Rivalität unter Geschwistern – was Eltern tun können | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 07.04.2026 00:08

Rivalität unter Geschwistern – was Eltern tun können

Streit gehört bei vielen Geschwistern zum Alltag dazu - und ist ganz normal. (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)
Streit gehört bei vielen Geschwistern zum Alltag dazu - und ist ganz normal. (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)
Streit gehört bei vielen Geschwistern zum Alltag dazu - und ist ganz normal. (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)

Geschwister-Beziehungen sind etwas Besonderes: Man kann sie sich nicht aussuchen und sie bleiben ein Leben lang. In den meisten Fällen verbringen Geschwister die wichtigsten Jahre der Kindheit und Jugend miteinander und machen gemeinsame Erfahrungen.

„Sie sind füreinander Lebenszeugen und können sich Kraft geben. Diese geteilte Erfahrung prägt ganz stark“, sagt Prof. Inga Pinhard, Leiterin des Ressorts Pädagogik bei SOS-Kinderdorf im Interview. 

Das liege daran, dass Geschwister ganz viel füreinander bedeuten: Vorbilder, Vertraute, Begleiter, manchmal auch Beschützer, Rivalen und Verbündete. Kaum eine soziale Beziehung sei so eng und halte auch so lange wie die unter Brüdern und Schwestern.

Die Professorin für Soziale Arbeit gibt Tipps, wie Eltern dazu beitragen können, dass sich Geschwister langfristig gut verstehen.

Frau Pinhard, Konkurrenz unter Geschwistern – ist das normal? Und ab wann müssen sich Eltern Sorgen machen?

Inga Pinhard: Ja, Konkurrenz ist normal und das ist auch wichtig für die Entwicklung von Kindern. Oft gibt es Rivalitäten, Konkurrenz und gleichzeitig auch das Umeinander-Kümmern. Das alles gehört zu einer Geschwister-Beziehung. 

Streit haben, Streitkultur entwickeln kann man mit Geschwistern ganz wunderbar lernen. Das sollten Eltern auch steuern. Wichtig ist, dass Eltern Kindern Spielräume lassen, diese Konflikte alleine zu bewältigen, und gleichzeitig ohne Bedingungen für sie da sind. In dem Moment, in dem das Wohl, also die körperliche und seelische Unversehrtheit eines Kindes nicht mehr gewährleistet ist, müssen Eltern eingreifen.

Dabei ist Streit oft altersabhängig. In einem bestimmten Alter versteht man sich besser, dann wieder schlechter, dann wieder besser. Diese Rivalitäten unter Geschwistern, die wandeln sich auch wieder. Und sie schließen nie aus, dass sie sich trotzdem viel bedeuten.

Ein Risiko ist, wenn Geschwister ein ungleiches Verhältnis zu den Eltern entwickeln. Geschwister reagieren extrem sensibel auf Bevorzugung oder Ungleichbehandlung und das kann auch in der Entwicklung deutlich belasten. Da sollten Eltern genau hinschauen.

Wie können Eltern gegensteuern, wenn die Kinder sich ungleich behandelt fühlen?

Pinhard: Es ist wichtig, dass Eltern ihre Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit anerkennen. Sie dürfen verschieden sein und sie dürfen unterschiedliche Bedürfnisse haben. Und das nicht zu bewerten, ist schwer, weil es oft unbewusst und gar nicht absichtsvoll passiert. 

Eltern sollten auch alle Geschwister in ihrer Beziehung zueinander im Blick haben und die Sichtweisen, Gefühle und Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes wahr und auch ernst nehmen und, das ist schwierig, möglichst niemals abwerten. Auch Verhalten oder Situationen, die mit Blick von außen erst einmal positiv bewertet werden, können negative Auswirkungen haben. 

Ein Beispiel dafür ist: Ein Kind fühlt sich stark verantwortlich für seine Geschwister und handelt entsprechend. Verantwortungsübernahme ist unkritisch, solange sie nicht von dem Kind selbst als Überlastung erlebt wird oder die Unselbstständigkeit der Jüngeren fördert, weil sie immer den Beschützer mit dabeihaben und vorschicken können.

Und selbst wenn ein Geschwisterkind zurücksteckt, weil das andere zum Beispiel wegen Krankheit gerade mehr Unterstützung benötigt, sollte ich den Blick für dieses Kind, das scheinbar so selbstständig und eigenverantwortlich handelt, nicht verlieren. Eltern müssen Verantwortung für alle Kinder übernehmen.

Eingefahrene Rollenzuschreibungen wie die „Vernünftige“ oder das „Nesthäkchen“ können Geschwister-Beziehungen belasten. Wie können Eltern ihren Kindern da raushelfen?

Pinhard: Ich glaube, das passiert oft unwillkürlich, indem man eigene Erinnerungen immer wieder auf Kinder überträgt. Dieser Moment der Übertragung kommt häufig vor. Das sind auch Familienmythen, wenn Großeltern sagen: Mensch, die Kleine kommt ja ganz nach XY. Prompt werden diesem Kind Eigenschaften zugeschrieben, für die es vielleicht gar nichts kann.

Es ist wichtig zu wissen, dass sich in unserem eigenen Erziehungshandeln ganz stark auch das eigene Erzogenwordensein widerspiegelt. Und es ist ein entscheidender Faktor für Eltern, sich selbst zu reflektieren, die Perspektive zu wechseln und zu überlegen, welche Erfahrung habe ich eigentlich gemacht? Und wenn ich jetzt auf mein Kind schaue: Sehe ich da das Kind oder meine ich auch mich selbst, wenn ich dem Kind bestimmte Bedürfnisse zuschreibe? Das ist ein wichtiger Punkt, um aus diesem Rollenspiel herauszukommen.

Und eine andere Möglichkeit ist, zu schauen, was braucht denn mein Kind gerade, wenn es besonders wild ist oder wenn es mir besonders wild vorkommt? Was passiert denn da gerade in der Entwicklung? Vielleicht hat das gar nicht so viel mit der Persönlichkeit zu tun, sondern ist ein Altersthema. Bestimmte Entwicklungsphasen machen rebellischer oder führen zu mehr Rückzug.

Und ich kann auch im Alltag gegensteuern: Also wenn es immer die Ältere ist, die wilder ist, und die Jüngere diejenige ist, die den Tisch abräumt, dann sage ich bewusst: „Nein, du bist heute dran.“ 

Oder wir stellen Familienregeln zusammen auf, indem wir überlegen: Wie wollen wir das denn eigentlich haben, dass nicht immer der eine das und der andere jenes macht, weil es sich so eingespielt hat? Es ist wichtig, die Kinder zu beteiligen. Beteiligung und Ernstnehmen der individuellen Bedürfnisse aller kann ein Schlüssel sein, um Stereotype innerhalb der Familie, die sich im Alltag einschleichen, aufzubrechen.

© dpa-infocom, dpa:260406-930-912794/1


Von dpa
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