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Veröffentlicht am 20.02.2023 09:02

Mehr Romantik für St. Margaretha in Lehrberg

Restauriert und um ein Auxiliarwerk erweitert: die Strebel-Orgel von St. Margaretha in Lehrberg. (Foto: Thomas Wirth)
Restauriert und um ein Auxiliarwerk erweitert: die Strebel-Orgel von St. Margaretha in Lehrberg. (Foto: Thomas Wirth)
Restauriert und um ein Auxiliarwerk erweitert: die Strebel-Orgel von St. Margaretha in Lehrberg. (Foto: Thomas Wirth)

Beinahe unspielbar war sie, die Orgel von St. Margaretha in Lehrberg. Unspielbar, aber nicht unrettbar. Mit einer Instandsetzung lassen sich die Mängel beheben. Was aber 2021 in St. Margaretha geschah, ging über eine schlichte Reparatur weit hinaus. Ein unbekannter Großspender hatte ein spannendes Projekt angestoßen.

Seit 1909 tut die Orgel in St. Margaretha ihren Dienst. Sie stammt aus der Nürnberger Orgelbau-Anstalt Johannes Strebel und ist eines der letzten Instrumente, das unter der Aufsicht des Firmengründers entstanden ist, bevor er an seine Söhne übergab.

Einer der besten Orgelbauer seiner Zeit

Johannes Strebel, 1832 als Pfarrerskind in Forchtenberg geboren, hatte bei berühmten Orgelbauern in Deutschland und Frankreich gelernt und gearbeitet, bei Eberhard Friedrich Walcker, Georg Friedrich Steinmeyer und Aristide Cavaillé-Coll. Er genoss einen hervorragend Ruf. Den hat er heute wieder.

Johannes D. C. Vleugels, der das Lehrberger Instrument mit seinen Orgelbauern rekonstruiert und erweitert, spart mit Blick auf die „hochwertige Ausführung“ nicht an Lob: „Da war Strebel einer der besten Orgelbauer seiner Zeit.“

Ein halbes Jahrundert lang allerdings war die Lehrberger Strebel-Orgel stark entstellt. Mit ihren elf Registern, verteilt auf zwei Manuale und Pedal, hätte sie das Musterstück einer spätromantisch geprägten Dorforgel sein können. Hätte. Wäre 20. Jahrhundert nicht das Dogma aufgekommen, dass nur Orgeln nach barocker Art gute Orgel sind.

Eingriffe entstellten das Instrument

So wurde die Lehrberger Orgel 1972 barockisiert. Pfeifen wurden abgesägt oder gleich ausgetauscht. Ein Schicksal, das damals viele Orgeln der Romantik ereilte. Klarer, schlanker, strahlender sollten sie werden. Sie galten als zu füllig, als zu weich im Klang. Musikalisch war das fatal. Statt zu strahlen begannen sie zu schreien, verloren Farben und Majestät. Es konnte nicht anders sein. Die Bauarten von Barock und Spätromantik sind zu verschieden.

In Lehrberg versagte im Lauf der Jahre dann noch die Technik. Die sogenannten Taschen, hunderte von kleinen Ledermembranen waren verschlissen. Sie sind wichtig, damit sich per Tastendruck beim Spielen die Ventile öffnen, damit der Wind in die Pfeifen strömen kann.

Die Abbruchgenehmigung für die Strebel-Orgel war schon erteilt. Ein Neubau sollte es sein. Es gab Gutachten, dass eine Restaurierung nicht möglich sei. „Das war aber zu pessimistisch gedacht“, sagt Pfarrer Steffen Weeske. Und für einen Neubau fehlte das Geld.

Klangdenkmal der Spätromantik

Heftige Widerstände von verschiedensten Seiten habe es gegen eine Restaurierung gegeben, erinnert sich der Pfarrer. Zusammen mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Kirchenmusikdirektor Gerd Hennecke aus Sulzbach-Rosenberg als Orgelsachverständigem entstand dann doch das Konzept für eine Rekonstruktion. Die Orgel sollte wieder so klingen, wie sie gemeint war. So wie um 1900. Spätromantisch eben.

Das war sinnvoll und nachhaltig gedacht: „Man hatte 1972 glücklicherweise nur die Disposition verändert“, erläutert Johannes D. C. Vleugels. „Der Rest ist als wertvolle Originalsubstanz erhalten.“

Die technische Anlage wurde seinerzeit nicht angetastet. Das pneumatische Traktursystem mit seinen gut 200 Bleiröhrchen, die den Arbeitswind von den Tasten zu den Registerkanzellen führen, musste nur überholt werden. Rund 150.000 Euro waren für die Rekonstruktion des Pfeifenwerks und die Reparatur der pneumatischen Spiel- und Registertraktur veranschlagt.

„Dann passierte etwas sehr Eigenwilliges“, erzählt Pfarrer Weeske. „Wir bekamen eine anonyme Spende – wir wissen wirklich nicht von wem – in Höhe von 100.000 Euro.“ Neues für die Orgel sollte mit der Spende entstehen. Weil auf der Orgelempore genügend Platz ist, war das möglich.

Verwirklicht worden ist der Wunsch nach Neuem in Form eines Auxiliarwerks. Es steht, farblich abgesetzt, hinter der historischen Orgel, und ist vom Kirchenraum aus nicht zu sehen. Aus elf Registern wurden nun offiziell 28.

Um mehr als das Doppelte gewachsen

17 Register kamen also hinzu, versteckt sogar noch ein weiteres, eines, das es bei Orgeln dieser Größe eigentlich nicht gibt, ein Contraviolon 32’, ein extra tiefes Bassregister. Es ist nicht ganz so geheim wie der Großspender. Ein Namensschild hat es aber nicht.

Verwendet werden für die Erweiterung insgesamt nur sechs verschiedene Grundregister. Aus denen leiten sich elf weitere Register ab. So kann etwa aus dem Bordun 8’ ein Bordun 16’ entstehen, also eine Stimme, die eine Oktav tiefer klingt. Umgekehrt geht es auch, eine Flöte kann eine Oktave höher klingen. Man hat dann zwei Flöten-Register aus einem gewonnen. Grundgedanke bei solchen Ableitungen, Transmissionen und Extensionen: „Wenn Strebel gekonnt hätte, wie hätte er erweitert?“

An die tausend Pfeifen stehen nun im historischen Gehäuse und im neugebauten Auxiliarwerk. Christian Heiden kennt jede einzelne genau. Er hat jede in der Hand gehabt. Christian Heiden ist Intonateur. Er stimmt die Pfeifen. Vor allem aber gibt er ihnen ihren Charakter. Seit über dreißig Jahren tut er das. Er ist der Spezialist für den guten Klang.

Verlassen muss er sich dabei auf sein Gehör, seine Erfahrung, sein Stilempfinden und sein Fingerspitzengefühl, wenn er seine Spezialwerkzeuge einsetzt. „Man kann einer Pfeife viel Gutes tun. Aber auch viel Schlechtes“, sagt er. Der Bruchteil eines Millimeters kann darüber entscheiden, ob eine Pfeife zu laut oder zu leise ist, ob sie zu schnell oder zu langsam anspricht, ob sie rauschig, kratzig, matt oder scharf wird. Und ob sie sich mit den anderen Pfeifen verträgt.

Die Kunst der Intonation

Ohne gute Nachbarschaft geht es nicht. Bei einem Projekt wie in Lehrberg, halb Rekonstruktion, halb Neubau, musste der Intonateur Originales und Fremdes zu einer Einheit verbinden, einer Einheit in Vielfalt. Pfeifen aus dem Bestand, rekonstruierte, komplett neu gebaute oder solche, die aus dem Lager der Firma Vleugels stammen und stilistisch zur Strebel-Orgel passen. Sie alle sollen so klingen, als hätten sie schon immer zusammengehört. Das ist Christian Heiden gelungen.

Damit die historische Pneumatik in sich geschlossen und intakt blieb, wurden die neuen Pfeifen auf eigenen Windladen platziert und werden elektronisch angesteuert. Hochmoderne Technik zog ein, damit mehr romantische Klangfarben in St. Margaretha erklingen. Damit eine „Trompete“ schmettern darf oder die „Vox coelestis“, die himmlische Stimme, zart singt. Die elektronische Steuertechnik hätte einst Schränke gefüllt, merkt Orgelbaumeister Johannes Vleugels an. Jetzt reichen zwei handliche Schaltkästchen.

Ein Akustik-Trick für den satten Bass

Für den Contraviolon 32’ und zum Teil für den Contrabass 16’ haben die Orgelbauer einen alten Trick aufgegriffen. Sie nutzen das physikalische Phänomen der Kombinationstöne. In den tiefsten Tiefen erzeugen je zwei Pfeifen – ein Grundton und die Quinte dazu – einen einzigen Ton. Christian Heiden führt es vor. Tatsächlich, zwei Pfeifen verschmelzen wie zu einer und klingen eine Oktave tiefer. Leise und mächtig. Der Emporenboden vibriert sanft. Man spürt den Bass im Bauch. Noch nie zuvor hat man in St. Margaretha einen solchen Orgelklang gehört.

Aus einer kleinen Dorforgel ist ein mittelgroßes Instrument geworden, das im Gottesdienst, aber auch im Konzert reizvolle Möglichkeiten bietet. Verblüffend viele Klangfarben und einen differenziert ausgebauten Bassbereich hat die Strebel-Orgel nun dank des geheimnisvollen Großspenders – und dank der Kunst der Orgelbauer.


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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