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Veröffentlicht am 23.03.2025 19:09

Werkeln wie in der Steinzeit im Wald bei Ergersheim

Mit dem Nachbau eines steinzeitlichen Dechsels versuchen die Wissenschaftler, aus einer Eiche die Schlitzpfosten zum Nachbau eines über 7000 Jahre alten Brunnens herauszuarbeiten. (Foto: Hans-Bernd Glanz)
Mit dem Nachbau eines steinzeitlichen Dechsels versuchen die Wissenschaftler, aus einer Eiche die Schlitzpfosten zum Nachbau eines über 7000 Jahre alten Brunnens herauszuarbeiten. (Foto: Hans-Bernd Glanz)
Mit dem Nachbau eines steinzeitlichen Dechsels versuchen die Wissenschaftler, aus einer Eiche die Schlitzpfosten zum Nachbau eines über 7000 Jahre alten Brunnens herauszuarbeiten. (Foto: Hans-Bernd Glanz)

Seit 2011 sind Wissenschaftler verschiedener Universitäten und Studierende im Eichenwald von Ergersheim (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) unterwegs, um jährlich experimentalarchäologische Versuche anzustrengen. Klingt zunächst nach trockener Materie, womöglich gar nach langweiligen Aktionen. Wer die Wissenschaftler, Mitarbeiter von Denkmalämtern, von Museen und Archäotechnikern am Wochenende im Wald besuchte, sah: Das genaue Gegenteil ist der Fall.

So war der später als „Kupferbeil-Killer“ verulkte Baum Gegenstand zahlreicher Frotzeleien, die sich Thomas Bartz von Kollegen anhören durfte. Sein Kupferbeil befand sich just an der Stelle, an der ein gefällter Baum zum Liegen kam. Ergebnis: Ein gebrochener Stiel.

Aufwendige Handarbeit ist für die Herstellung nötig

Dazu muss man wissen, dass die Forscher sich nicht einfach für wenige Euros ein neues Beil im Baumarkt holen. Die Experimentalarchäologen arbeiten mit selbst gefertigten, nach steinzeitlichen Funden rekonstruiertem Werkzeug, sprich: Kaputtgegangenes muss in aufwendiger Handarbeit neu geschaffen werden.

Neu geschaffen ist auch das Stichwort, um das sich im Ergersheimer Wald alles dreht. Auf der Homepage der Ergersheimer Experimente (www.ergersheimer-experimente.de) sind deren Grundlage, wissenschaftliche Ansätze und die Ergebnisse detailliert nachzulesen.

Also kein Hobbytreff am Wochenende, um dem Wissenschaftsalltag zu entfliehen. „Nach der aktuellen Definition ist die Ausgangslage für experimentalarchäologische Versuche eine genau definierte Fragestellung. Die Ergebnisse aus den Versuchen müssen messbar und jederzeit nachvollziehbar sein und müssen in allen Einzelheiten dokumentiert werden. Diese Ergebnisse müssen später unter den definierten Bedingungen jederzeit reproduzierbar sein.“, heißt es dort.

Jeder Schlag wird dokumentiert

Folgt man dem Klopfen, dem Hämmern, den schweißtreibenden Arbeiten im Umkreis von rund hundert Metern, so sieht man allenthalben Kameras aufgebaut, die jeden Schlag mit dem Beil, jede Bewegung der Dechseln oft stundenlang aufzeichnen. Nahezu jeder, der am Experiment beteiligt ist, hat einen Fotoapparat oder zückt immer wieder sein Handy, um Fotos zu machen. Unter anderem wurde auch das gebrochene Kupferbeil von Thomas Bartz von allen Seiten dokumentiert.

Wenige Meter weiter versuchen sich die Wissenschaftler an der möglichen Technik, die der Holzbearbeitung des Brunnes von Ostrov in Tschechien zugrunde liegt. Dort war beim Autobahnbau ein steinzeitlicher Brunnen zum Vorschein gekommen, in Fachkreisen eine Sensation. Aktuell handelt es sich dabei um den ältesten Brunnen, der in Europa entdeckt wurde.

Wie baute man vor 7000 Jahren einen Brunnen?

Holzuntersuchungen zeigen, dass dieser Brunnen um das Jahr 5256 vor Christi Geburt entstand, in der Jungsteinzeit. Bis dato gab es keine Hinweise, dass eine derartige Konstruktion mit Schlitzpfosten schon so früh in der Menschheitsgeschichte entstand. Grund genug, in Ergersheim mit jungsteinzeitlichen Werkzeugen zu erforschen, wie derlei mit den vor weit über 7000 Jahren verfügbaren Hilfsmitteln ausgeführt worden sein könnte.

Deutlich später, mit der Zeit des Römischen Reiches, beschäftigt sich Rüdiger Schwarz vom Römerkastell Saalburg. Anhand nachgewiesener Funde versucht Schwarz vom dortigen museumspädagogischen Team den Nachbau einer römischen Werkbank. Vom Fällen einer Eiche mit einem Sortiment römischer Äxte bei einem der vergangenen Treffen im Wald stand diesmal beim elften Ergersheimer Experiment das Spalten eines Stammes mit Holz- und Eisenkelten auf dem Programm.

Übrigens, auch die Bäume, die die Gemeinde Ergersheim zur Verfügung stellt, werden auf steinzeitliche Art und Weise gefällt: So fiel eine Eiche mit 28 Zentimetern Durchmesser und 1,03 Meter Umfang durch ein Bronzebeil in rund 45 Minuten mit exakt 987 Schlägen. So viel Genauigkeit muss sein.


Von Hans-Bernd Glanz
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