Jugendliche von heute hängen nur noch am Handy und interessieren sich nicht mehr für Geschichte. Wer dies glaubt, wird an der Oskar-von-Miller Realschule eines Besseren belehrt: In einem Projekt arbeiten sie sich ins Mittelalter ein und sollen sogar bald selbst kleine Vorträge geben.
Robert Frank vom Bayerischen Amt für Denkmalpflege steht vor einer kleinen Schar von Schülern aus der Klasse 7a. Für einen Projekttag wurde die Klasse in Gruppen aufgeteilt, Frank referiert vor vier Jungen über das Thema Archäologie. Schon zu Beginn macht er klar: „Ich behandle euch nicht wie Kinder.” Damit meint er, dass er seine Vorträge vor Klassen nicht anders hält als vor Erwachsenengruppen. Er zitiert Jahreszahlen, spricht von der Pest, vom Pogrom an der jüdischen Bevölkerung 1348 und 1349. Schnell wird offensichtlich: Eine kindergerechte Sprache wäre gar nicht angemessen. Die Gruppe ist dabei, glänzt mit Kenntnissen über das Mittelalter in Rothenburg – Frank verrät nach der Stunde: „Einer hätte den Vortrag sofort an meiner Stelle halten können.”
Frank ist einer der Experten und Expertinnen, die an die Oskar-von-Miller Realschule im Rahmen eines Workshops eingeladen wurde. Denn die Klasse 7a wagt einen mutigen Versuch: Die Schülerinnen und Schüler sollen zu Denkmaldetektiven ausgebildet werden. Das heißt, die Mädchen und Jungen sollen zu richtigen Fachleuten der jüdischen Geschichte in Rothenburg werden und an einem Aktionstag Grundschulkinder selbst über das bekannte Haus in der Judengasse 10 aufklären.
Die Idee stammt von den Lehrerinnen Simone Lindner und Melanie Nowarra-Ley. Schon im vergangenen Schuljahr drehten sie mit den damaligen 7. Klassen der Filmgruppe „ViTeRo” einen Film über das Haus in der Judengasse 10. Beim Wettbewerb „Erinnerungszeichen Bayern” gewannen sie einen Preis dafür. So motiviert wollten Lindner und Nowarra-Ley das Engagement mit den Denkmaldetektiven ausweiten. Lindner berichtet stolz: „Wir bewarben uns im Mai bei der Stiftung ‚denkmal aktiv‘ und wurden als eines von nur zwei Projekten in Bayern für eine Förderung ausgewählt.”
Die Themenwahl fiel schon beim Videoprojekt auf die jüdische Geschichte und die Judengasse 10, da das Gebäude damals gerade saniert worden war. „Außerdem will der Oberbürgermeister ohnehin die jüdische Geschichte in Rothenburg stärker bespielen. Es hat alles super gepasst”, erklärt Lindner.
Seit Schuljahresbeginn lernen die Schülerinnen und Schüler der 7a gezielt durch Exkursionen, Vorträge und Projektarbeiten Details über die Stadtgeschichte. Auch das Haus in der Judengasse 10 besuchten sie mehrfach und wurden von den Architekten Andreas Konopatzki und Klaus-Jürgen Edelhäuser über die Arbeiten aufgeklärt. Bis Schuljahresende laufen mehrere Projektarbeiten, in denen die Kinder recherchieren und präsentieren sollen. Dazu gehört auch der aktuelle Workshop.
Die Klasse wird in mehrere Gruppen aufgegliedert und in Spezialthemen von Expertinnen und Experten eingewiesen: So referiert Frank zum Thema Archäologie, Eduard Knoll vom Verein Alt-Rothenburg über den Erhalt von Baudenkmälern, Karin Bierstedt vom Kulturerbe Bayern über das Leben und Bauen im Mittelalter und Pfarrer Dr. Oliver Gußmann über jüdische Bräuche und die Religion.
Doch Lindner räumt auch ein, dass nicht alle Jugendlichen gleichermaßen begeistert sind: „Sie nehmen es unterschiedlich auf. Darum haben wir die Gruppen entsprechend aufgeteilt und Interessierte und weniger Interessierte durchgemischt.”
Aber was sagen die Schülerinnen und Schüler am Ende des Aktionstages selbst über das Projekt Denkmaldetektive? Simon Buckel besuchte den Vortrag über den Erhalt von Baudenkmälern: „Die Präsentation mit Power Point war gut.” Ihm gefällt es, dass er aktiv was machen kann und der Unterricht an das Projekt angepasst wird. Irgendwann soll er vor Grundschülern und -schülerinnen einen Vortrag halten und sie herumführen – macht ihm das Angst? Der Zwölfjährige ganz unberührt: „Nö, die sind ja kleiner als ich.”
Marisa Gundel und Lara Geißendörfer mussten an dem Projekttag Unterschiede zwischen der Judengasse 10 und ihrem eigenen Zuhause analysieren und erforschen, wie die Schule früher funktionierte. Das Projekt Denkmaldetektive finden die beiden Zwölfjährigen spannend: „Besser als Unterricht”, traut sich Lara glatt zu sagen.
Sebastian Tellinger war der Überflieger, dem Referent Frank glatt die Übernahme des Kurses zutraute. Sein Geschichtsinteresse kommt nicht von ungefähr: Gemeinsam mit Klassenkamerad Yannick Lindner macht er bei den Bürgerkindern mit. Sie finden es wichtig, sich als Rothenburger mit der eigenen Geschichte auszukennen. Und auch auf die Aktivität mit den Grundschulkindern freuen sie sich schon: „Die sind bestimmt nicht böse, wenn uns mal ein Fehler passiert.”