Dass der Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim zu den historisch-literarisch am besten erschlossenen Gebietskörperschaften Bayerns zählen dürfte, hat er vor allem einem Mann zu verdanken: Dr. Wolfgang Mück. Der Historiker und Neustädter Alt-Bürgermeister feiert heute seinen 85. Geburtstag und hat pünktlich dazu ein neues Buch veröffentlicht.
Geschrieben hat er unter anderem schon über die Quellen zwischen Frankenhöhe und Steigerwald, über die Mühlen der Region, über Neustadts Straßen, Gassen und Plätze und auch über die unselige NS-Vergangenheit seiner Wahlheimat. Zuletzt hatte er ein Buch über die Kriegs- und Soldatendenkmale im Landkreis veröffentlicht – eine wohl nicht ganz zufällige Wahl, denn so wie diese steinernen Zeugen und Mahner fühlt sich auch Mück als jemand, der die Vergangenheit unter anderem schon allein deshalb so akribisch dokumentiert, damit die Gegenwart von ihr lernen kann.
Und jetzt also ein Buch mit dem Titel „Haustafeln, Sinnsprüche und Fassadenbilder“. Dabei geht es – das verrät der Untertitel – um Gedanken zu alten und neuen Gestaltungselementen an Bauwerken. Wo? Natürlich im Landkreis, denn Mück wäre nicht Mück, würde er, das einst vertriebene Kind, der einst barfuß-in-der-Aisch-planschende Flüchtling, der historisch bedingte Sozialdemokrat und Historiker aus Überzeugung, sich nicht jener Heimat widmen, die ihn zunächst so widerwillig aufgenommen und später dann so großzügig gefördert hat.
In seinem neuen Buch, reichhaltig bebildert, verzichtet Mück auf ausschweifende Vorreden. Wozu auch? Mit „Lange Tradition“ ist das erste Kapitel überschrieben, in dem er gleich eintaucht in die vom Vergessen bedrohte Historie der Inschriften auf Hausfassaden, der Wappen und Bilder, der Täfelchen und anderen Verzierungen, die zuweilen auf die Erbauer verweisen, manchmal auf den Beruf der Bewohner, auf Glaubens- oder Aberglaubenselemente und zuweilen einfach der Verschönerung dienten.
„Der vorliegende Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder streng wissenschaftliche Durchdringung der Thematik“, schreibt Mück und weiter „ . . . sondern versucht einen bislang oft vernachlässigten Aspekt der Hausforschung generalisierend in den Fokus zu rücken“. Auch dieser Satz ist typisch für den heute 85-Jährigen: In all seiner vermeintlichen Umständlichkeit doch völlig klar und gleichzeitig charmante Untertreibung eines nachgerade besessen Forschenden.
Es würde zu weit führen – und ist möglicherweise auch nicht für alle Leser von Interesse – die Beispiele aufzulisten, die Mück gesammelt hat. Wappenreliefs sind da dokumentiert, von Rathäusern oder Mühlen, da finden sich Relikte des Deutschen Ordens, Gedenktafeln für Konfirmanden, Pferdeköpfe, Handwerkssymbole, Engel oder andere Zeichen für die Gläubigkeit der einstigen Bewohner. Nicht das „was“ ist daran so faszinierend, sondern eher das „wie“ und „warum“ in seiner ganzen Vielfalt: Weshalb haben sich Menschen berufen gefühlt, ihre Gegenwart für die Zukunft kenntlich zu machen, welcher Antrieb steckte in eingemeißelten Jahreszahlen, in geritzten Gesichtern und Symbolen. Social-Media-Posts von anno dazumal? Der Drang, sich ein Stück Ewigkeit zu sichern? Mück kennt die Antwort auf diese Fragen nicht, aber das ist auch gar nicht nötig: Die Fragen, die mit den Bildern und Texten einhergehen, sind so interessant, dass ein jeder einigermaßen fantasiebegabte Leser sich unwillkürlich selbst damit beschäftigt und ist es nicht gerade das, was einen guten Geschichtslehrer ausmacht? Wer es als Autor schafft, in seinem Leser die Neugier und den Blick auf das bis dato wenig Beachtete zu wecken und zu lenken, der macht nicht viel verkehrt.
„Alle die aufgezeigten Objekte, Bilder oder Sinnsprüche sind für die Öffentlichkeit bestimmt. Sie richten sich an den Vorbeikommenden, den Angehörigen einer bestimmten Gemeinschaft oder Berufsgruppe, sie zeigen Eigentumsverhältnisse und rechtliche Zugehörigkeit auf, demonstrieren Wohlstand, legen Bildung oder Status dar und vermitteln Heimatverbundenheit, wobei die Motive der Auftraggeber sich gewiss oftmals überschneiden.“ So schreibt es Mück eingangs des Kapitels, das mit dem Wort „Motivation“ überschrieben ist. Da geht es also in erster Linie um christliche Sinnsprüche, um Schutz vor dem Bösen oder anderem Ungemach, aber auch um den Wunsch nach Erfolg, um Anerkennung oder auch um das Wissen um die eigene Vergänglichkeit.
Letztgenanntes dürfte mutmaßlich auch eine jener Triebfedern sein, die Mück zum Forschen und Schreiben nötigt: Denn er, einst Gymnasiallehrer, dann Kommunalpolitiker und schließlich im „Ruhe“stand als (Heimat)forschender endlich im ureigenen Element angekommen, weiß genau: Wenn ich die Besonderheiten dieses Landstrichs nicht dokumentiere, dann wird es mutmaßlich kein anderer mehr tun. Und das wäre, so findet Dr. Wolfgang Mück, verdammt schade. Recht hat der Mann. Happy birthday, Wolfgang Mück.
„Haustafeln, Sinnsprüche, Fassadenbilder. Gedanken zu alten und neuen Gestaltungselementen an Bauwerken im Landkreis Neustadt a. d. Aisch – Bad Windsheim“ ist dieser Tage im Verlag PH.C.W. Schmidt erschienen und ab sofort in den Buchhandlungen der Region erhältlich.