben, erzählen von Erlebnissen bei Wettkämpfen vor Ort oder schlichtweg der Satz, der einiges sagt: Drei Kontinente, neun Länder und jetzt wieder zurück in Scheinfeld. Doch bis dahin ist noch etwas Übung nötig, nach gut drei Monaten hält man seinen ersten Schuh in der Hand. Stolz zeigt Elias Hüttinger, Auszubildender im zweiten Lehrjahr, seine ersten Entwürfe. „Es macht mir immer noch sehr viel Spaß, besonders wenn man später dann mal seinen Maßschuh im Fernsehen sieht.“ Alisa Aydin aus Köln hat sich lange umgeschaut: „Ich wollte etwas Kreatives machen” und setzt das Zuschneidemesser an.

Tennis, Rugby und Leichtathletik

Für gut 250 Topathleten werden anhand von orthopädischen Daten die Schuhe gefertigt und angepasst sowie mit speziellen orthopädischen Elementen versehen. Abgesehen von Fußballschuhen entstehen hier auch Schuhe für Sportarten wie Tennis, Rugby und Leichtathletik. 20 Mitarbeiter und sechs Auszubildende produzieren in etwa 5000 Paar individuell angepasste Schuhe jährlich.

Herausforderungen sind unter anderem, wie verbessert man einen Tennisschuh von einem Spieler, der gern auf Sandplatz slided (rutschen, um noch den Ball zu kriegen), aber so, dass man nichts sieht. „Manch einer hat ein Überbein und braucht Schaumgummi in der Ferse oder mehr Platz im Vorderfuß. Nach Verletzungen müssen Schmerzstellen geschont werden, die Schuhe werden individuell versteift oder für Einlagen verändert”, erklärt Eric Jeandin, der mit sicherer Hand eine rote Schuhleiste aus dem Regal holt. Es ist die von Profifußballer Lionel Messi, wer wohl sein Nachbar ist?

Tag der offenen Tür

Am Dienstag, 11. November, findet von 13.30 Uhr bis 16.30 Uhr ein Tag der offenen Tür in Scheinfeld statt, an dem sich interessierte Absolventen die Schuhfertigung zeigen lassen können. Eine Anmeldung unter der E-Mail ausbildung@adidas-group.com ist erforderlich, die Plätze sind begrenzt.

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