Rassismus, Sexismus, Kolonialismus – nicht gerade Themen für einen entspannten Abend. Doch um genau darüber mehr zu hören, kamen am Dienstagabend zahlreiche Menschen in der Bibliothek der Augustana Hochschule in Neuendettelsau. Mirrianne Mahn war mit ihrem Debütroman „Issa“ zu Gast.
Mirrianne Mahn hat sehr viele Seiten: Sie ist Aktivistin, parteilose Stadtverordnete in Frankfurt, Künstlerin und Schriftstellerin. Und genau diese letztgenannte Rolle führte sie nach Neuendettelsau. Die 35-Jährige las aus ihrem Roman „Issa“, der vor rund einem Jahr im Rowohlt-Verlag erschien.
Issa, eine junge Frau aus Frankfurt, bekommt ein Baby. Auf Anweisung ihrer Mutter fliegt sie nach Kamerun, um Rituale zu durchlaufen, die Schwangere dort traditionell begehen. Die Zeit in Afrika öffnet Issa die Augen für ihre Familiengeschichte. Flink und mit angenehmen Tempowechseln liest Mahn einige Seiten, in denen das Publikum Issa begegnet und mit ihr gemeinsam in Douala, Kamerun, ankommt.
Mirrianne Mahn verwebt fünf Leben miteinander. Mehrere Generationen an Frauen aus Kamerun, die um ein selbstbestimmtes Leben kämpfen. Kapitel für Kapitel nähern sich die Geschichten an. Schon bald wird klar: Es handelt sich um eine Familie. Lesende erleben im Buch die Kolonialherrschaft der Deutschen aus der kamerunischen-femininen Perspektive. Später die Übernahme der Briten und Franzosen. Mahn ruft damit die grausamen Verbrechen der Kolonialzeit ins Bewusstsein.
Mit der Protagonistin Issa schafft die Schriftstellerin die Verbindung zur Gegenwart. Geschickt humorvoll und in der Ich-Perspektive schildert Mahn Issas Erlebnisse und Gedanken. „Dabei fühlt man sich hoffentlich immer wieder mal ertappt“, beschreibt Mahn im Gespräch ihr Ziel. Das gelingt. Zum Beispiel, wenn Issa an Rassismuserfahrungen in ihrer Jugend zurückdenkt: fremdenfeindliche Situationen, die in Deutschland zum – traurigen – Alltag gehören.
Diese Schilderungen hat die Autorin aus ihrem eigenen Leben in den Roman eingebracht. „Ich wollte mir da keine Dinge ausdenken“, erklärt Mahn. Ein paar weitere offensichtliche Fakten habe sie aus ihrem Leben übernommen. Issa ist wie Mahn in Kamerun geboren, im Hunsrück aufgewachsen und dann nach Frankfurt gezogen. „Ansonsten ist es Fiktion“, sagt Mahn. Die Personen sind ausgedacht. Doch das Buch ist prall gefüllt mit Fakten und Wissen. Es ist ein Roman, der bildet, berührt und bewegt. Das war in der Bibliothek der Hochschule zu spüren.
Mahn las eine zweite düstere Passage aus den Jahren 1903 bis 1904. Sie endete mit einem Lied, das im Buch mehrfach vorkommt. Gefühlvoll sang Mahn die Zeilen und schlug das Buch zu. Stille. Die Emotionen erfassten auch die Autorin sichtlich.
Den Raum für Fragen nutzten die Besuchenden rege. Mahn antwortete mit breitem Wissen, Anekdoten und Klarheit – aber immer mit Hoffnung, immer mit Humor. Ihr lautes, volles Lachen verlieh dem Abend trotz der schweren Themen eine gewisse Leichtigkeit.